Die letzten Habseligkeiten

30. September 2017, 11:00 Uhr
Der Journalist Tim Pröse hat Hitler-Gegner porträtiert. (Foto: pv)

»Jahrhundertzeugen – Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler« hat der Focus-Journalist Tim Pröse sein Buch genannt. Es versammelt 18 Porträts von Menschen, die gegen Hitler kämpften, dem Diktator die Stirn boten. Das Buch ist ein Plädoyer für mehr Toleranz und gegen das Vergessen. Der Europa-Club Friedberg hat Pröse zu einer Lesung in die Stadthalle eingeladen (Donnerstag, 5. Oktober, 19.30 Uhr). Die WZ sprach vorab mit dem Autor.

Herr Pröse, Sie berichten in Ihrem Buch über die Schicksale der Holocaust-Überlebenden und Widerständigen gegen Hitler. Warum war es Ihnen wichtig, darüber zu schreiben?

Tim Pröse : Diese Schicksale sind meine Herzensangelegenheit seit meiner frühsten Jugend. Viele dieser Menschen sind meine Idole: Sophie Scholl, Anne Frank, Graf Stauffenberg. Als Reporter habe ich lange Zeit Spurensuchen betrieben, habe die letzten Verwandten getroffen und ihr Vermächtnis studiert. Und ich habe noch echte Helden treffen dürfen, die Hitler überlebten: die letzten Hitler-Attentäter und Mitverschwörer, den Judenretter Berthold Beitz etwa und Emilie Schindler, die Frau von Oskar Schindler.

Terror und Krieg, Flucht und Vertreibung – Themen, die heute wieder aktuell sind. War das ein weiterer Anstoß für Ihr Buch?

Pröse: Ja, schon, obwohl ich mir vor zwei Jahren, als ich anfing das Buch zu schreiben, nicht ausmalen konnte, wie sehr diese Themen unser Heute bestimmen würden. Jetzt aber brauchen wir leuchtende Vorbilder gegen die Geißeln unserer Zeit mehr denn je – und von denen erzähle ich in meinem Buch. Udo Lindenberg, der das Buch vorab gelesen hat, schrieb in einem kleinen Vorwort: »Diese mutigen Menschen trugen ein Feuer in sich. Dieses Buch betet nicht die Asche an, sondern trägt die Flamme weiter.«

Wie lange haben Sie sich für ihr Buch mit den Menschen und ihren bewegenden Schicksalen befasst?

Pröse: In den vergangenen 20 Jahren habe ich jedes Jahr einen dieser Helden aufgespürt und getroffen. Meistens entstanden Freundschaften daraus und ich begegnete ihnen mehrmals. Mit einigen stehe ich bis heute in Verbindung, etwa mit einem Überlebenden aus dem Saarland, der den D-Day überstand und nach der Schlacht desertierte. Oder mit einem Juden aus Israel, den Berthold Beitz vor der Gaskammer gerettet hatte. Diese Menschen bereichern einen.

Was hat Sie bei Ihren Begegnungen besonders bewegt?

Pröse: Ihre Lebensintensität, ihre Zugewandtheit, ihre Lebensfreude – trotz allem, was sie erfahren mussten. Einige von ihnen fragte ich, wie sie es denn geschafft haben, niemanden zurückzuhassen für das, was er ihnen antat. Da haben die mir gesagt: »Wenn ich zurückhassen würde, hätte Hitler gewonnen. Nein, ich hasse nicht zurück.« Diese Menschen begeistern mich bis heute mit Ihrer Unverzagtheit und ihrem Mut. So ergeht es auch vielen Lesern. Das Buch ist jetzt in der dritten Auflage. Ich freue mich besonders, dass Anne-Sophie Becker, eine Schülerin aus Friedberg, mein Buch gelesen hat und eine Lesung in ihrem Gymnasium und auch in der Stadthalle von Friedberg initiiert. Es wird bestimmt schön, den Menschen hier von meinen »Jahrhundertzeugen« zu erzählen.

Zu ihren Zeitzeugen zählt auch ein Überlebender des Holocaust, der auf »Schindlers Liste« stand und Oskar Schindler sein Leben verdankt…

Pröse: Jerzy Gross war der Letzte von Schindlers Liste, er starb vor drei Jahren. Ein Berufsmusiker, der wunderschön Geige spielte. Ich besuchte ihn in Köln, wo er lebte. Er trug ein Stück Papier, das ihn als Schindler-Juden ausweiste und von Schindler unterschrieben war, in seiner Jacke. Der Zettel war seine Lebensversicherung.

Für das Kapitel über Hans und Sophie Scholl haben Sie im Münchner Institut für Zeitgeschichte recherchiert.

Pröse: Und in diesem Institut fand ich ein Kärtchen mit dem Stempel »Gefängnis Stadelheim« – dort wurden die Geschwister hingerichtet. Auf diesem Kärtchen waren sonderbare Dinge verzeichnet: »Ein Päckchen Streichhölzer, eine Stange Schokolade, vier Stück Gebäck…« Das waren die letzten Habseligkeiten, wie ich erst später begriff, die der Henker von Sophie Scholl in deren Westentasche fand. Es waren die Sachen, die Sophie bei sich trug, als sie zur Guillotine gehen musste. Unter ihnen eben auch »vier Stück Gebäck«. Das waren die Kekse, die Mutter Scholl ihren Kindern gebacken und mit ins Gefängnis gebracht hatte, als sie sie noch einmal sehen durfte.

Das Buch »Jahrhundertzeugen« ist im Heyne Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro. Tim Pröse, geboren 1970 in Essen, arbeitet als Autor und Journalist in München. Er war Chefreporter der »Münchner Abendzeitung« und 14 Jahre lang Redakteur des »Focus«. Seine Porträts wurden mit dem »Katholischen Medienpreis« ausgezeichnet. Der Eintritt zur Lesung ist frei, um Spenden wird gebeten.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Anne Frank
  • Berthold Beitz
  • Diktatoren
  • Friedberg
  • Helden
  • Holocaust-Überlebende
  • Oskar Schindler
  • Schicksal
  • Sophie Scholl
  • Stadthallen
  • Toleranz
  • Udo Lindenberg
  • Friedberg
  • Corinna Weigelt
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 - 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.