27. Mai 2018, 06:00 Uhr

Alternatives Wohnprojekt

Die Wahlfamilie vom Ewaldshof

In Assenheim gibt es elf Erwachsene und drei Kinder, die beschlossen haben, unter einem Dach zu leben. Sie haben den Ewaldshof gekauft und ein nicht alltägliches Wohnprojekt gestartet.
27. Mai 2018, 06:00 Uhr
Vier Mitbewohner vom Ewaldshof (v.l.): Stefan Krieger, Birgit Fuchs, Tom Lehmann und Kolja Sulimma.

In der Küche gibt es alles zweimal. Herd, Spüle, Kochfeld. Weil nicht alle immer Lust auf alles haben, dafür aber manchmal zur selben Zeit Hunger. Und in der Vorratskammer im Erdgeschoss kann sich ohnehin jeder jederzeit bedienen. Genauso wie am Bücherregal im Gemeinschaftsstockwerk oder an dem DVD-Regal in einem der Zimmer. Jeder kann eben überall hin. Auch ins Wohnzimmer unterm Dach; nur ist das quasi von Ole besetzt. Der Vierjährige hat dort sein Spielzeug verteilt. »Wir sind hier aber geduldet«, sagt Kolja Sulimma grinsend. Dass tatsächlich einer der erwachsenen Bewohner bis unters Dach kommt, ist eher selten. Das meiste spielt sich in der Küche und – im Sommer – im Hof ab. So hat es sich seit 2016 ergeben. Seither gibt es die Wohngemeinschaft im Assenheimer Ewaldshof, wie Tom Lehmann das Konzept beschreibt. Elf Erwachsene (zwischen 22 und 59), drei Kinder und ein Hund leben dort. Erst kürzlich ist eine Familie eingezogen, die bis dahin nur wenige Meter entfernt gewohnt hat. Eltern und Kinder haben sich den Hof angesehen, ihre Sachen gepackt und eines der Apartments bezogen.

 

Wie aus fünf Bewohnern elf wurden

 

Auf diese Weise ist fast jeder dazugestoßen: durch Begeisterung für das gemeinschaftliche Leben. »Daraus könnte man schlussfolgern, wir machen nicht alles falsch«, sagt Tom Lehmann lachend. Ein Kern aus fünf Personen war bereits wohngemeinschaftserprobt. Kolja Sulimma gehört dazu – 1993 gründete er ein Wohnprojekt in Frankfurt. Das Projekt gibt es noch immer, der Gründer allerdings ist ausgezogen. Er und vier weitere Bewohner schauten sich nach einem neuen Ort zum Leben um und entdeckten den Ewaldshof – ein vor vier Jahren noch heruntergekommenes Grundstück neben dem Bahnhof.

 

Die Frage nach der Fassade

 

Seither hat sich vieles getan – innen, außen, zwischenmenschlich. Das Gemeinschaftskonzept geht auf. »Es ist eine unglaubliche Bereicherung, ich bin sehr glücklich, hier zu sein. Alle wollen füreinander einstehen, den anderen ein gutes Umfeld bieten«, sagt Birgit Fuchs.

Klar, bei so vielen Menschen unter einem (großen) Dach kommt es auch mal zu kleinen Auseinandersetzungen. Allerdings sei das eher selten der Fall. Und selbst wenn: Die Bewohner haben ihrem Leben ein Konzept zugrunde gelegt: Probleme und Fragen, die alle betreffen, werden in einem Konsens geklärt, Konflikte werden gelöst. Das zeigt sich in kleinen wie in großen Entscheidungen. Da war zum Beispiel die Frage nach der Farbe der Fassade. Als die anstand, lebten sie noch zu neunt auf dem Hof. Wie sollte es werden, das neue Zuhause? Blau oder rot? Sieben waren für blau, zwei für rot. Klare Mehrheitsverhältnisse. Und doch: Heute ist das Haus rot. »Es hat sich herausgestellt, dass es für die zwei, die für rot waren, wichtig war. Die ›Blau-Fraktion‹ hingegen konnte problemlos mit rot leben«, erzählt Stefan Krieger. Heute sind alle zufrieden.

 

Viele Bewohner, viel zu tun

 

Überhaupt die Gestaltung des 3000-Quadratmeter-Anwesens. 900 Quadratmeter sind saniert, vieles ist noch in der Mache, Kleinigkeiten im Haus, wie fehlende Lampen. Aber das gehört dazu, zumal der Hof von Grund auf saniert werden musste. »Wenn wir mit der Sanierung hinten angekommen sind, können wir vorne wieder anfangen«, sagt Kolja Sulimma. Dabei ist im Büro jetzt schon eine Regalreihe nur mit Baustellenordnern belegt.

Um die Baustellen-Organisation kümmert er sich hauptsächlich. Denn alle haben ihre Aufgabe. Einkaufen, putzen, sich ums Beet kümmern. Für die »Nerds« gibt es einen Raum mit vielen Computern, Film-Fans haben ein kleines Kino mit Leinwand.

 

Zusammen ist man weniger allein

 

Ja, es ist eine bunt zusammengewürfelte Gruppe auf dem Hof – eine »Wahlfamilie«, wie Tom Lehmann sagt. Die Familienmitglieder kommen aus Köln, Kiel und Berlin. Manche sind Singles, andere leben mit ihrem Partner zusammen in einem Apartment. Ein Bewohner ist Altenpfleger, ein anderer Architekt. Die Studentin lebt ebenso auf dem Hof wie der Firmenchef. Alle sehen sie sich jeden Tag; manchmal verbringen sie ihre Zeit alleine, manchmal treffen sie sich – »und bleiben den ganzen Abend in der Küche hängen«. Ob es nicht hin und wieder zu viel wird mit der Gemeinschaft? »Nein. Jeder hat Rückzugsmöglichkeiten und kann die Tür hinter sich zuziehen.«

Info

Komm, wir ziehen zusammen

Wer kauft das Essen? Wie funktioniert die Wohnraumfinanzierung? Wer zusammenzieht, hat eine Menge zu klären. Auf dem Ewaldshof sind es elf Erwachsene, die gemeinsam unter einem Dach leben. Das erfordert Absprachen. Eine Pinnwand in der Küche zum Beispiel gehört dazu: Aufgaben werden verteilt, Neuigkeiten verbreitet (»Und wenn es nur der Ketchup ist, der in einem anderen Schrank steht«). Wichtig ist auch: Sind die Gästezimmer in Ordnung? Denn neben den Zimmern für die Bewohner gibt es noch weiter Unterkünfte – für die, die an Vorträgen oder Workshops teilnehmen. Kürzlich zum Beispiel gab es einen Vortrag von der Uni Frankfurt auf dem Hof, zum Thema polyamore Beziehungen. Einen Tag vorher einen Rauf-Workshop für Kinder. Was die Finanzierung des Projekts angeht, gibt es ein Konzept: Jeder zahlt Miete für seinen privaten Bereich, die Gemeinschaftsflächen werden solidarisch (und am jeweiligen Gehalt gemessen) auf alle umgelegt. Bei den Lebensmitteln gibt es eine monatlich zu entrichtende Kopf-Pauschale. Im Ort kommt das Projekt übrigens gut an, sagt Birgit Fuchs. Zumal der Hof so gut wie verfallen war, bevor die WG dort entstand. »Die Nachbarn waren sofort sehr interessiert, weil hier wieder etwas passiert ist und wir unser Hoftor geöffnet haben.« Zudem veranstalten die Bewohner jährlich ein Sommerfest.

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