03. Oktober 2013, 19:28 Uhr

Pflegefamilien kritisieren Trägerwechsel

Wetteraukreis (hed). Pflegefamilien in der Wetterau haben ab 2014 einen neuen Ansprechpartner. Statt AWO und Evangelischer Familienbildungsstätte Wetterau, die den Fachservice Pflegefamilie in den vergangenen Jahren gemeinsam koordiniert haben, wird das Projekt »PETRA« aus Schlüchtern die Organisation übernehmen.
03. Oktober 2013, 19:28 Uhr
In Pflegefamilien kommen Kinder unter, die das Jugendamt den Eltern entzogen hat. Die Familien bekommen ab nächstem Jahr neue Ansprechpartner. (Foto: dpa)

Der Wetteraukreis hatte die Trägerschaft im Frühjahr neu ausgeschrieben. Während Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel-Pflügel (Grüne) die Entscheidung des Kreisausschusses verteidigt, gibt es Kritik vonseiten der Pflegefamilien. Hier habe das günstigste Konzept das Rennen gemacht und nicht das beste, so die Kritik.

Der Wetteraukreis muss sparen – so wird es von der Politik gefordert. Deshalb werden auch bestehende Leistungen auf Einsparpotentiale überprüft und neu ausgeschrieben. Und wenn zwei qualitativ gleichwertige Angebote auf dem Tisch liegen, ist der Kreis verpflichtet, das günstigere zu wählen. Das dürfte auch beim Fachservice Pflegefamilien der Fall gewesen sein.

Zwölf Jahre lang kümmerten sich die AWO und die Evangelische Familienbildungsstätte um die zuletzt etwa 150 Pflegefamilien, die für Kinder da sind, die das Jugendamt in Obhut nehmen musste. »Hier haben wir ein Fachwissen erworben, das nun brach liegt«, ärgert sich AWO-Mitarbeiterin Sonja Schulz. Noch bis Ende des Jahres ist sie im Fachservice Pflegefamilie tätig – sie und ihre elf Kollegen (Pädagogen und Verwaltungsmitarbeiter) müssen sich aber nach neuen Jobs umschauen. Einige kämen bei der AWO oder der Kirchenorganisation unter, anderen werde wohl gekündigt, vermutet sie. Dass der Kreisausschuss »PETRA« als Träger vorzieht, kann Schulz nicht verstehen. »Qualität kostet ihr Geld. Wir zahlen nach Tarif, unsere gute Arbeit hat sich bewährt«, betont sie.

Auch mehrere Pflegefamilien sind nicht gerade erfreut über den Wechsel in der Zuständigkeit. In einem offenen Brief an Sozialdezernent Helmut Betschel-Pflügel (Grünen) kritisieren sie sowohl die Entscheidung als auch deren Zustandekommen. So habe der Kreis zu keinem Zeitpunkt mit den Pflegeeltern gesprochen, vielmehr noch Gespräche abgelehnt. »Wir hätten gerne im Fachausschuss unsere Sicht der Dinge dargestellt«, sagt der Unterzeichner, der zum Schutz seiner Pflegetochter anonym bleiben will. »Wir sind schließlich am nächsten dran und kennen die Bedürfnisse der Kinder«, argumentiert er.

Seiner Ansicht nach haben AWO und Familienbildungsstätte in den letzten zwölf Jahren gute Arbeit abgeliefert. So seien im Jahr 2000 im Wetteraukreis von 311 Kindern 215 im Heim untergebracht gewesen, 96 in Vollzeitpflege. 2011 seien es 201 Kinder in Heimunterbringung, 172 in Pflege gewesen. »Allein der höhere Prozentsatz der Kinder in Vollzeitpflege durch die Vermittlung des Fachservice ist ein großer, auch finanzieller, Erfolg«, findet der Pflegevater. Schließlich koste eine Heimunterbringung den Kreis bis zu 5000 Euro mehr im Monat. Unerfahrene (und schlechter bezahlte) Betreuer könnten dies nicht erreichen, befürchtet er.

Der Fachservice arbeite seit zwölf Jahren eng mit den Pflegeeltern zusammen, es gebe Fortbildungen, Wochenendseminare, Gruppenabende und intensive Betreuungsgespräche. Hier hätten die Mitarbeiter die Stärken und Schwächen der Pflegeeltern kennengelernt und sich das Vertrauen vieler Pflegekinder schwer erkämpft, beschreibt der Verfasser des offenen Briefs. »Gerade Dauerpflegekindern, die schon jahrelang von der gleichen Mitarbeiterin im Fachservice betreut werden und sich verstanden fühlen, wird jetzt die Bezugsperson genommen.«

Er vermutet, dass mit »PETRA« »das günstigste Konzept das Rennen« gemacht hat und nicht das beste. »Sozialpolitik im Wetteraukreis durch einen Grünen-Dezernenten stellen wir uns anders vor.«

»Erfahrener Träger«

Laut Betschel-Pflügel sind es »die langjährigen Erfahrungen im Pflegekinderwesen« gewesen, mit denen »PETRA« überzeugte. Die »Partner für Erziehung, Therapie, Research und Analyse« hätten einen qualitativ hochwertigen konzeptionellen Ansatz vorgelegt. Er will die Vorwürfe nicht gelten lassen: »PETRA« sei ein erfahrenen Träger, der bereits in mehreren Bereichen der Jugendhilfe in Altenstadt und Büdingen für den Kreis tätig sei und auch mit Pflegefamilien schon langjährige Erfahrung habe, etwa in Darmstadt oder im Main-Kinzig-Kreis.

Wie Kreispressesprecher Michael Elsaß betont, sei ein Trägerwechsel nach Ausschreibung ein normaler Vorgang. »PETRA« habe zwar ein günstigeres, aber keineswegs das billigste Angebot abgeliefert. »Wir durchschauen Dumpingangebote. Die Leistung, zu den geforderten Bedingungen, muss auch überprüfbar eingehalten werden.« Er verstehe den Ärger einige Pflegeeltern, doch hätte deren Einbinden auch nichts an der Entscheidung geändert. Elsaß: »Das war nicht verhandelbar.«

Im November will der Kreis die Pflegefamilien bei einem Treffen mit dem neuen Träger bekanntmachen.

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