30. Dezember 2013, 15:08 Uhr

Rocky Horror Show: Sex, Crime und jede Menge Spaß

Friedberg (sk). Ein Mensch wird mit einer Axt erschlagen, zerstückelt, die Leichenteile mit verächtlichem Pathos in einem Eimer entsorgt. Und natürlich Sex. Dauernd. Von vorne, von hinten. Jeder mit jedem/jeder.
30. Dezember 2013, 15:08 Uhr
Objekt der Begierde: Rocky Horror (Stefan Reil), frisch zum Leben erweckt. (Fotos: sk)

Mittendrin im Geschehen: Außerirdische. Und ein Nazi-Wissenschaftler, der immer wieder in den hitlerschen Sprachduktus verfällt und dessen rechter Arm sich wie ferngesteuert zum »deutschen Gruße« streckt. Als krönender Abschluss: Ein Laserpistolen-Massaker. Geschichten mit solchen Zutaten gehören scheinbar eher auf den Index als auf die Bühne einer beschaulichen Kleinstadt in der Wetterau. Doch die Story mit B-Movie-Potenzial ist Kult: Die Rocky Horror Picture Show. Über 600 Besucher haben an Freitagabend in der Stadthalle Friedberg die Musical-Inszenierung (ohne »Picture«) des Westfälischen Landestheaters angeschaut – und waren begeistert.

Gut, wenn das Original-Musical aus dem Jahr 1975 heutzutage in den großen Kinos gezeigt wird, sind die Zuschauer fast ausschließlich eingefleischte Fans und mit vollem Elan bei der Sache. Da geht keiner trocken nach Hause. Wenn der Erzähler zu sprechen beginnt, ist er vor lauter »Boring!«-Rufen nicht zu verstehen. Die Luft ist voller Reis, Bierdeckel und Klopapier. Sobald Janet ins Rampenlicht tritt, ruft das Publikum »Slut« (Schlampe), ihr frischgebackener Ehemann Brad wird als »Asshole« (Übersetzung: geschenkt) begrüßt. Nein, das Publikum in Friedberg war zurückhaltender. Um aber keinen falschen Eindruck zu erwecken: Die Stimmung war prächtig. Die Leute haben gelacht, gesungen, geklatscht und getanzt. Sie haben Reis geworfen und Toilettenpapier, sie haben mit Wasser gespritzt (in diesem Zusammenhang hat die gute alte Wetterauer Zeitung als Regenschutz-Kopfbedeckung eine respektable Rolle gespielt). Einige sind verkleidet gekommen. Doch das Publikum war trotz aller Begeisterung Publikum und nicht Teil der Inszenierung, so wie die Hardcore-Fans, die die Sache quasi professionell in Angriff nehmen.

Die vornehme Zurückhaltung mag einerseits dem Respekt vor der Leistung der Künstler geschuldet sein. Zum anderen scheinen auch etliche Leute gekommen zu sein, die das Original kennen und mögen, aber für die die Rocky Horror Picture Show nicht der Mittelpunkt des Lebens ist. Überhaupt, das Publikum: Da können die Veranstalter von der Volksbühne Friedberg richtig stolz sein. Einige ganz junge Menschen sind gekommen, auch viele ältere, alte und ganz alte, quasi ein Querschnitt der Bevölkerung. Generationenübergreifendes Interesse also, was man sonst nur von »Wetten, dass ...?« kennt.

Sei’s drum. Das Westfälische Landestheater hat sich an etwas Großes herangewagt. Da gehört Wagemut dazu. Einen Frank’n'Furter zu geben, die Figur, die Tim Curry 1975 so perfekt, so brutal, so verletzlich, so lasziv, so verführerisch geprägt hat. Oder den guten Eddie, den alten Rock’n’Roller. Niemand geringeres als Meatloaf, fett und mit unglaublicher Sängerpotenz, hat der Figur ihren Stempel aufgedrückt. Nein, da ist es sicher nicht leicht, vor ein Publikum zu treten, das mit den Bildern und der Musik der Verfilmung im Kopf das Geschehen verfolgt.

Wie herauskommen aus der Nummer? Dem für die Inszenierung verantwortlichen Reinhardt Friese ist es gemeinsam mit seinen Künstler gelungen, das Gros der Figuren nicht als blankes Imitat in einen aussichtslosen Wettbewerb zu schicken. Stefan Reil, zum Beispiel, der Rocky des Ensembles. Peter Hinwood hatte im Original eine Kreatur gegeben, die muskelstrotzend daherkommt: dicker Bizeps, Sixpack, Mordsoberschenkel. Und der Original-Rocky war tumb, roboterhaft. Reil hingegen ist ein knabenhafter Typ. Dieser Rocky kokettiert mit seinen dünnen Ärmchen und schwächlichen Brustmuskeln. Er ist leichtfüßig, nicht dumm. Humorvoll, irgendwie. Seinen nicht vorhandenen Sixpack versteckt er hinter einem kleinen, aber nicht übersehbaren Speckbäuchlein. Oder der großartige Léon van Leeuwenberg als Frank’n’Furter. Wuchtig ist er. Hat unglaubliche Präsenz. Natürlich ist es schwer, ihm abzunehmen, dass Janet nicht merkt, dass er es ist, der sie »begattet« und nicht ihr spacker Spießer-Eheman Brad. Doch van Leeuwenberg verhilft Frank zu einem leicht tuntigen Mutter-der-Kompanie-Charme, der ihm rasch zum Publikums-Liebling macht – Chapeau!

Auch Gesanglich setzt das Westfälische Landestheater eigene Akzente. Begleitet vom Lippe-Saiten-Orchester tendiert aber auch einiges Richtung Original. Interessante Abweichung: Den Eröffnungssong, den im Film ein Mann singt, trägt Sophie Schmidt sehr beeindrucken vor, die im weiteren Verlauf als Magenta glänzt (und das ganz sicher nicht nur wegen ihres Dekolletés).

Bevor es ganz unterschlagen wird: Worum es überhaupt geht in dem Musical. Brad (Daniel Printz, sehr überzeugend) und Janet (Michèlle Fichtner, Wow!) starten in die Flitterwochen, bleiben mit einer Panne liegen, auf der Suche nach einem Telefon (keine Handys 1975) gelangen sie zu einem Schloss, dort werden sie von Diener Riff Raff (Chris Murray, sensationell) und Columbia (Julia Panzilius, Hammerlady!) empfangen. Eine künstliche Kreatur, Rocky (Stefan Reil, süß), wird zum Leben erweckt. Dann: Sodom und Gomorra. Unschuld geht flöten. Dr. Frank’n’Furter (Léon van Leeuwenberg, ganz großes Kino) zerstückelt den armen Eddie (Steffen Wixler, überzeugender Rock’n’Roller), Freundin Columbia (Julia Panzilius, tolle Stepeinlage!) ist traurig. Dr. Scott (wieder Steffen Weixler, als Rock’n’Roller um Klassen besser) taucht auf. Brad und Janet fliehen aus dem Schloss, das danach zu seinem Ursprungsplaneten Transsexuell gebeamt wird. Abspann. In der Stadthalle ging es allerdings weiter mit zwei Zugaben – und einem euphorischen Publikum, das dann doch in der richtigen Stimmung war, um beim »Time Warp« aktiv mitzutun: »It’s just a jump to the left« ...

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