19. November 2018, 19:51 Uhr

Den Wahnsinn in Worte fassen

19. November 2018, 19:51 Uhr

Die Gedenkveranstaltungen zur Pogromnacht vor 80 Jahren sind Geschichte. Trotzdem hallt die Ausstellung über die Geschehnisse des 9. und 10. Novembers 1938, die im Foyer des Karbener Rathauses zu sehen war, noch eine weitere Woche nach. Am Freitag ist sie bei denen angekommen, die vom Alter her weit von dem Thema entfernt sind – bei den Schülerinnen und Schülern der Kurt-Schumacher-Schule (KSS).

Eine »Wanderausstellung« war im Voraus nicht geplant. Initiator Hartmut Polzer musste nicht lange überlegen, als die Anfrage von der Schulleitung kam. Egal, ob die Schule ins Bürgerzentrum zur Ausstellung gehe oder, wie jetzt, die Ausstellung in die Aula der KSS kommt, wichtig sei die Begegnung der Jugendlichen mit der Vergangenheit. »Das macht so fast noch mehr Sinn«, sagt Polzer, der die Stellwände mit den Bildern und Plakaten selbst aufgebaut hat.

Den Anfang am Freitagmorgen macht die Klasse 9bG mit Poltik-Lehrer Florian Cöster. Nach und nach sollen alle Klassen ab Jahrgang sieben die Ausstellung besichtigen. Eine Woche haben sie dafür Zeit. Dann wird Polzers Dokumentation der Judenpogrome in Groß-Karben auch diese Bühne verlassen.

»Wir möchten möglichst viele Schülerinnen und Schüler daran teilhaben lassen«, sagt Schulleiterin Ursula Hebel-Zipper. »Sie sollen erkennen, was damals vor der eigenen Haustür stattgefunden hat. Es geht darum, für Aufklärung zu sorgen, aber auch Betroffenheit zu erzeugen. Die jungen Leute werden in den Bildern und Texten einige Orte entdecken, die sie möglicherweise mit ihrem eigenen Leben verknüpfen.«

Genau um diesen Ansatz geht es zunächst. Der »Versuch«, wie Lehrer Cöster diese etwas andere Unterrichtsstunde nennt, beginnt mit dem Studium eines Groß-Kärber Ortsplans. Auf ihm sind die Stellen markiert, wo jüdische Häuser und die Synagoge standen. Schnell stellen die Mädchen und Jungen fest, dass es sich um bekannte Orte handelt. Die meisten kennen den asiatischen Imbiss, den Döner-Grill und das Eiscafé, die sich heute in der Nachbarschaft der Gebäude befinden. Entlang der Heldenberger Straße gehen sie täglich zur Schule. Dort stand die Synagoge, bis sie am 10. November 1938 ein Raub der Flammen wurde.

Detailliert werden auf den Plakaten die Ereignisse anhand von Texten aus Archiven und Augenzeugenberichten wiedergegeben. Am meisten schockiert sind die Teenager von der Tatsache, dass es sich um das Groß-Karben handelt, in dem sie leben. Einige lesen auszugsweise aus den Texten vor, stellen Fragen dazu. »Hatten die Juden denn etwas Böses gemacht«, will ein Mädchen wissen. Und einer der Klassenkameraden fragt: »Warum haben sie sich nicht auf die gleiche Weise gewehrt?« Unaufgeregt und sachlich versucht ihr Lehrer, den Wahnsinn der Pogromnacht in Worte zu fassen.

Familien zerstört

Anschließend wird im Stuhlkreis über die Eindrücke diskutiert. Über eine Meldekette weisen sich die Mädchen und Jungen gegenseitig das Wort zu. Die Beteiligung ist lebhaft, die geäußerten Meinungen zeugen von Erschrockenheit und Fassungslosigkeit. Man habe nie geglaubt, dass so etwas in einem kleinen Dorf passiert sei.

»Krass« sei, was die Leute damals gemacht hätten, um Familien nur wegen ihres Glaubens zu zerstören. Bei der Frage, ob sich die Geschichte in Deutschland wiederholen könne, gehen die Meinungen auseinander. »Es gibt wohl immer noch Leute, die blind gegenüber der Vergangenheit sind«, glaubt Carla. »Dabei ist es doch wichtig, sich immer daran zu erinnern.«

In der KSS geht das Erinnern weiter: Am 26. November wird es eine Filmvorführung zu dem Thema geben. Außerdem biete der Förderverein bei das Erstellen einer Publikation an, stellt Nicola Piesch in Aussicht.

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