22. August 2017, 13:00 Uhr

Friedberger Kino

Hier wohnen Sie im Kinosaal

Seit vielen Jahren stand das Pali in Friedberg leer. Einst stand hier Friedbergs erstes Kino. Nun werden Wohnungen mit Gründerzeit-Flair gebaut.
22. August 2017, 13:00 Uhr

Wo einst die »Wochenschau« und die Heimatschnulzen der Nachkriegszeit über die Leinwand flimmerten, entstehen mitten in der Friedberger Innenstadt 14 Eigentumswohnungen mit zwei bis vier Zimmern und einer Größe zwischen 46 und 105 Quadratmeter. Einige sind als Maisonette-Wohnung über zwei Geschosse angelegt, alle sind sie mit Balkon oder Terrasse ausgestattet. Den Saal des Pali in der Ludwigstraße wieder als solchen zu nutzen, etwa für ein Fitness-Studio, sei nicht möglich, sagt Architekt Ulrich Ackva. »Dafür fehlen Parkplätze.« Deshalb wird im einstigen Kinosaal eine Betondecke eingezogen, um zwei Geschosse zu erhalten.

Lange Jahre traute sich niemand an das Projekt heran. Das hängt mit dem Grundstückszuschnitt zusammen. Das Pali liegt an der Ecke Bismarck- und Ludwigstraße. Hinter dem Saalbau führt ein schmaler Streifen Land zum Hof des Reuss- und Breitenfeldergeländes, wo die Kaisergalerie geplant war. Die Stadt wollte den Zugang zum Hof freihalten, also erwarb die Nassauische Heimstätte den Streifen Land vor Jahren. Bei einer Sanierung des Saals hätte die Bühne abgerissen werden müssen.

»Der Bauteil der Bühne kann jetzt doch erhalten werden«, sagt Ulrich Ackva. Er hat eine Lösung gefunden. Seine Pläne sehen eine drei Meter breite Rettungszufahrt vor. Der 53-jährige Architekt, der in Wetzlar und Friedberg lebt, hat Erfahrung mit der Sanierung denkmalgeschützter Altbauten. In der Altstadt von Wetzlar hat er dem Steighausplatz ein neues historisches Aussehen verliehen, er hat in Berlin Wohnprojekte und in Lugano ein Hotel mit historischer Bausubstanz entwickelt und war unter anderem in Basel Mitarbeiter des Architekturbüros, das die Allianz Arena in München und die Elbphilharmonie in Hamburg geplant hat.

Eckhaus und Saal des Pali stammen aus der Gründerzeit, der Bauantrag stammt von 1889. Bis 1905 gab es einige Umbauten, so wurden die beiden Baukörper durch einen Mitteltrakt verbunden. »Die Ludwigstraße war eine der ersten Adressen in Friedberg«, sagt Ackva. Auch heute stehen hier noch etliche attraktive Stadtvillen.

Ackvas Entwurf transportiert den Baustil des Kaiserreichs in die Moderne. Das Dach erhält eine Schieferdeckung statt der bisherigen Betonpfannen, hinten werden Gauben und vorne Dachflächenfenster eingebaut. Die Fassade des Saals ist durch Rundbögen und viel Glas geprägt. Die drei Gebäudeteile setzen sich durch leicht unterschiedliche Farben voneinander ab. »Ich habe den Geist des Hauses aufgegriffen und weiterentwickelt«, sagt Ackva. Dazu gehört, dass sich das Haus in die Umgebung einfügt und die Atmosphäre der Straßenzeile aufnimmt. Die Modernisierung sei vor allem auf Dauerhaftigkeit ausgelegt.

 

Wohnung mit Vorgarten

 

Im Erdgeschoss entstehen acht Garagenplätze für Pkw, zwei Parkplätze an der Straße kommen hinzu. Die Alleebäume bleiben davon unberührt. Da sich für Büro- und Ladennutzung keine Interessenten fanden, wird auch das Eckhaus komplett zu Wohnungen umgebaut, im Erdgeschoss mit einem kleinen Vorgarten. Das Treppenhaus samt Aufzug entsteht neu.

Bauherr ist die eigens hierfür gegründete Pali Bauträger GmbH mit Sitz in Wetzlar. Bis auf drei Wohnungen seien alle verkauft, berichtet Ackva, der aufgrund anderer Projekte zwar nicht die Bauleitung übernommen hat, den Eigentümern aber weiterhin als Berater zur Seite steht. Die Fertigstellung ist für 2018 vorgesehen.

Das Pali steht denkmalschutzrechtlich unter Ensemble-Schutz, ist nicht als Einzeldenkmal deklariert. Das erlaubt gewisse Freiheiten bei der Gestaltung. So gehen die Rundbögen an der Fassade des Saals auf den Ursprungsentwurf zurück, der so nie verwirklicht wurde. Ackva spricht von langwierigen Abstimmungen, der Planungsprozess bis zur Genehmigung habe sich über mehr als zwei Jahre hingezogen. »In anderen Landkreisen, in denen ich denkmalgeschützte Häuser saniert habe, lief’s etwas besser.«


 

Info

Von Groß-Friedberg zum Pali

»Groß-Friedberg« nannte sich das Café samt Kino- und Theatersaal, das wohl 1924 in der Ludwigstraße 18 eröffnet wurde. Es war das erste Kino der Stadt (später folgten Roxy und Central). Auf dem Programm standen Filmvorführungen, Aufführungen auswärtiger Theatergruppen oder ein »Walzer- und Operettenabend unserer verstärkten Jazzkapelle« (Anzeige vom 19. Mai 1926). Bald konzentrierten sich die Betreiber (von 1926 bis 1970 die Familie Baab, die alle Friedberger Kinos betrieb) ganz auf Filme. Anfangs gab es im Saal 530 Sitzplätze, später waren es durch Umbauten 420. Was kaum jemand weiß: Unter dem Saal gab es einen großen Eiskeller. Während der Bombardierung von Friedberg im Zweiten Weltkrieg fanden hier bis zu 400 Menschen Schutz. Das Gebäude gehörte zeitweise der Ovag und dann der Sparkasse. In den Achtzigerjahren überlegte die Politik, hier das Jugendzentrum unterzubringen. Aufgrund der zu erwartenden Lärmbelästigung zerschlugen sich diese Pläne. Nach der Insolvenz des vormaligen Besitzers zog sinnigerweise die Insolvenzabteilung der Sparkasse ins Eckhaus ein. (jw)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Friedberg
  • Kinofilme
  • Nassauische Heimstätte Wohnungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH
  • Wohnen
  • Friedberg
  • Jürgen Wagner
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.