11. August 2017, 08:00 Uhr

Weltreise

Ein Jahr um die Welt – allein und fast ohne Planung

Bettina Louis aus Friedberg träumte lange von einer Reise ohne große Planung in all die Länder, die sie schon immer mal besuchen wollte. So wurde ihr Traum Wirklichkeit:
11. August 2017, 08:00 Uhr
Eine der Reisestationen von Bettina Louis: die beeindruckende Landschaft Patagoniens. (Fotos: pv/lod)

Schon als Studentin war Reisen die große Leidenschaft von Bettina Louis. In den 80er Jahren hat sie monatelang die USA, Australien, Indien und Nepal bereist. Und bei der heute 57-Jährigen ist das Reisefieber nie erloschen. Eine Sendung mit Günther Jauch, in der eine Frau über ihre einjährige Reise zu ihren Lieblingsorten berichtete, gab den Ausschlag. »Das war vor einigen Jahren. Es hat mich nie losgelassen.« So beantragte die Lehrerin, die an der Berufsschule in Butzbach unterrichtet, für das Schuljahr 16/17 ein Sabbatjahr. Ihr einziger Plan war es, das gesamte Jahr reisend zu verbringen – und das ganz alleine.

Wichtig war ihr, nichts im Detail zu planen, um offen auf Anregungen reagieren zu können. Ehemann Wolfgang Dilly-Louis blieb zurück in Friedberg und unterstützte von Beginn an das Vorhaben seiner Frau. »Ich habe sie ja sogar mal fünf Jahre alleine gelassen. Da war ich beruflich nur unterwegs«, erzählt der Verkehrstechnik-Ingenieur. »Es war der richtige Zeitpunkt, unsere beiden Töchter sind aus dem Haus und Enkel haben wir noch keine«, sagt Bettina Louis über ihre eigene Reise.

 

Zwei Treffen mit ihrem Mann

 

Zu Bettina Louis Weltreise hat auch eine Tafelberg-Wanderung in ihrer jetzigen Lieblingsstadt Kapstadt gehört.
Zu Bettina Louis Weltreise hat auch eine Tafelberg-Wanderung in ihrer jetzigen Lieblingsst...

Am 16. Juli 2016 begann zunächst eine dreimonatige Radtour von Friedberg über Frankreich, Spanien und Portugal nach Marokko. 3500 Kilometer legte Louis radelnd zurück. Im spanischen Santander wurde ihr über Nacht das Rad gestohlen. »Sonntagmorgen war das Rad weg, Montagvormittag habe ich mir ein neues gekauft, und am Nachmittag ging es weiter«, erzählt Louis von ihrem ersten und fast einzigen negativen Erlebnis auf der Reise. Sie radelte außerdem auf dem Jakobsweg und galt somit als Radpilgerin. Daher konnte sie in den Pilgerherbergen übernachten. »Die Mehrbettzimmer waren gar nicht so schlimm«, erzählt sie. Ansonsten übernachtete sie oft in ihrem Zelt. »Ich war eher Anti-Camper, jetzt bin ich Outdoorfreak.« Louis nutzte auch Netzwerke, die Übernachtungen bei Privatpersonen anbieten – wie das Netzwerk »Warm Shower«, das sich speziell an Radfahrer richtet.

Sonntagmorgen war das Rad weg, Montagvormittag habe ich mir ein neues gekauft, und am Nachmittag ging es weiter

Bettina Louis

Mit der Fähre verließ sie Europa in Richtung Marokko, wo sie zum ersten Mal während ihrer einjährigen Tour auf ihren Mann traf. Der war mit einer Reisegruppe dort. In Marokko erwischte beide ein Magen-Darm-Virus. »Das war meine einzige ernsthafte Erkrankung«, erinnert sich Louis.

