11. Februar 2019, 08:00 Uhr

Notrufe

112: Die Nummer für (fast) alle Fälle

407 Notrufe pro Tag – das Telefon in der zentralen Leitstelle klingelt rund um die Uhr. Zum Tag des Notrufs (11.2.) spricht Chef Matthias Nickel über kuriose Situationen und Tiernotrufe.
11. Februar 2019, 08:00 Uhr
In der zentralen Leitstelle in Friedberg gehen jede Minute mehrere Notrufe ein – auf jeden dritten folgt ein Einsatz. (Fotos: sda)

Sie arbeiten seit vielen Jahren in der Leitstelle und haben schon unzählige Notrufe entgegengenommen. Was ist Ihnen als besonders tragisch in Erinnerung geblieben?

Matthias Nickel: Zum Beispiel der Flugzeugabsturz in Melbach. Immer dann, wenn Kinder betroffen sind. Es hat in den vergangenen Jahren stark nachgelassen, aber Ende der 90er hatten wir eine Phase, in der es häufig einen plötzlichen Kindstod gab. So etwas berührt einen am Telefon sehr. Oder auch, wenn man mit einem Anrufer spricht, der gerade versucht, jemanden zu reanimieren. Ich hatte mal eine Situation, da kam ein Mann vom Einkaufen zurück und fand seine Frau leblos in der Küche. Beide waren hoch betagt. Er hat unter telefonischer Anleitung versucht, sie wiederzubeleben und hat sie dabei sehr liebevoll angesprochen.

Welcher Einsatz war der größte in Ihrer Zeit in der Leitstelle?

Nickel: Die Massenkarambolage auf der A 45. 2013 war das, über 100 Fahrzeuge waren darin verwickelt. Damals war ein Feuerwehrkollege von uns mit seinem Fahrzeug beteiligt. Ich habe mit ihm telefoniert, er stand auf seinem Autodach und hat mir die Situation geschildert. Im Hintergrund habe ich ständig die Einschläge der anderen Fahrzeuge gehört. Dadurch konnten wir uns ein relativ gutes Bild machen, weswegen wir in der Alarmierung recht hoch gegriffen und die Einsatzkräfte aus den Nachbarkreisen um Hilfe gebeten haben.

Kommt es auch gelegentlich zu kuriosen Notrufen?

Nickel: Kurios sind oft Notrufe, die mit Tieren verbunden sind. Ein Waschbär zerlegt die Wohnung, und wir werden gefragt: »Was soll ich tun?« Aber irgendwann sind auch wir mit unserem Latein am Ende. Ansonsten werden Tiernotrufe ernst genommen, das steht auch mittlerweile in der hessischen Verfassung. Aber nicht jeder Bussard, der auf einem Acker sitzt, ist krank. Der sitzt vielleicht einfach da.

Gab es solche Anrufe?

Nickel: Ja, viele. Und die berühmte Katze im Baum hat zu 99 Prozent vor Eintreffen der Kollegen die Flucht ergriffen.

Gibt es im Jahr Zeiträume, in denen mehr bzw. weniger Anrufe eingehen?

Nickel: Die vergangenen drei Jahre hatten wir nach Weihnachten bis in den März hinein durch die Grippewellen sehr viel zu tun. Eigentlich wird es in den Ferien ruhiger, wobei 2018 wegen der Trockenheit und der langanhaltenden Hitze ein Ausnahmejahr war. So etwas merken wir dann, genauso wie wir Vollmondphasen auch in einer Leitstelle merken. In diesen Nächten gibt es mehr Anrufe, weil es tatsächlich Menschen gibt, die mondfühlig sind.

Wie ist es mit den Tageszeiten? Wann ereignen sich die meisten Notfälle?

Nickel: Von 10 bis 16 Uhr ist der Rettungsdienst stark frequentiert. Und natürlich die Nächte von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag. Es gibt außerdem Nächte, die bei uns als Ausnahme zählen, zum Beispiel Silvester. Da sind wir ganz anders besetzt. Fasching ist auch immer ein Ausnahmewochenende, weil da sehr viel Alkohol getrunken wird.

Gibt es oft falsche Notrufe?

Nickel: Den gezielten Falschanruf gibt es zum Glück nur selten. Häufiger kommt es zu einem Fehlanruf, jemand hat sich verwählt. Dann gibt es Fälle, in denen der Anrufer eine Beratung will, das wird bei uns auch als Fehlanruf gewertet. Er fragt zum Beispiel, gerade am Wochenende kommt so etwas vor: Er habe ein Medikament, ob er eine Tablette mehr oder weniger nehmen könne. Diese Patienten werden dann an den ärztlichen Bereitschaftsdienst weitergeleitet.

Mit Smartphones kann es ja auch schnell passieren, dass aus Versehen der Notruf aktiviert wird.

Nickel: Das ist tatsächlich ein Problem. Die Technik bei den Handys führt immer wieder dazu, dass man bei eingeschalteter Tastensperre den Notruf wählen kann. Bei uns gibt es den berühmten Hand-, Taschen- und Hosentaschennotruf, bei dem wir dann mithören können, wie sich jemand unterhält. Oder das Handy, das zu Hause liegt, und das kleine Kind, das damit spielt. Wenn wir dann zurückrufen, fallen die Eltern aus allen Wolken und sagen: »Mein Kind macht so was nicht.«

Sie rufen zurück?

Nickel: Ja, weil wir gehalten sind, jeden Anruf wie einen Notruf zu werten.

Was, wenn Sie einen Notruf erhalten, aber keine weiteren Infos. Wie gehen Sie vor?

Nickel: Wir haben die Möglichkeit, Notrufe orten zu lassen. Einmal über die Polizei und einmal über die Leitstelle der Berufsfeuerwehr Kassel, die dafür ausgestattet ist. Das wurde auch schon gemacht, gerade bei Einsätzen in den Waldgebieten, zum Beispiel auf dem Winterstein. Da haben wir das bestimmt ein, zwei Mal im Jahr, dass der Anrufer uns keinen Standort nennen kann.

Hat sich durch Handys viel für Sie verändert?

Nickel: Die Kommunikation an sich ist dadurch einfacher geworden, man kann mit dem Anrufer mehr machen, ihm sagen, er soll das Handy laut schalten und ihm während einer Reanimation Anweisungen geben. Aber auch die Zahl der Notrufe ist größer geworden. Zu einem Pkw-Brand auf der Autobahn rufen nicht zwei an, da rufen gleich mal 100 an; und 98 davon sind nur vorbeigefahren. Da kommt ein Standardspruch von uns: Die großen roten Autos sind von uns.

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