16. April 2019, 08:00 Uhr

Offener Brief

Ärger über die »Breitbandwüste Bruchenbrücken«

Schnelles Internet? In Rumänien oder Schweden vielleicht, aber in Bruchenbrücken? Dort ist Dominik Glüder schon froh, wenn er überhaupt ins Internet kommt. Der Breitband-Ausbau verzögert sich.
16. April 2019, 08:00 Uhr
Wo geht’s hier bloß zum Internet? Dominic Glüder aus Bruchenbrücken hat die Faxen dicke. Er hat einen offenen Brief über die »digitale Wüste Wetterau« geschrieben. (Foto: Nici Merz)

Im Sommer 2017 durften die Bruchenbrückener hoffen: Das Breitband kommt, hieß es. Eine Bürgerinitiative hatte sich gegründet, wehrte sich dagegen, von schnellem Internet abgeschnitten zu sein. Die Telekom hatte angekündigt, ihr Netz in Friedberg auszubauen. Allerdings nicht in Bruchenbrücken, wo ein privater Netzanbieter die Hand auf den Schaltverteilern hat. Auch der Neubürger Markus Hebekerl war genervt. Über facebook organisierte er den Widerstand und knüpfte Kontakte zur Firma Unitymedia.

Die Bemühungen waren nicht umsonst. Nachdem die BI genügend Interessenten für »Highspeed Internet« zusammengetrommelt hatte, war Unitymedia bereit, in ein Kabelnetz zu investieren. Die potenziellen Kunden müssen einen Baukostenzuschuss leisten. Dafür gibt es, so die Hoffnung damals, »die 1000-fache Leistung dessen, was den Nutzern momentan zur Verfügung steht.«

Die Bürger warten und warten

Mehr als anderthalb Jahre später warten die Bruchenbrückener immer noch auf schnelles Internet. »Ich habe 25 MBit gebucht. Wenn ich abends mal 10 oder 12 habe, kann ich schon zufrieden sein«, sagt eine Bewohnerin des Stadtteils. Zur Erinnerung: Am Stausee in Rumänien, irgendwo weit hinten in den Karpaten, hatte Dominik Glüder 100 MBit zur Verfügung. Der Ausbau stockt. »Wir hoffen, dass sich bald was tut«, sagt BI-Gründer Hebekerl. Beinahe jeden Tag erhalte er Anrufe. »Die Leute fragen, wann es endlich losgeht.« 283 Bruchenbrückener hatten sich bei Unitymedia gemeldet.

Das kann Niklas Roth von Unitymedia auch nicht sagen. Aber er weiß, woran es hängt. Um die Glasfaserleitung von Friedberg nach Bruchenbrücken zu verlegen, muss das Kabel in Höhe der Bahnunterführung unter den Bahnschienen durch. »Die Bahn hat dafür ein Bodengutachten in Auftrag gegeben. Das hat länger gedauert als erwartet.« Als nächstes werde man ein Tiefbauunternehmen mit den Arbeiten beauftragen. »Es gibt nicht viele Firmen, die Ausbauprojekte dieser Größenordnung aufs Schnelle durchführen können«, sagt Roth. Es kann also noch etwas dauern.

Unitymedia vor Verkauf

Vor wenigen Tagen wurden bekannt, dass Vodafone die Kabelnetze von Unitymedia übernehmen will. Das Unternehmen verspricht einen »digitalen Schub für Deutschland«. Möglich, dass die geplante Fusion dafür verantwortlich ist, warum ein Millionen-Projekt wie der Ausbau des Kabelnetzes in Bruchenbrücken stockt.

