20. Februar 2018, 20:11 Uhr

Hochzeits-Chaos im Hause Hesselbach

20. Februar 2018, 20:11 Uhr
Wortgewaltig entfaltet Jo van Nelsen das Chaos im Hause Hesselbach. (Foto: gk)

Wer bis dato geglaubt hatte, nur in Kreisen der Reichen und Schönen gebe es turbulente Hochzeiten, der irrte gewaltig. Jo van Nelsen, bestes Ein-Mann-Theater der Welt, belehrte ihn bzw. sie eines Besseren – am Sonntag im ehemaligen Kesselhaus des Alten Hallenbads mit einer weiteren Episode aus dem Hesselbach’schen Familienepos.

Tochter Heidi Hesselbach und Fred Lindner, Prokurist in der schwiegerväterlichen Druckerei, wollen sich in zwei Stunden ewige eheliche Treue vor dem Standesbeamten versprechen und anschließend den kirchlichen Segen in Empfang nehmen. Seit Stunden bricht eine Geschenkeflut über die Verlobten einschließlich Babba und Mamma herein: Torten, Küchengerät, Babysachen, aber auch künstlerisch Wertvolles wie die Figur einer neo-barocken Schäferin, die im allgemeinen Hin und Her zu Bruch geht.

Dann passiert es: Zwischen Heidi und Fred kommt es zum Streit. Was ist geschehen? Er hat dem Überbringer eines Geschenks »zwanzisch Makk« Trinkgeld gegeben. Die sparsame Heidi ist entsetzt ob so viel Leichtfertigkeit ihres künftigen Ehemanns in Geldangelegenheiten. Ein Wort ergibt das andere, bis Fred wütend aus dem Zimmer stürzt. Babbas und Mammas zunehmend hysterischer bzw. zynischer werdende Versuche, ihre Tochter zu besänftigen, bleiben vergeblich.

In gewohnter Weise lässt Autor Wolf Schmidt, der am vergangenen Montag 105 Jahre alt geworden wäre, keine Pointe aus, um die Lachmuskeln seiner Leser in Ekstase zu versetzen. Vollends gelingt dies jedoch erst, wenn ein genialer Verwandlungskünstler wie Jo van Nelsen das vorhochzeitliche Chaos sich wortgewaltig entfalten lässt. Präzise formuliert: Van Nelsen imitiert nicht, sondern ist für die Dauer von 90 Minuten Heidi, Fred, Babba, Mamma, Peter etc. Und wir können sagen: Wir sind dabei gewesen – mittendrin im Hexenkessel. Aber setzt uns Schmidt nicht immer wieder die gleichen Klischees von der zur Hysterie neigenden Mamma und dem bei ehelichen Auseinandersetzungen zynisch werdenden Babba vor? Mag so sein. Dem Autor gelingt es jedoch, dem Klischee neue Seiten abzugewinnen, sodass es nie abgegriffen daherkommt.

Nach der Pause taucht Fred wieder auf. Auch seine Mutter hat den Weg in die Provinz gefunden. Für kostbare Minuten diese Frau in ihrer Blasiertheit, Laszivität und Exaltiertheit nicht zu spielen, sondern zu sein: Darin bestand van Nelsens stärkste Leistung, besser geht’s nimmer. Langanhaltender Beifall verabschiedet den Meister – am 18. März wird er uns wieder beglücken.

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