Eine Frau mit Widersprüchen

11. April 2018, 20:07 Uhr
Zahlreiche Briefe: Diese geben Einblicke in die Gedankenwelt Alma Mahler-Werfels. Daraus zitiert Sängerin Cornelia Haslbauer (l.) zusammen mit Inge Amondé. (Foto: gk)

»Die unbezähmbare Muse«: Unter diesem Titel erlebte die zahlreich erschienene Zuhörerschaft einen anregenden Nachmittag im Alten Hallenbad, der einer der faszinierenden Frauengestalten des letzten Jahrhunderts gewidmet war: Alma Mahler-Werfel geb. Schindler (zur Welt gekommen in Wien 1879, 1964 hochbetagt verstorben im New Yorker Exil) erwachte in einer szenischen Lesung mit Gesang der »Theatercompagnie Tagträumer« unter der Regie von Veronika Brendel zu neuem Leben.

Dessen Spuren mit all seinen Brüchen, seinen Höhe- und Tiefpunkten in knapp anderthalb Stunden nachzugehen, ist keine leichte Sache. Dem Quartett auf der Bühne des alten Kesselhauses (Uta Eckhard und Inge Amodé Rezitation, Cornelia Haslbauer Gesang, souverän assistiert von Nadja Belnejewa am Piano) ist dies überzeugend gelungen – auch wenn das von Alma gezeichnete Bild vielleicht doch ein wenig geschönt war.

Star des Nachmittags war Cornelia Haslbauer mit ihrer Interpretation zahlreicher Lieder Almas selbst (1910 als Kompositionsschülerin Alexander Zemlinkskys mit einer Sammlung von Klavierliedern an die Öffentlichkeit getreten), ihres ersten Mannes Gustav, Hugo Wolfs und Richard Strauss‹. Sich von Auftritt zu Auftritt steigernd, ließ die stimmgewaltige Mezzosopranistin mit ihrer präzisen, gut verständlichen Artikulation eine intime, fast suggestive Atmosphäre des ausgehenden fin de siècle in den beiden Jahrzehnten vor Kriegsbeginn 1914 erstehen.

»Wie das Meer ist die Liebe«, »Morgen wird die Sonne wieder scheinen«, »Steh’ auf«, »Ringelreih’n«: Dies sind nur einige der Lieder, nach deren Interpretation es schwerfiel, nicht zu applaudieren. Umso heftiger waren die Schlußovationen für Cornelia Haslbauer, ihre Begleiterin am Piano und die beiden Sprecherinnen. Sie waren weit mehr als nur Umrahmung für den Auftritt der Sängerin. Nicht durch langweiliges Textaufsagen und Zitieren, sondern szenisch bewegt wurde die »unbezähmbare Muse« auch im Wort lebendig.

Zitate aus Briefen von ihr, der drei Ehemänner Gustav Mahler, Walter Gropius und des 1945 verstorbenen Franz Werfel (mit dem sie 1940 Europa verließ) sowie aus ihrer 1960 erschienenen Autobiografie »Mein Leben« zeichneten ein vielfarbiges, facettenreiches Bild Alma Mahlers. Werfel (über den und dessen Judentum sie sich befremdlicherweise häufig negativ äußert) war als Einziger der drei Männer bereit, ihr Spielraum für eigene Aktivitäten zu lassen.

Die unzähmbare Muse

Mahler und Gropius ließen sie dagegen nur als Muse gelten, instrumentalisierten und degradierten diese vielseitig begabte Frau aus gutem Hause zur Inspiratorin ihres musikalisch-künstlerischen Schaffens. Gleiches gilt für Oskar Kokoschka, den Liebhaber für einige Jahre. Alma »rächt« sich an männlicher Bevormundung durch einen nur wenig von moralischen Skrupeln beeinträchtigten Lebenswandel.

Uta Eckhard und Inge Amodé ließen Almas Bild durch ihre Textauswahl heller erstrahlen als sie tatsächlich war. Vieles, was die »geschwätzige Witwe« in den Jahren nach Werfels Tod von sich gab, ist unsinnig bis abstoßend. Aber das gehört zum Widerspruch, zur Tragik dieses drei unterschiedlichste Epochen umspannenden Lebens.

Die rundum gelungene, Kopf und Herz bewegende Veranstaltung im voll besetzten alten Kesselhaus endete in lang anhaltendem, stürmischen Applaus.

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