08. März 2018, 20:18 Uhr

Die Zuschauer lachen Tränen

08. März 2018, 20:18 Uhr
Sprücheklopfer aus dem Ruhrgebiet: Den mimt Jörg Becker und bezieht sich damit auf eine Figur, die Frank Goosen beschrieben hat. (Foto: lh)

Zu einem Abend mit niveauvoll komischer Unterhaltung hatte die Kulturinitiative »Verzauberwelt Baidergasse« in die Versammlungsstätte Altes Rathaus eingeladen. Zu Gast war der »Vorlesende Humorist und sitzende Stand-up-Comedian« Jörg Becker, der sein Programm »Das Lesen der Anderen« mit Geschichten von Horst Evers, Frank Goosen, Marc-Uwe Kling, Harald Martenstein und Jürgen von der Lippe in einer selten gesehenen Lebhaftigkeit abspulte. Initiator Gottfried Blöcher hatte nicht zu viel versprochen, als er den Zuhörern Geschichten zum Tränenlachen ankündigte.

Die kleinen Geschichten mit den überraschenden Pointen, die ohne Ausnahme die Lachmuskeln des Publikums strapazierten, verband das begnadete Sprachtalent Becker mit eigenen Kommentaren, die nicht weniger ideenvoll waren als das geschriebene Wort vor seinen Augen. Dazu gesellte sich eine lebhafte Körpersprache, die den Handlungen Spontaneität und menschliche Nähe verlieh. Bei jeder geschilderten Situation hatte man das Gefühl, mittendrin im Geschehen zu sein.

So kam die Geschichte von Harald Martenstein über den Restaurantbesuch einer Familie genau so überzeugend herüber wie die bekannten Känguru-Chroniken des Berliner Kleinkünstlers Mark-Uwe Kling.

Man musste einfach nur schmunzeln, als Becker den strengen Familienvater mimte, der seinen Nachwuchs im Restaurant zurecht wies, es sei gefälligst alles zu essen, was auf dem Teller liegt. Er hatte nicht mit der Raffinesse der verständnisvoll lächelnden Kellnerin gerechnet, die ihm mit dem Servieren einer überdimensional großen Nudelplatte vor Augen führte, was es heißt, mehr essen zu müssen, als man es wirklich kann – es sei denn, man beugt sich den »Vorschriften« der Speisekarte.

Vorleser Becker wurde zum Stimmakrobat und Schauspieler, der jeden im Rathaussaal in seinen Bann zu ziehen wusste. Er ahmte das Weinen des Kindes nach, das doch lieber ein »normales« Essen nach seinem Geschmack – allerdings als Kinderportion – gehabt hätte, anstelle des langweiligen Kindertellers mit Nudeln und Tomatensoße, den es doch überall gibt.

Überraschende Wende

Becker ruderte mit den Armen, fuchtelte mit den Händen wild in der Luft herum, oder hüllte sich später angesichts der Riesenportion an Essen, die die Kellnerin anschließend vor die Nase des Familienoberhaupts setzte, in verzweifeltes Schweigen. Man litt förmlich mit, als der Vater Gabel für Gabel die Nudelportion (von der viele Mitesser hätten satt werden können) in sich hinein zwang – doch dann kam eine überraschende Wende, was übrigens alle ausgewählten Stücke auszeichnete: Der tapfere Esser konnte die Demütigung nicht auf sich sitzen lassen und bestellte trotzig noch einen Nachtisch.

Dieser äußerst kurzweilige literarische Abend, der für jedermann nicht nur hörens-, sonders auch sehenswert war, hätte mehr Besucher verdient. Lag es am winterlichen Wetter, dass so wenige kamen? Es bleibt zu hoffen, dass Jörg Becker ein zweites Mal den Weg nach Rosbach findet, und dass es sich bis dahin herumgesprochen hat: Wer an diesem Abend nicht gekommen war, hat eine Menge verpasst.

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