25. Januar 2019, 05:00 Uhr

Marodes Gemeindezentrum

Abriss oder denkmalgeschützte Bauruine?

Das Evangelische Gemeindezentrum in der Friedberger Wintersteinstraße ist marode. Seit 2008 steht es unter Denkmalschutz. Bleibt es als Bauruine erhalten oder kann es abgerissen werden?
25. Januar 2019, 05:00 Uhr
Das Gemeindezentrum West wurde 2008 zum Kulturdenkmal erklärt. Mittlerweile ist das Gebäude marode, müsste saniert werden. Die Kirche hofft auf eine Abrissgenehmigung. (Foto: Nici Merz)

Das Dach ist marode. Von den Wänden blättert der Putz ab. Vorm Eingang der Kita bildet sich bei Regen eine riesige Pfütze, wegen der undichten Fenster fließt das Wasser ins Gebäude und beschädigt den Estrich – das sind nur ein paar der Schäden am Wellenhaus in der Wintersteinstraße. Eine Sanierung käme teuer. Die evangelische Kirchengemeinde hat die Reißleine gezogen und angekündigt, die Kita Ende August 2020 zu schließen. Das gilt auch für das Gemeindezentrum, die Mieter aus den Wohnungen im Seitentrakt müssen ausziehen. Stadt und Kirche arbeiten an einer Lösung, wie der Weiterbetrieb der Kita sichergestellt wird.

Doch was wird aus dem Gebäude? Bleibt es als Bauruine erhalten? Oder kann es abgerissen werden? Seit 1980 wird das architektonisch im wahrsten Sinne des Wortes herausragende Gebäude von der evangelischen Kirchengemeinde als Begegnungszentrum und Kindertagesstätte genutzt. Im Jahr 2000 ließ die Kirche das Gebäude für 1,3 Millionen Euro sanieren. Jetzt müsste abermals ein hoher Betrag investiert werden. Geld, das die Gemeinde nicht hat. Bei einem Abriss wäre ein Kita-Neubau denkbar, genauso wie eine anderweitige Nutzung des Grundstücks.

Solchen Überlegungen macht der Denkmalschutz einen Strich durch die Rechnung. Im April 2008 ehrte die Akademie der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen den Bad Nauheimer Architekten Prof. Johannes Peter Hölzinger mit einem Symposium. Hölzingers Bauten in Bad Nauheim und Friedberg wurden als Kulturdenkmäler deklariert, darunter auch das Gemeindezentrum West. Die Kirchengemeinde sei nicht angehört worden, sagt Pfarrer André Witte-Karp. Das habe die Verantwortlichen überrascht.

Widerspruch nicht vorgesehen

In den »Erläuterungen zu Kulturdenkmälern« heißt es: Der Eigentümer werde lediglich »über die nachrichtliche Eintragung in das Denkmalverzeichnis informiert«. Dieser Nachtrag fehlt auch elf Jahre später noch, in der Denkmalliste des Landes fehlt das Gemeindezentrum. Ein »Widerspruch gegen eine Denkmalinformation« ist in Hessen »nicht vorgesehen«. Will ein Eigentümer sein Denkmal abreißen lassen, muss er dies vom Verwaltungsgericht prüfen lassen. Der Abriss ist möglich, doch die Hürden sind hoch.

»Wir wären froh, wenn wir das Gebäude verkaufen könnten«, sagt Witte-Karp. Klappt das nicht, hoffe man auf eine Abrissgenehmigung. Die Verhandlungen mit der Denkmalbehörde führe die Landeskirche.

Für Johannes Peter Hölzinger wäre ein Abriss ein »Kulturverlust«. Er sei kein Architekt, der als bloßer Dienstleister arbeite, sagt der 83-Jährige. Seine Bauten sind ästhetische Wegmarken. Als er das Wellenhaus entwarf, sei es ihm »um die Überwindung der Bauhaus-Kasten-Struktur« gegangen: »Geschlossene Formen passen zu geschlossenen Gesellschaften. Hier haben wir eine offene Architektur für eine offene Gesellschaft.« Die wellenförmigen Wandelemente spiegeln die Berg-Tal-Berg-Struktur im Hintergrund wieder: Die Form der Bodenwelle antwortet auf die Struktur des Johannisbergs.

Landschaftsbezug nicht mehr vorhanden

Dieser Landschaftsbezug wird vom Landesamt für Denkmalpflege als ein Grund für die Eintragung als Kulturdenkmal angegeben. Seit gegenüber die Psychiatrie gebaut wurde, ist der Blick vom Gemeindezentrum zum Johannisberg aber versperrt; das Wechselspiel zwischen Landschaft und Architektur, ein zentraler Bestandteil der Konzeption des offenen Bauens, wurde zerstört.

Die Kriterien für die Denkmaleigenschaft lägen unverändert vor, sagt Bezirksdenkmalpflegerin Kristin Schubert. »Unabhängig davon unterliegt die Frage des Umgangs mit einem Denkmal – bis hin zu einem möglichen Abbruch – einer Ermessensentscheidung, bei der beispielsweise die Frage der Erhaltensfähigkeit zu prüfen ist oder auch, ob mit einer Instandsetzung wesentliche Aspekte des Zeugniswertes des Denkmals entfallen würden.« Darüber gebe es Gespräche zwischen Denkmalpflege und EKHN. Um zu einer Bewertung zu kommen, müssten noch eine Schadensaufnahme und die Zusammenstellung der Kosten für eine Instandsetzung vorgelegt werden. Auch über eine Nachnutzung des Gebäudes werde dabei gesprochen.

 

Info

Abriss der Kita Apfelwiese

Im August 2015 wurde die Kita »Apfelwiese« im Bad Nauheimer Eleonorenring abgerissen – ein Gebäude, das dem gleichen architektonischen Prinzip folgte wie das Gemeindezentrum West in Friedberg. Warum die Apfelwiese abgerissen werden konnte? Sie war nicht als Denkmal eingetragen. Hölzinger selbst hatte sich dagegen ausgesprochen. Das Gebäude, das nach seinen Entwürfen errichtet wurde, sei während des Baus »verhunzt« worden. Die Stadt vergab den Auftrag an ihm vorbei an eine Firma, die Hölzingers Prinzipien nicht beachtete. Zahlreiche Fehler schlichen sich ein. Als die Firma in Konkurs ging, stellte die Stadt die Kita in Eigenregie fertig. Weitere Fehler folgten. Wasser drang ein, die Bauunterhaltung war laut Hölzinger mangelhaft. Das Friedberger Wellenhaus sei das bessere Beispiel für diese Art der Bauens, sagt Hölzinger. Ihm wäre es am liebsten, das Wellenhaus würde weiterhin so genutzt, wie es die offene Bauweise symbolisiert: als Ort des Miteinanders der Kulturen. (jw)

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