02. März 2014, 18:18 Uhr

Erster Weltkrieg: Feldpostbriefe eines Friedberger Arztes

Friedberg . Hört man das Wort »Weltkrieg«, neigt man dazu, sich an den Holocaust und den Nationalsozialismus zu erinnern. Selten werden damit Schlagworte wie »Vaterland«, »Ehre« und »Hochachtung« verknüpft.
02. März 2014, 18:18 Uhr
Kampf fürs Vaterland.

Der Erste Weltkrieg verkörpert aus Sicht der Zeitgenossen genau das. Seit dessen Ausbruch sind nun 100 Jahre vergangen – 100 Jahre, in denen nicht nur Werke über den Ersten Weltkrieg verfasst, sondern auch unzählige Originaldokumente wiederentdeckt wurden, die den Zeitgeist und das Umfeld der Menschen um 1914 widerspiegeln. Im Schaufenster des Antiquariats Marel in der Bismarckstraße kann man solche Zeugnisse einer fast vergessenen Epoche entdecken. Gerade die Buchillustrationen wirken fremd, verstörend, martialisch, schonungslos.

Karel Marel und seine Frau Cornelia verfügen über eine Vielzahl originaler Bücher, Fotos und Schriftstücke. Neben dem Kinderbuch »Vater ist im Kriege« und der Wochenzeitschrift »Simplicissimus« befinden sich etliche Feldpostbriefe und Fotos in ihrem Privatbesitz. Letztere dokumentieren nicht irgendein Leben, sondern das von Cornelia Marels Vorfahren. Mitte diesen Jahres will sie Dokumente aus der Anfangszeit des Krieges in dem Buch »Briefe nach Friedberg/Hessen, Zeitdokumente aus der Sicht eines Arztes, Sohnes und Bruders« veröffentlichen. Darin werden vornehmlich Briefe ihres Großvaters Otto Helmut Becker an dessen Vater Carl aus dem Jahr 1914 abgedruckt.

Dr. Becker, in Friedberg geboren, war studierter Arzt und im ersten Kriegsjahr im Marinelazarett Veddel in Hamburg stationiert. Er übernahm später die Praxis seines Vaters Geheimrat Dr. Carl Becker. In seinen Briefen schildert er seinem Vater seine Alltagserlebnisse und wie es im Marinelazarett zugeht. Er lässt den Leser eintauchen in die damalige Welt in Hamburg mit Autodroschken und Konzerten. Genauso erfährt der Leser aber auch über die Zeit im damaligen Friedberg, über Ängste, Sorgen und Freuden der Familienmitglieder. Bekannte Namen wie die Familie Trapp, Bürgermeister Stahl und andere Wetterauer Ärzte werden erwähnt. Die Leidenschaft der Soldaten und Offiziere, in den Krieg ziehen zu dürfen, wie auch der Verlust des Bruders werden durch den Briefwechsel der Familienmitglieder detailliert und anschaulich beschrieben.

»Die Briefe drücken vor allem den Zeitgeist der Menschen aus«, sagt Cornelia Marel. »Die jungen Soldaten konnten es kaum abwarten, endlich ihrem Vaterland dienen zu dürfen.« Die Dokumente belegen ebenfalls die Reise- und Entdeckungslust der damaligen Zeit. Es war durchaus gang und gäbe, seine Studienzeit an verschiedenen Orten zu verbringen oder auch Sprachkurse in England oder Schottland zu besuchen. »Das war damals gar nicht so unüblich, wie wir es heute denken«, sagt Marel. Ihr Großvater studierte unter anderem in Gießen, München und Halle.

Beckers Vater war ebenfalls studierter Arzt, nachdem er mit 15 Jahren in der Mohrenapotheke eine Ausbildung zum Apotheker gemacht hatte. Seit 1879 betrieb er eine Praxis in der Kaiserstraße. Im Jahr 1885 beschloss er, wegen des ständigen Familienzuwachses, seine Praxis nach »außerhalb von Friedberg« zu verlegen. Es entstand das Haus in der Bismarckstraße 5, das Wohnsitz und Arztpraxis zugleich war. Warum war die Bismarckstraße »außerhalb« von Friedberg? Damals, sagt die Enkelin, endete Friedberg dort. Erst nach 1885 begann eine rege Bautätigkeit, die auch mit der wachsenden Bevölkerungszahl zusammenhing, sagt sie.

Dem Verlust eines Bruders von Otto Helmut Becker wird ein eigenes Kapitel gewidmet«, erklärt Cornelia Marel. »Die Umstände seines Todes im August 1914 sind durch Briefmaterial, das nach seinem Tod gefunden wurde und Aussagen seines Burschen genau dokumentiert.«

Der Briefverkehr zwischen Sohn und Vater vermittelt einen Eindruck vom zeitgenössischen Denken des Bildungsbürgertums. Man verbringt viel Zeit damit, seinen Freunden und Verwandten so detailliert wie möglich von den eigenen Erlebnissen zu berichten. Außerdem sollen die Leser erfahren, wie das Weltbild der jungen, euphorisch gestimmten Soldaten in der Anfangsphase des Krieges aussah.

Cornelia Marel will die Menschen mit ihrem Werk emotional berühren und zum Denken anregen. »Die einzelnen Briefe sind wie Puzzleteile, die sich gegenseitig ergänzen«, sagt sie. Preis und genaues Erscheinungsdatum stehen noch nicht fest. Da Marel sehr viel Material besitzt, hat sie bereits weitere Teile geplant. Diese sollen die Kriegsjahre 1915 bis 1918 umfassen sowie auch noch frühere Zeiten. Alexander Terwey

Neben zeitgenössischer Literatur gibt es auch eine Reihe von Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg. Das Interesse sei groß, sagen Alexander Jung (Buchhandlung am Park, Bad Nauheim) und Friederike Herrmann (Buchhandlung Bindernagel, Friedberg). Gefragt seien vor allem Sachbücher wie Christopher Clarks »Die Schlafwandler« und Herfried Münklers »Der Große Krieg«. Wer kritische Werke sucht, für den gibt es ab April eine Neuauflage des berühmten Romans »Schlump« von Hans Herbert Grimm. Ernst Jüngers martialisches Kriegstagebuch »In Stahlgewittern« wird weniger nachgefragt. Jung empfiehlt »Das Lächeln der Henker« von Anton Holzer, ein Sachbuch, das sich den Kriegsverbrechen an der belgischen Zivilbevölkerung widmet. »Sommer 1914« von Tillmann Bendikowski beschreibt die Lebensläufe von fünf Persönlichkeiten, die den Ausbruch des Krieges miterlebt haben. Friederike Herrmann empfiehlt das WDR-Hörspiel »Feldpost für Pauline« von der Rosbacher Autorin Maja Nielsen. Überhaupt gebe es ein großes Interesse an Erlebnisberichten. Herrmann: »Bei solchen Jubiläen ist die Nachfrage im Vorfeld meist groß, dann geht das zurück. Hier ist das anders: Das Interesse ist weiterhin hoch.« (pwz)

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