Ohne Rad ging es weiter nach Südafrika, wo das Erleben der überwältigenden Natur im Vordergrund stand. Sie wanderte viel, besuchte einen Elefantenpark und ist noch immer von Kapstadt begeistert. Hier lernte sie einen jungen Hamburger kennen, mit dem sie eine Zeit lang unterwegs war. »Wir fuhren in Bussen, in denen nur Schwarze saßen. Wir waren in Gegenden, wo kein Weißer hinsollte. Das hätte ich mich alleine nie getraut.« Sie erinnert sich an eine Fahrt zu einem Hostel in einer ländlichen Gegend. Der Bus endete einige Orte vorher. Es war schon dunkel. Ein junger Schwarzer fragte, ob er helfen könne. Sein Onkel kam in einem klapprigen uralten Wagen und fuhr die beiden bis vor die Tür des Hostels. Geschockt war Louis bei ihrem Besuch in Lesoto. »Hier hüten Aids-Waisen Schafe und Ziegen. Die Kinder wurden quasi ausgesetzt, sind völlig isoliert und haben keinerlei soziale Bindung.«

Zu Bettina Louis Weltreise hat auch eine Tafelberg-Wanderung in ihrer jetzigen Lieblingsstadt Kapstadt gehört. Viel Arbeit wartet auf Bettina Louis und Wolfgang Dilly-Louis im mittlerweile verwilderten heimischen Garten.
Zu Bettina Louis Weltreise hat auch eine Tafelberg-Wanderung in ihrer jetzigen Lieblingsst...

Mit dem Flugzeug ging es nach Südamerika. Es folgte in Chile und Argentinien eine 600 Kilometer lange Radtour durch Patagonien. Teile der einzigen Straße in diesem Gebiet waren nicht mal asphaltiert. Louis: »Das war mehr als anstrengend.« Das Rad bekam sie von einer Belgierin. Anfang März traf sie in Santiago de Chile zum zweiten Mal ihren Mann.

Sie probierte vieles aus: Seekayak, einen Tandemflug mit dem Gleitschirm und Gletscherwandern. In Kolumbien besuchte sie Kaffee- und Kakaofarmen, nahm an einem Tauchkurs und an einer viertägigen Dschungelwanderung teil. Mehrere Wochen arbeitete sie ehrenamtlich auf einer – nur über das Wasser erreichbaren – Baustelle. »Es war Regenzeit. Das war sehr anstrengend.«

Zum Abschluss ihrer Reise ging es nach Nordamerika. 2000 Kilometer fuhr die Friedbergerin mit dem Zug, übernachtete bei den Frauen des 5W-Netzwerks »Women welcome women worldwide« (Frauen begrüßen Frauen weltweit).

Ihre beiden Töchter, die 23-jährige Tabea und die 25-jährige Marilena, hat sie das ganze Jahr über nicht gesehen. Dank moderner Kommunikationstechnik stand sie fast täglich mit ihrer Familie in Kontakt. Ihr Fazit: »Das Beste an diesem Jahr war, die Freiheit zu haben, das machen zu können, wozu ich Lust hatte. Ich traf wundervolle, inspirierende Menschen und konnte mich selbst besser kennen. Ich war die meiste Zeit draußen in der Natur, und vor allem gab es keinen Winter.« Die Reise hat etwas mit Bettina Louis gemacht. Es ist immer mehr eine Reise zu ihr selbst geworden. »Ich habe erfahren können, was mir wirklich Spaß macht und wo es mich hinzieht.«

Besonders beim Radfahren hat sie die damit verbundene Entschleunigung genossen. Sie hat gelernt, dass sie mit sehr wenig Gepäck reisen und mit wenig Geld auskommen kann und keine hohen Komfort-Ansprüche hat. »Die Welt ist unglaublich bunt.«

Die vielen positiven Begegnungen und Erlebnisse haben sie darin bestätigt, dass es kein Problem sei, auch als Frau alleine durch die Welt zu reisen. Nach ihrer Rückkehr fühlt sich die Friedbergerin sehr viel gelassener, präsenter und weniger hektisch. Sie hofft, diese Haltung mit in ihren Berufsalltag zu retten.

Am 27. Juli traf sie wieder in Friedberg ein, zusammen mit ihrer Familie, die sie bereits in Hamburg bei ihrer Schwester getroffen hatte. Gemeinsam ging es nach Berlin und dann mit dem Rad nach Kopenhagen. »Wir haben erstmals alle vier zusammen gezeltet«, erzählt Louis, für die am Montag der Berufsalltag beginnt. »Den Stundenplan habe ich schon. Ich freue mich schon drauf.«

 

Bettina Louis hat ihre Reise in einem Reiseblog festgehalten, der unter der Adresse www.bettinalouis.de zu finden ist.

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