Dominik Glüder kann über die digitale Versorgung in Deutschland nur den Kopf schütteln. Er ist viel herumgekommen in der Welt. In Göteborg in Schweden, wo er studiert hat, habe es schon vor zehn Jahren bessere Internetverbindungen gegeben als heute in der Wetterau. 2015 habe er in Rumänien »mit stabilen 300 MBit« gesurft, »was sechs Mal schneller ist als das Internet, welches ihr Vorgänger Herr Keller vor circa zwei Jahren als Fortschritt feierte«, schreibt Glüder in seinem übers Internet verbreiteten offenen Brief an den Friedberger Bürgermeister Dirk Antkowiak.

Spitzenplatz ganz hinten

»Wir sind überholt worden«, schreibt Glüder. »Nicht nur von Industrieländern, sondern von den ehemaligen Sorgenkindern der EU.« Und warum? Weil die Bürger alleine gelassen würden. »Es gibt Gelder, es gibt Gesetze, aber keine Exekutive, die sich darum kümmert.« Bleibe das so, stünden der Wetterau düstere Zeiten bevor: »Unsere Generation kann sich hier faktisch nicht ansiedeln, da unsere Lebensentwürfe nicht erfüllbar sind.« Er könne überall leben, ob in Frankfurt oder Paris. Aber er wolle hier in seiner Heimat leben, in der Wetterau, in Bruchenbrücken, schreibt Glüder. »Also tun sie etwas dafür, dass das zukünftig so bleibt.«

Glüder betreibt mit einem Kompagnon den hessischen Feinkost-Grill »S’Krüstche« in der Bad Nauheimer Altstadt. Im Gespräch mit der WZ erwähnt der 33-Jährige eine Presseerklärung von Landrat Jan Weckler, wonach der Wetteraukreis » in Sachen Breitbandversorgung mit einer Übertragungsrate von mehr als 50 Mbit/s bundesweit auf einem der Spitzenplätze« stehe. Glüder: »50 MBit? Was ist das für ein Maßstab?« Ein Technologie-Standort wie Deutschland benötige nicht irgendeine Internetverbindung, sondern die beste.

 

Info

Antkowiak: Stadtwerke planen Glasfasernetz

Als Informatiker verstehe er den Wunsch nach schnellen Internet nur zu gut, schreibt Bürgermeister Dirk Antkowiak im Antwortbrief an Glüder. »Es ist erschreckend, wie weit Deutschland in der Internet-Infrastruktur durch Stillstand zurückgefallen ist.« Antkowiak erinnert daran, dass die Stadt Friedberg die (bestehende und als »altertümlich« betrachtete) Internetanbindung von Bruchenbrücken »mit einer großen Summe« unterstützt habe. Dieser von der damaligen BI geforderte Ausbau habe leider verhindert, dass die Telekom den Stadtteil an ihr Glasfasernetz anschließt. »Das ist sehr bedauerlich.« Auch die aktuelle Bürgerinitiative habe man unterstützt und drei Vorverträge für die Mehrzweckhalle, die Kita und das Feuerwehrgerätehaus mit Unitymedia abgeschlossen. »Parallel dazu werden seit meinem Dienstantritt bei neuen Tiefbaumaßnahmen der Stadtwerke Leerrohre mit verlegt, die allen potenziellen Nutzern zur Verfügung stehen.« Als neuestes Projekt plane man mit den Stadtwerken den Aufbau eines Glasfasernetzwerks, »das wir sukzessive als interkommunales Projekt über die gesamte Stadt ausweiten wollen. FTTH-Anschlüsse unterliegen nicht den Vectoring-Gebietsbeschränkungen der Bundesnetzagentur. Die entsprechenden Mittel sind bereits im Wirtschaftsplan 2019 der Stadtwerke eingestellt. Ziel wird es sein, eines Tages FTTH flächendeckend anzubieten, da nicht nur Bruchenbrücken schlechtes Internet hat, sondern auch andere Stadtteile und vor allem Gewerbe- und Industriegebiete.« Die Versorgung mit schnellem Internet sei der Stadt also sehr wichtig, unterstreicht Antkowiak. »Und da spreche ich von Gigabit-Internet und nicht von Megabit.« (jw)

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