14. Mai 2018, 20:22 Uhr

In atemberaubendem Tempo

14. Mai 2018, 20:22 Uhr
Wenig Requisiten: Ein Stirnband und das Buch »Unter Geiern« – mehr braucht Ilja Richter nicht, um die schrägen und kriminellen Seiten von Karl May aufzuzeigen. (Foto: lod)

»Vergesst Disco« könnte man sagen, erlebt man Ilja Richter auf der Bühne, so wie am Samstagabend im Alten Hallenbad. Noch immer denkt nahezu jeder an die 143 Disco-Sendungen des ZDF, die er von 1971 bis 1982 moderierte.

»Vergesst Winnetou« heißt das aktuelle Programm des bekennenden Berliners, der in seiner »wilden Lesung mit Musik« das schräge Leben von Karl May, des noch immer erfolgreichsten deutschen Schriftstellers, beleuchtet. Doch ganz vergessen kann der Besucher dabei weder Winnetou noch die Disco-Zeit des begnadeten Schauspielers, Entertainers und Sängers.

Gleich zu Beginn des Programms erklingt die weltberühmte Melodie aus den Karl-May-Filmen, im zweiten Teil fürs »Kopfkino« noch einmal. In seiner zweistündigen »literarischen Buchhalterei« mischt der 65-Jährige in geradezu atemberaubenden Tempo Zitate aus Mays Büchern mit Auszügen aus May-Biografien und viel Musik zusammen.

Das erinnert stark an die legendären Einspielfilme in den Disco-Sendungen. Mays Aufstieg vom Kleinkriminellen zum bis zu seinem Tod 1912 umstrittenen Literaten beleuchtet Richter alles andere als chronologisch. Das sorgt für viel Abwechslung in dieser Revue à la Richter, verlangt vom Besucher aber auch große Konzentration. Im Alten Hallenbad gelingt das Richter hervorragend. Er wechselt geradezu fliegend von einer Erzählung zum Gesang; immer wieder imitiert er bekannte Personen des öffentlichen Lebens, genauso wie in den Disco-Zeiten.

Und er stellt Verbindungen zur Gegenwart her von Chris Howland über Thomas Gottschalk bis hin zu Bully Herbig und Roger Willemsen. Ernst Bloch bezeichnete er »als kleinen Mann mit Großer Fantasie«. Der Philosoph gehört zu dem illustren Kreis an prominenten Karl-May-Fans, zu denen auch Carl Zuckmayer und Adolf Hitler zählten. Dass Zuckmayer seine Tochter mit Zweitnamen Winnetou nannte, erstaunt die Zuhörer ebenso, wie Hitlers Liebe zu den Karl-May-Büchern.

»Schon Hitler war ein Trumpist«, stellt Richter fest und zitiert Marschbefehle der Wehrmacht, in denen die Soldaten gegen Kriegsende aufgefordert wurden, wie Winnetou und Indianer zu kämpfen. Dass May es war, der das Bild der Deutschen über den Orient maßgeblich prägte, ist vielen sicher nicht bewusst. Einmal mehr stellt Richter blitzschnell eine Verbindung zur Gegenwart her: »Durch Erdogan lesen wir uns ganz neu durchs wilde Kurdistan.« Genauso abwechslungsreich wie Mays Leben ist Richters Programm, in dem er auch auf die Versuche in der DDR einging, nicht auf Karl May zu verzichten. Richter: »Ob Ost, ob West – Heimatfilm bleibt Heimatfilm«.

Sieben Jahre Gefängnis

Für seine May-Hommage benötigt Richter kleine Requisiten: Einen Stuhl, mehrere Bücher, einige Hüte, eine Ukulele und zwei weiße Federn, die mal zur Schreib- und dann wieder kurz zur Indianerfeder mutieren.

Die Betrügereien und die Hochstaplerei, die dem Sachsen insgesamt sieben Jahre Gefängnis einbrachten, aber auch Mays Frauengeschichten, sowie dessen Intelligenz und Fantasie bringt Richter auf einen Nenner: »Karl May war kein Einstein, doch lange nicht so ein Schwein wie Weinstein.«

Zwischendurch dann wieder eine Disco-Hommage: »Licht aus – Gedicht an«, sagt Richter, der als Elfjähriger schon Kinderrollen im Theater spielte.

So zelebriert er den Buffalo-Bill-Song mit den Besuchern, einer wird zum Westernhelden und erhält natürlich einen Spot. Gegen Ende der umjubelten May-Richter-Revue zeigt er mit dem Wiener Couplet »Schnucki, ach, Schnucki, fahrn mehr nach Kentucky« noch einmal seine hohe schauspielerisch-kabarettistische Qualität. Ein toller Abend.

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