09. Dezember 2018, 18:11 Uhr

Der mysteriöse »schwarze Watz«

09. Dezember 2018, 18:11 Uhr
Staatsanwältin Steffi Winkler, Kläger Hendrik Roth, Richterin Silke Merz, Anwalt Julian Feuerbach und der Beklagte Kevin Loos geraten sich in die Haare. (Fotos: Dickenberger)

Die Theaterabteilung »KrebsbachBühne« des Gesangvereins Eintracht Kaichen zeigte am Wochenende im Bürgerhaus zwei Aufführungen des Dorf-Dreiakters »Saustall beim Amtsgericht«. Jochen Wiltschkos Gerichtskomödie war von Friederike Backöfer bearbeitet worden.

Vor dem Amtsgericht muss verhandelt werden, weil anscheinend ein Schwein gestohlen wurde. Im Verfahren entfalten sich die Charaktere. Innerhalb der Gerichtsschranken stößt die in sich stimmige Poesie der eigensinnigen Dorfbewohner auf die Prosa des Gerichtsverfahrens. Diverse ländliche Originale scheinen in den Kasus verwickelt zu sein, doch deren Beiträge zum Geschehen gelangen erst allmählich ans Tageslicht.

Schweinemusik stimmt in das Geschehen ein. Zwischen Staatsanwältin, Verteidiger und Richterin entwickeln sich hochsprachliche Diskurse, bevor der schaurige Dialekt zum Zuge kommt. Alle Mundartsprecher, in deren Idiom »Xanthippen« schnell zu »Sandschippen« werden, geraten aneinander. Und auch sonst ist vieles unverständlich. Die städtischen Gerichtsleute lassen sich behutsam in die lokalen Realien einführen.

Der Ankläger besticht durch verworrene Reden, Körpergeruch und bizarre Umgangsformen, die heute nur noch am Krebsbach möglich sind. Der Angeklagte bezaubert mit seinen Hauptberufen als Liebesbriefschreiber und Viehgesundbeter. Die Aussagen der Zeugen hinterlassen Konfusion, da alle Akteure miteinander verwandt sind, sie in vielfältigen Abhängigkeitsverhältnissen zueinander stehen und sie, unterschiedlich ausgeprägt, dem Aberglauben anhängen.

Die Ratschläge des Kräuterweibs sind in der Umsetzung schwierig. Am Ende scheint alles darauf anzukommen, die Identität der rätselhaften »dunklen Gestalt« zu klären, hinter der sich dem Kräuterweib zufolge der noch mysteriösere »schwarze Watz« verbirgt. Oder sind zwei Figuren die Täter, die gar nicht auf der Bühne erscheinen, der Bürgermeister und der Viehhändler? Als Nebenhandlung keimt die zarte Affäre zwischen der bärbeißigen Staatsanwältin und dem unbeholfenen Verteidiger auf. Wie der Lokaltermin verlaufen sein mag, lässt sich aus den Blessuren der Protagonisten erschließen. Alle Bestechungsversuche misslingen, die Schlägerei setzt sich vor Gericht fort.

Ungezählte Verbrechen

Am Stück gefallen die Klimax (die Steigerung des Gestanks der Auftretenden), die retardierenden Elemente (der Schluss wird hinausgezögert), und die Katharsis, die Reinigung durch die feinen Einsichten, denn »eine geklaute Sau ist immer billiger als eine gekaufte Sau«. Zwar fehlt noch zum Schluss die Sau, doch dann erweist sich, dass jeder das Tier einmal gestohlen hat und somit jeder Täter und Opfer zugleich ist. Das Vieh ist wieder im Herkunftsstall, es gilt das Schuldausgleichsprinzip, ungezählte Vergehen scheinen am Rande auf, aber sonst ist alles gut. Vollendete Harmonie stellt sich ein. Das Publikum spendete langen Applaus.

So gemütlich sich das Mundartstück gibt, steht es doch in einer langen Tradition. Im »Saustall Amtsgericht« ereignet sich, wenn man so will, ein analytisches Drama. Die Einheit der Handlung und des Orts sind gegeben, die Einheit der Zeit (wegen der drei Gerichtstermine) nicht. Zudem wird in einer Art »Mauerschau« von einem Ortstermin, von dem alle mit schweren Verletzungen zurückkehren, berichtet.

Wie in der Tragödie »König Ödipus« des Sophokles und wie in Kleists »Der zerbrochne Krug« hat sich in der Vergangenheit etwas zugetragen, das es im Verlauf des Theaterstücks aufzuklären gilt. Was bei den Griechen tragisch begann und einen Höhepunkt der deutschen Klassik bildete, endet als Farce am Krebsbach. Heiter lösen sich die Dissonanzen im Satyrspiel-«Saustall« auf.

Als Aufführungsort der Gerichtskomödie wäre auch der Steinerne Tisch denkbar. Auf der Bühne agierten Ellen Beier, Julian Feuerbach, Michael Hahn, Silke Merz, Kevin Loos, Hendrik Roth, Claudia Schätze, Steffi Winkler und Rebekka Zöller. Zusammen mit Backöfer waren hinter der Bühne Iris Frech, René Martin, Gerd Merz, Petra Kremer und Sven Tölle tätig.

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