»Ilbenstädter Dekameron«

Frivoles aus dem Kloster

Davon erzählt man sich in Ilbenstadt seit vielen Generationen: Einst sei ein unterirdischer Gang zwischen Männer- und Frauenkloster gegraben worden. Einige pikante Geschichten gibt es jetzt in Buchform.
06. März 2018, 19:00 Uhr
Der Nonnenhof in Ilbenstadt. Das helle Gebäude ist ein Teil des alten Klostergebäudes.

Vor 13 Jahren zog der Vorsitzende der Nabu-Umweltwerkstatt Wetterau, Frank Uwe Pfuhl, mit anderen Hobby-Forschern durch Niddatal. Auf der Jagd nach spannenden Geschichten wurden Archive durchforstet und Ortsbürger befragt. Fast jeden Stein hätten sie umgedreht, erinnert sich der Assenheimer. Es dauerte nicht lange, bis sie in Ilbenstadt auf zwei geheimnisumwitterte Orte stießen – das Männerkloster an der Basilika und das Frauenkloster Nieder-Ilbenstadt, im Volksmund »Nonnenhof« genannt.

Die Fakten sind bekannt: Bis zum Jahr 1138 waren Nonnen und Mönche in einem Doppelkloster untergebracht. Danach verfügte der Prämonstratenser-Orden die Geschlechtertrennung. Der Nonnenhof entstand. Dort lebten und arbeiteten etwa 25 Schwestern, die allesamt aus der Umgebung stammten. Bis zur Auflösung der kirchlichen Besitztümer unter Napoleon betrieben die Frauen Landwirtschaft, Gartenbau und eine Federviehhaltung.

 

Schriften im Eiskeller entdeckt

 

Bürgermeister Hertel liest eine Novelle aus dem Ilbenstädter Dekameron vor.
Bürgermeister Hertel liest eine Novelle aus dem Ilbenstädter Dekameron vor.

Weitaus spannender ist allerdings die Überlieferung, es habe einen unterirdischen Gang zwischen beiden Klöstern gegeben. Fiktion und Wirklichkeit trennen sich aber bei der Suche nach dem Tunneleingang. Seine Lage ist inzwischen in Vergessenheit geraten. Pfuhl, der alle Ecken in Ilbenstadt nach einem Zugang absuchte, hat eine Vermutung: »Der untere Eingang im Nonnenhof könnte bereits nach der Säkularisation verschüttet worden sein. Der Zugang im Oberkloster ging vermutlich durch den verheerenden Brand von 1963 verloren.«

 

Das Papier löste sich fast zu Staub auf

Frank Uwe Pfuhl über seinen Fund

 

In einer Wandnische des wiederentdeckten Eiskellers machte er dennoch einen Sensationsfund: Eine rostige Schatulle kam zum Vorschein, in der sich eine Textsammlung befand. »Das Papier löste sich fast zu Staub auf«, erzählt Pfuhl. »Der Tintenfraß war dabei, alles zu zerstören. Wir ließen es im Labor untersuchen. Es sind unterschiedliche Handschriften aus dem 18. Jahrhundert. Das Papier könnte aus der ehemaligen Ilbenstädter Mühle an der Nidda stammen.« Stück für Stück setzte Pfuhl die Lückentexte zusammen. Seine Rekonstruktion ergab erotische Kurzgeschichten in Novellenform, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem »Dekameron« des Italieners Boccaccio aufweisen. Aber es gibt auch Unterschiede: Namen und Orte haben stets einen regionalen Bezug zu Ilbenstadt und der Wetterau.

Seit 2005 konnten 21 Novellen rekonstruiert werden. Jetzt sind zehn davon als »Ilbenstädter Dekameron« in Buchform erhältlich. Am Samstagabend fand die Buchvorstellung in der ausverkauften »Reiterstube« des Nonnenhofes statt. Rund 80 Gäste lauschten bei Kerzenlicht und Rotwein den Lesungen. Eindeutig zweideutig, bisweilen sehr frivol, ging es zur Sache. Bürgermeister Dr. Bernhard Hertel ließ es sich nicht nehmen, die Geschichte der Bauerstochter Venda vorzulesen, die vom Sakristan Michel gelehrt bekam, wie man den »Teufel« (und das möglichst oft) in die »Hölle« schickt.

Frank Uwe Pfuhl führt sachverständig und humorvoll durch den Abend.
Frank Uwe Pfuhl führt sachverständig und humorvoll durch den Abend.

Sylvia Holy-Grund, Henning Stahl und Doris Jensch wussten Delikates aus dem Haus der Friedberger Burggrafen und vom Raubritter Ruprecht von Carben zu berichten. Zusammen mit Nadia Soullard-Joust trug Frank Uwe Pfuhl ein französisch-hessisches Sonette vor. Bei dem Text könne es sich um eine Abschrift handeln, nimmt er an. Die Ballade weise eine frappierende Ähnlichkeit mit Werken des um 1463 verschollenen, französischen Dichters Francois Villon auf. Fragen bleiben: Waren Villon und der angebliche Verfasser Franziscus Bergkörber vielleicht ein und dieselbe Person? Tauchte der Mönch im Ilbenstädter Kloster unter, um sich der weltlichen Gerichtsbarkeit zu entziehen?

Es ist denkbar, dass die Antworten ausbleiben müssen. Auch der Geheimgang dürfte ohne Hinweise in dem abfallenden Gelände schwer zu finden sein.

Info

Das Dekameron von Boccaccio

Giovanni Boccaccio (1313 bis 1375) verfasste das Dekameron (griechisch »deka« für zehn und »hemera« für Tag) in der Mitte des 14. Jahrhunderts. Es ist eine Sammlung von 100 Novellen. Die Rahmenhandlung: Sieben Männer und drei Frauen flüchteten 1348 vor der Pest aus Florenz und zogen in ein Landhaus. Um die Gruppe bei Laune zu halten, musste jede Person an zehn Tagen jeweils eine Geschichte erzählen. Das Ergebnis: 100 erotische Kurzgeschichten, die stilbildend für spätere Autoren wie Shakespeare, Goethe und Lessing waren

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