Poetry Slam

Holocaust-Gedenken: Poesie gegen das Vergessen

Mehrere Künstler haben im Friedberger Junity auf besonderer Weise der Opfer des Holocaust gedacht. Etwa 100 Zuhörer lauschten dem Poetry Slam.
30. Januar 2018, 11:00 Uhr
Vor der ehemaligen Synagoge in Friedberg gedenken die Besucher der Slam-Poetry der Opfer des Holocausts. Dort ist auch ein Kranz niedergelegt worden. (Fotos: Rohde)

Holocaust – Synonym für unvorstellbares Grauen, völlige Entmenschlichung, pervertierte Bürokratie. Wie sich dem Unfassbaren annähern, 73 Jahre nach Kriegsende? Das Jugendhaus Junity hat mit Poetry Slam Wetterau und der Antifaschistischen Bildungsinitiative ein generationenübergreifend ansprechendes Format für das Gedenken an die Opfer des Holocausts entwickelt. Auch in diesem Jahr zog der Poetry Slam zum Gedenken knapp 100 Zuhörer im Junity in ihren Bann.

Mit Lesungen aus Zeitungsartikeln führte Verleger Thorsten Zeller in Aspekte des Abends ein und setzte im Verlauf der Veranstaltung weitere thematische Akzente. Man könne auch über ein spaßbefreites Thema wunderschöne Texte schreiben, leitete er zu Dominik Rinkart über, der als »Quotenmann« unter den sieben geladenen Künstlerinnen und Künstlern den Vortragsreigen eröffnete.

 

D. Rinkart
D. Rinkart

 

Poetry-Slam, das ist ein literarischer Vortragswettbewerb mit selbst geschriebenen Texten, zeitlichen Vorgaben und einer abschließenden Bewertung durch das Publikum. Da der Wettbewerbscharakter an diesem Abend außen vor gelassen wurde, nannte sich die Veranstaltung »Slam Poetry«, was gleichbedeutend ist mit »live vorgetragener Literatur«. Dementsprechend traten die sonst im Poetry-Slam unverzichtbaren performativen Elemente und die bewusste Selbstinszenierung der Vortragenden hinter die Inhalte zurück.

Hass ist so alltäglich, und das macht mir Angst

Lea Klein

Dominik Rinkart präsentierte seinen Text mit subtiler Betonung. »Im Gespräch« mit dem Antagonisten »Horst« entpuppten sich dessen Ansichten und Meinungen, Sorgen und Ängste für das protagonistische Ich als plausibel, allerdings jeweils mit anderen Vorzeichen. Fast beängstigend empfand der Protagonist die Konfrontation mit Sätzen, die er selbst – »nur eben andersherum« – genauso hätte sagen können und die aus dem Mund von Horst eben doch nichts weiter waren als »populistisches Geschrammel eines Stammtischclowns«. Eine fein konstruierte Geschichte über die Schwierigkeit von Differenzierung und Auseinandersetzung im alltäglichen Leben.

 

C. Duru
C. Duru

 

»Deutsch zu sein heißt, plötzlich rein zu sein«, stellte Cansev Duru fest und philosophierte in ihrem poetischen Text mit knallhartem Inhalt über die Angst, »an braunem Abschaum zu ersticken, in braunem Schlamm zu ertrinken«. Maria Sailer erzählte in ihrem Text von den »Grenzen meiner Welt«. Sie widmete ihn einer Gruppe von Viertklässlern, mit denen sie kürzlich auf den Krieg zu sprechen gekommen war. Ihr Versuch, den Zehnjährigen die Geschehnisse der 30er und 40er Jahre verständlich zu machen, endete mit dem Fazit einer Schülerin: »Der Hitler war ja ein ganz schönes A…«.

Beklemmend wirkte »Entmenschlichung leicht gemacht. Eine Ableitung in sieben Schritten«, die Katharina Rambeaud ebenso stoisch vortrug wie ein neues Kochrezept. Von der »Sündenbocksuche« über das »Fördern von Vorurteilen« mithilfe der Medien und die räumliche und wirtschaftliche Ausgrenzung der Sündenbock-Gruppe bis zu der Namenlosigkeit ihrer Mitglieder beschrieb Rambeaud einen plausiblen Ablaufplan, dessen Brisanz darin begründet ist, dass es theoretisch jederzeit wieder jemanden geben könnte, der ihn umsetzt.

 

Wenn die Nazis Anfang der 30er Jahre gescheitert wären

 

»Hass ist so alltäglich, und das macht mir Angst«, rief Lea Klein in den Raum und forderte zum Mut auf, mit Geduld den einzelnen Menschen zu verändern und damit letztlich vielleicht die Welt. Eine positive Utopie hatte Lea Weber mitgebracht – einen fiktiven Dialog unter der Voraussetzung, der Siegeszug der Nationalsozialisten Anfang der 30er Jahre wäre verhindert worden. Sie zog Parallelen zur heutigen Zeit mit AfD, US-Präsident Trump und dem wiedererstarkten Rassismus und verlieh ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die übernächste Generation auf die politische Abwehrleistung ihrer Großeltern werde stolz sein können.

Der beeindruckendste und auch am nachdrücklichsten vorgetragene Beitrag des Abends stammte von Bonny Lycen, die unter dem Titel »Dresden« das Inferno der Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar plastisch vor Augen führte. Ein Text, der unter die Haut ging, für den man sich aber einen anderen Rahmen als die Holocaust-Gedenkveranstaltung gewünscht hätte.

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