06. Mai 2018, 06:00 Uhr

Feldpost

Feldpost: Das letzte Familienfoto

Kurz bevor der Vater von Horst Schweitzer aus Wöllstadt nach Russland aufbrach, ging es zum Fotografen. Kurz darauf stirbt der Vater. Was bleibt, ist ein Familienfoto.
06. Mai 2018, 06:00 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Einmal, als Horst Schweitzers Vater zu Hause war, ging die Familie zum Fotografen. Es muss 1943 gewesen sein, vermutet der Wöllstädter. Dort entstand das einzige Familienfoto, das es gibt. Der Vater ging wenige Tage später fort - nach Russland. Kurz darauf war er tot.

Es war nicht ungewöhnlich, ohne Vater aufzuwachsen. »In meiner Generation gab es viele, die ihren Vater nie kennengelernt haben«, erzählt Horst Schweitzer. Am 25. August 1942 wird er geboren. Kurz nach der Geburt gibt seine Mutter in Friedberg ein Telegram auf. Adressiert ist es an Otto Schweitzer, der Vater des Jungen.

 

= JUNGE GEBOREN BEIDE GESUND

= ANNA

 

Otto Schweitzer war lange in Frankreich, erzählt sein Sohn Horst Schweitzer. Von dort wurde er nach Russland versetzt, kurz darauf starb er. Der genaue Ort, die Umstände, der Zeitpunkt – all das ist nicht sicher geklärt. Horst Schweitzers Mutter Anna hat lange versucht, es herauszubekommen, sich an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gewandt – wie so viele Hinterbliebene nach dem Krieg.

 

14 Millionen Anfragen

Dieser Suchdienst, der noch heute aktiv ist, geht auf den Rotkreuzbegründer Henry Dunant und seinen Einsatz auf den Schlachtfeldern von Solferino zurück – die Entscheidungsschlacht im Sardinischen Krieg. Dunant nahm Nachrichten der verletzten und sterbenden Soldaten entgegen und informierte die Angehörigen. Noch heute ist es die Aufgabe des Suchdienstes, das Schicksal von Vermissten aufzuklären, unter anderem aus dem Zweiten Weltkrieg. Von 1945 bis 1950 sind nach eigenen Angaben 14 Millionen Anfragen zu Angehörigen eingegangen. 2016 waren es knapp 9000.

Als sich Anna Schweitzer an den Suchdienst wandte, bekam sie folgende Antwort: An Heiligabend 1944 war das »Sturm-Regiment zusammen mit Teilen der 1. Skijäger-Division in einer tiefeingeschnittenen Schlucht« an der ungarisch-slowakischen Grenze stecken geblieben und in heftige Kämpfe mit sowjetischen Verbänden verwickelt.« Und: »Alle Feststellungen lassen nur die Schlussfolgerung zu, daß er bei diesen Kämpfen gefallen ist.«

Wenige Wochen vorher, am 3. Dezember 1944, hatte er einen letzten Brief nach Hause geschickt. Geschrieben an seinen zweijährigen Sohn.

 

Mein lieber Horst!

Pappa schickt Dir hier zu Weihnachten ein Spiel und wünscht Dir viel Freude mit diesem. Leider kann ich nicht an diesen schönen Tagen bei Dir sein, aber ich hoffe doch, daß ich an den nächsten Weihnachten bei Dir sein kann.

Nun sei schön lieb, damit sich Mama und Oma nicht ärgern.

 

Zweimal ist Otto Schweitzer nach der Geburt seines Sohns zu Hause und sieht den Jungen. Bei einem der Besuche gehen die Schweitzers zum Fotografen, Mama, Papa und Sohn werden fotografiert. Das einzige Familienfoto, das es gibt.

Horst Schweitzer bewahrt diese Erinnerungsstücke in einem Ordner auf. Zwischen dem letzten Feldpostbrief und der Verlobungskarte seiner Eltern:

Zwischen einer Gruppenfotografie der Hochzeitsgesellschaft (1937) und den Babybildern, die die Mutter an den Vater schickte und die wieder zurückkamen. Unter eines der Bilder hat sie zum Beispiel geschrieben:

 

Meinem Pappa,

süße Grüße und Küße von seinem Horstchen.

 

Als der Vater nach dem Krieg nicht zurückkehrt, suchen sowohl Anna Schweitzer als auch Rudolf Schweitzer, der Bruder, nach dem Vermissten. Ohne Erfolg.

 

Auszüge aus Schreiben an Suchdienst

Später, als Anna Schweitzer bereits tot war, begann Horst Schweitzer, sich mit dem Thema zu befassen, die alten Unterlagen der Mutter durchzusehen – er fand auch Auszüge aus dem Schreiben des Suchdienstes, die an seine Mutter als Antwort auf ihre Anfrage geschickt worden war. In diesem Antwortschreiben wird auch aus dem Bericht eines Adjutanten eines an der Schlacht beteiligten Bataillons zitiert. Darin heißt es:

 

»Nach anfänglichen Erfolgen blieb der Angriff in einer tiefeingeschnittenen Schlucht bei Kalsa und Silva (Karpaten) stecken. Als wir am 28. Dezember wieder in unsere Ausgangsstellung südlich der Straße Kaschau-Ungvar zurückkehrten, waren von 360 Mann noch 12 übrig geblieben (...). In dem bergigen und waldreichen Gelände aber haben viele Soldaten den Tod gefunden, ohne daß es von Kameraden bemerkt wurde.«

Genaueres erfahren Anna Schweitzer und Sohn Horst nicht. Der Sohn wächst bei seiner Mutter auf. »Sie hat nie wieder geheiratet.«

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