13. Juni 2018, 05:00 Uhr

Erfolgreicher Unterricht

Damit Schüler nicht stören, sondern motiviert sind

Selbst erfahrene Lehrer können an ihre Grenzen geraten. Wegen Schülern, die den Unterricht stören. Das Studienseminar Friedberg bereitet Referendare auf solche Probleme vor.
13. Juni 2018, 05:00 Uhr
Die Kinder positiv bestärken, um einen geregelten Unterricht zu ermöglichen – darum geht es bei ETEP, einem einzigartigen Programm am Studienseminar Friedberg. (Symbolfoto: dpa)

Gibt es heute mehr verhaltensauffällige Schüler?

Denis Perzl: Ich würde eher sagen, dass das Thema mehr in den Fokus gerückt ist. Auch Inklusion spielt dabei eine Rolle.

Michael Pusch: Auch veränderte familiäre Verhältnisse sind oft von Belang, wenn beispielsweise beide Elternteile berufstätig sind. Infolge wird das Thema Erziehung mehr von den Schulen getragen.

Vor welchen Herausforderungen stehen die zukünftigen Lehrer?

Marco Bettner: Der Wetterau- und Hochtaunuskreis ist Modellregion für Inklusion, das stellt die Lehrkräfte vor neue Herausforderungen. Viele Kinder, die früher nicht die Regelschule besuchten, sind teilweise verhaltensauffällig und brauchen mehr Aufmerksamkeit.

Perzl: Besonders Berufsanfänger und Referendare stehen erstmal vor der schwierigen Aufgabe, wie bekomme ich gering motivierte Schüler dazu mitzumachen? Wenn man dann noch verhaltensauffällige Schüler hat, kann es dazu führen, dass Unterricht kaum mehr möglich ist. Die Lehrer geraten dann durchaus an ihre Grenzen. Deshalb ist ETEP nach meiner Erfahrung eine wirksame Methode.

Was ist ETEP und was kann dieses Programm bewirken?

Perzl: Die Abkürzung ETEP steht für »Entwicklungstherapie und Entwicklungspädagogik« und kommt aus den USA. Das Konzept lautet kurz gefasst: »Jeder Mensch hat Stärken. Jedes Kind kann etwas«.

 

Wollen einen positiven Umgang zwischen Schülern und Lehrern stärken (v. l.): Denis Perzl, Michael Pusch und Marco Bettner.
Wollen einen positiven Umgang zwischen Schülern und Lehrern stärken (v. l.): Denis Perzl, ...

 

Bettner: Schüler bekommen oft rückgemeldet »du kannst nichts« oder »du störst nur« – das beeinflusst sehr stark das Selbstbild eines Kindes.

Perzl: Wenn man so einem Kind positiv begegnet, setzt das ein unglaubliches Potenzial frei. Verhaltensstörungen bei Kindern sind im Grunde nichts anderes, als dass das Kind auf einer Entwicklungsstufe hängen geblieben ist. Ein Teenager mit 14 oder 15, der plötzlich reagiert wie ein Fünfjähriger. Solche Kinder müssen beispielsweise lernen, zu warten, bis sie an der Reihe sind. Das ist selbst in der 9. Klasse oftmals noch ein großes Thema.

Aber wie kann ein Lehrer auf diese Kinder eingehen, gleichzeitig den Unterrichtsstoff vermitteln und allen Schülern gerecht werden, auch denen, die gut im Unterricht mitkommen?

Wenn man so einem Kind positiv begegnet, setzt das ein unglaubliches Potenzial frei

Denis Perzl

Perzl: Nur wenn man positives Verhalten bestärkt, wird ein geregelter Unterricht überhaupt möglich. Alle die, die die Ausbildung absolviert haben, sagen, es funktioniert und entlastet. Das Sozialklima verbessert sich, der Umgang miteinander wird freundlicher, und die Schüler werden leistungsbereiter.

Pusch: In einer Schule, die ETEP anwendet, strahlt das nicht nur auf die einzelnen Klassen, sondern auch auf die gesamte Schulgemeinschaft. Somit sind damit weder Lehrer noch Schüler überfordert. Es ist nicht nur interessant für unsere Referendare, die die Schulungen zusätzlich zu ihrer Ausbildung zum 2. Staatsexamen machen, sondern auch für Lehrkräfte, die bereits über Berufserfahrung verfügen.

Wie wird ETEP in der Schule umgesetzt?

Perzl: Allen Schülern werden drei Fragen gestellt: Kannst du das? Musst du das noch üben? Kommt das später dran? So werden für alle Ziele gesetzt, sowohl Klassen- als auch Einzelziele. Und auch fitte Schüler finden Ziele und entwickeln sich weiter. Wichtig ist vor allem Punkt zwei – das Üben. Das passiert dann beispielsweise in der Gruppenarbeit während des Unterrichts. Die Kinder lernen zu teilen, gut miteinander umzugehen, Rücksicht zu nehmen. Am Ende der Stunde wird dann besprochen, welche Ziele erreicht wurden. So hilft ETEP allen, an ihrer Sozialkompetenz zu arbeiten. Und die Schüler machen begeistert mit, denn die Ziele sind ja alle positiv besetzt, ein Versagen gibt es nicht.

Bettner: Das Ziel lautet: nicht nur Defizite im Blick haben, sondern auch Kompetenzen adäquat würdigen. Sowohl für Kinder und Jugendliche, als auch für Erwachsene gibt es keinen effektiveren Motivationsschub, als die Rückmeldung über den positiven Anteil der gezeigten Leistung.

Pusch: Eigentlich ist die Methode etwas total Menschliches: Weg von der Strafe, hin zu einem positiven Umgang miteinander. Und wir wünschen uns, dass das, was die Kinder hier mit auf den Weg bekommen, später auch in der Erwachsenenwelt positiv zum Tragen kommt.

Info

Studienseminar Friedberg

Michael Pusch ist Leiter des Studienseminars Friedberg, Marco Bettner sein Stellvertreter. Und Denis Perzl arbeitet als Ausbilder. Das Studienseminar Friedberg ist zuständig für die Ausbildung von angehenden Lehrern im Grund-, Haupt-, Real- und Förderschulbereich. Die praktische Ausbildung findet an Schulen im gesamten Wetterau- und im Hochtaunuskreis statt. 150 Referendare befinden sich derzeit in Ausbildung und bereiten sich auf ihr zweites Staatsexamen vor. Mit der ETEP-Qualifizierung geht das Friedberger Studienseminar neue Wege. Das hier angewandte Konzept ist deutschlandweit einzigartig, Angehende Lehrer können parallel zum Referendariat eine Methode erlernen, die eigens für die pädagogische Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen entwickelt worden ist. (isi)

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