30. März 2018, 12:00 Uhr

Mein Lieblingsplatz

Das Klostermauereck: Ein literarischer Ort

Das Klostermauereck in Ilbenstadt lädt zu ausgedehnten Lektüren ein. Vom Frühjahr bis in den späten Herbst hinein setze ich mich abends gerne hin, um mehr oder weniger gelehrten Studien nachzugehen. Hier ist mein Lieblingsplatz.
30. März 2018, 12:00 Uhr

Von Udo Dickenberger , 1 Kommentar
Das Klostermauereck in Ilbenstadt lädt Udo Dickenberger immer wieder zum Lesen ein. »Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen«. (Foto: bf)

Am Klostermauereck bleibt es lange hell, und weil sich die Mauer im Verlauf des Tages aufgeheizt hat, bleiben die Temperaturen moderat. Ich rede hier vom südwestlichen Eck, nicht etwa dem südöstlichen. Dieses trägt seit den Namen »Lügeneck«, weil sich hier bis in meine Jugendzeit hinein die Greise trafen, um einander Geschichten von eminent hoher Glaubwürdigkeit zu erzählen.

Daher ziehe ich für meine tiefgreifenden Lektüren das südwestliche Eck vor. Gegenüber steht das Bürgerhaus, sodass gegebenenfalls sogar für den Durst gesorgt ist. Links liegt der Sportplatz, von rechts dringen an manchen Abenden anheimelnde Klänge aus dem Saal im Obergeschoss des Gottfriedsbogens, einem Hauptwerk der barocken Baukunst in der Wetterau, in dem von Zeit zu Zeit Chöre proben. Im Rücken hinter den Mauern befindet sich der Park des Hauses St. Gottfried, der Jugendbildungsstätte des Bistums Mainz, in dem sich Gruppen von Firmlingen, Seminarteilnehmern, Werkwochenbesuchern und Schulklassen tummeln.

 

Die Vorteile der Zurückgezogenheit

 

Am Himmel herrscht reger Flugbetrieb, um den uns die Welt beneidet. Auch am Boden ist für anmutigen Publikumsverkehr gesorgt. Munter parlierende Kirchgänger ziehen vorüber, Sportler versuchen, in der entgegengesetzten Richtung die Turnhalle zu erreichen, Mütter studieren mit ihren Kindern den Schul- oder Kindergartenweg ein. Auf der nahen B 45 ereignet sich rund um die Uhr ein inspirierendes Treiben. Jeder im Ort weiß diese Straße, die von Friedberg nach Hanau und weiter durch den Odenwald bis hin zum Neckar führt, zu schätzen, denn sie spült immer neu Fremde vorbei und sorgt dafür, dass Neuigkeiten in den Ort dringen.

Man mache sich klar, was das bedeutet, und betrachte zum Vergleich nur die Nachbarortschaften, durch die keine Durchgangsstraße dringt. Hier kam früher oft über Jahrzehnte und Jahrhunderte hin kein Auswärtiger vorbei, kein einziger. Informationen über das nähere und weitere Weltgeschehen trafen hier regelmäßig mit epochaler Verspätung ein. Die Menschen in diesen Gemeinden sind deshalb niemals zu einem klaren Bild von der Welt gelangt. Als einst der Schinderhannes zu einem Raubüberfall in eine Nachbarortschaft eingeladen wurde, sagte er nach kurzem Bedenken resignierend ab, weil dieser Ort viel zu weit weg vom Schuss liege. So hat denn freilich auch die Zurückgezogenheit ihre Vorteile.

Im Rücken des Lesers steht der Pavillon, das sogenannte Türmchen, auf dessen Plattform sich gelegentlich Besucher der Jugendbildungsstätte einfinden und die Aussicht und den allgemeinen Weltzustand kommentieren. So gehen die Lektüren lernintensiv und abwechslungsreich dahin. Zur Unterhaltung trägt das sonore Glockengeläut der Basilika bei. Es kontrastiert scharf zu dem aufgeregten Geschrei aus der Kegelbahn. Wenn auf dem Sportplatz gespielt wird, rollt von Zeit zu Zeit gemächlich ein Ball vorüber. Ich beschließe, später einmal hier an diesem Ort meine Lebenserinnerungen zu verfassen. Ab und zu beginnt ein Passant ein Gespräch mit mir. Fragen nach dem Buch, das ich gerade lese, weiche ich aus. Denn solche Fragesteller haben oft ein gutes Gedächtnis. Sagt man ihnen, was man gerade liest, sprechen sie einem manchmal ein halbes Menschenalter später wieder darauf an. Natürlich weiß man dann beim besten Willen nicht mehr, was man damals gelesen hat und vermittelt einen unseriösen Eindruck.

Im Abendwind quietscht die Wetterfahne auf dem chinesisch geschwungenen Dach des Pavillons. Auf den Flutlichtmasten des Sportplatzes sitzen Störche. Das Klostermauereck lädt auch zu physiognomischen Studien ein. Das oft ungewöhnlich gute Aussehen vieler Passantinnen ergibt sich eindeutig aus der eminenten Katholizität des Ortes. Denn wer von Jugend auf regelmäßig schöne Heiligenbildchen und die Löwenmadonna im nördlichen Seitenschiff der Basilika betrachtet, ähnelt sich diesen unweigerlich an. »Ich betrachte die eine / Und dann die andere / Worauf ich alleine / Weiterwandere.«

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