Metzgerei Rühl schließt

Das Ende des Bierschinkens in Reichelsheim

Dreimal pro Woche machte Lothar Rühl Gelb- und Blutwurst. Zu Hochzeiten verarbeitete er fünf Tonnen Fleisch pro Woche zu Wurst. Jetzt ist er in Rente gegangen. Seine Metzgerei ist geschlossen.
11. Januar 2018, 17:00 Uhr
Wie viele Tonnen Wurstsalat über den Tresen der Metzgerei Rühl gegangen sind, weiß Lothar Rühl nicht. Vor wenigen Tagen wechselte das letzte Schälchen den Besitzer, die Metzgerei in der Kirchgasse hat geschlossen, Rühl ist jetzt Rentner. (Foto: nic)

Lothar Rühls Traum war es, Förster zu werden. »Ich dachte, dann kann ich den ganzen Tag mit Hund durch den Wald laufen«, erinnert sich der Reichelsheimer lachend. Rühls Eltern interessierten sich wenig für die beruflichen Wünsche ihres Erstgeborenen, hatten anderes mit ihm im Sinn. »Das war früher eben so«, sagt Rühl. Er sollte in die Fußstapfen der Eltern treten. Das tat er auch. Jetzt hat der 69-Jährige sich in den Ruhestand verabschiedet, die Metzgerei in der Reichelsheimer Kirchgasse ist geschlossen. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

Als Lehrling tat es mir leid, die Kälber zu schlachten

Lothar Rühl

»Angefangen hat mein Vater mit einer Schweinemast«, berichtet Rühl. Aus fünf Schweinen wurden zehn, dann zwanzig. Kühe und Pferde kamen hinzu, der Vater handelte mit den Tieren, begann zu schlachten. Metzger aus dem Umland kauften bei Rühls Vater fehlende Fleischstücke. »Wir haben eine Art Großhandel betrieben.« Ab 1954 habe es dann die Metzgerei Rühl gegeben.

 

Zehn Mark pro Woche verdient

 

Die Eltern hatten Kontakte nach Rüsselsheim, gaben ihren damals 14-jährigen Sohn 1963 zu einem dortigen Metzger in die Lehre. »Zehn D-Mark gab es pro Woche im ersten Ausbildungsjahr.« Nicht alles am Beruf mochte er. »Als Lehrling tat es mir leid, die Kälber zu schlachten. Aber irgendwann wurde es Routine.«

Nach der Ausbildung in Rüsselsheim ging es für den Jugendlichen zurück in den Betrieb der Eltern. Dort gefiel es Lothar Rühl nicht. »Ich sollte mit meinen 17 Jahren alles machen. Irgendwann hat es mir bis oben hin gestanden. Ich habe mein Köfferchen gepackt und bin weg.« Erst nach Finnland zu seiner damaligen Freundin. Die junge Frau hatte er in einer Gaststätte in Reichelsheim kennengelernt, wo sie jobbte. Doch nach einigen Wochen in Finnland sei das Geld knapp geworden. »Ich konnte dort nichts von meinem Konto abheben, also bin ich aufs Konsulat und von dort aus nach Lübeck.« In der Hansestadt blieb Rühl eineinhalb Jahre, es folgten weitere 18 Monate bei der Bundeswehr. Schließlich kehrte er zu den Eltern zurück. »Dann haben wir das Geschäft richtig aufgebaut.« Die Rühls belieferten Großkunden wie Rowenta, Hertie, Opel und Lufthansa mit Fleisch und Wurst, in Friedberg und Eichelsdorf wurden Metzgereien eröffnet.

 

4000 bis 5000 Würstchen pro Spiel

 

Parallel zur Geschäftsvergrößerung wurde in der Kirchgasse immer wieder angebaut. Heute gibt es auf dem Gelände neben dem Laden einen Raum, in dem das Fleisch zerlegt wurde, einen großen Produktionsraum, Kühlkammern und mehr.

1996 übernahm Rühl das Geschäft des Vaters. In den Glanzzeiten habe er bis zu fünf Tonnen Fleisch pro Woche zu Wurst verarbeitet. »Es gingen alleine 4000 bis 5000 Würstchen zu jedem Spiel ins Eisstadion nach Bad Nauheim.«

Erst wurden die Bauern kaputt gemacht, dann die Bäcker, Metzger und Wirte

Lothar Rühl

Dann kam die Wende. Immer mehr Supermärkte eröffneten. »Die Märkte sind unser Tod, man kann das Geld ja nur einmal ausgeben. Naja, entweder man will Qualität oder halt nicht«, sagt der Vater von vier Kindern. »Erst wurden die Bauern kaputt gemacht, dann die Bäcker, die Metzger und Wirte.«

 

Kein Metzger mehr in der Kernstadt

 

Ab 2000 belieferte Rühl immer weniger Großkunden. »Die Auflagen von Regierung, Europäischer Union und so wurden strenger.« Der Metzgermeister hätte investieren müssen. Das habe er in seinem Alter allerdings nicht mehr gewollt. Er verkleinerte die Geschäfte, ließ schlachten, zerlegte aber noch das Fleisch, machte weiter Wurst. Karola, seine jetzige Frau, half im Laden. Auch sie geht nun in Rente. Die Kernstadt Reichelsheims ist damit ohne Metzgerei.

Rühl hofft, einen Käufer für sein Geschäft zu finden. Es ruht bislang nur, ist noch nicht abgemeldet. »Damit die Genehmigungen nicht erlöschen.« Aktuell reinigt er die Räume. Er hat bislang keine weiterführende Pläne für den Ruhestand. Freunde in Lübeck will er besuchen. Zunächst aber die Geschäfte abschließen und den Markt sondieren, einen Nachfolger suchen.

 

Blumen und Briefe zum Abschied

 

Wehmut schwingt in Rühls Stimme, als er von den letzten Tagen der Metzgerei berichtet. »Wir haben von vielen Stammkunden Blumen und Briefe bekommen. Ein Mädchen fragte sogar, wo sie künftig ihre gute Gelbwurst kriegt, da kommen einem die Tränen.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Blutwurst
  • Bundeswehr
  • Deutsche Lufthansa AG
  • Fleisch
  • Großkunden
  • Hochzeiten
  • Lehrlinge
  • Metzgereien und Schlachtereien
  • Opel
  • Reichelsheim
  • Renten
  • Reichelsheim
  • Laura Kaufmann
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 31 - 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.