08. August 2013, 16:48 Uhr

Dr. Gleissner: Im Zeitraffer zur AfD-Spitzenkandidatin

Friedberg (chh). Im Flur prangt eine riesige Europakarte. Nicht unbedingt das, was man erwartet, wenn man das Haus von Dr. Christiane Gleissner betritt. Die Medizinerin ist Spitzenkandidatin der eurokritischen Partei Alternative für Deutschland (AfD) bei der Landtagswahl – obwohl sie keinerlei Erfahrung in der aktiven Politik hat. Trotzdem will sie die AfD in den Landtag führen.
08. August 2013, 16:48 Uhr
Christiane Gleissner in ihrem Garten in Friedberg. Die Mutter von vier Kindern will für die AfD in den Landtag einziehen. (Foto: chh)

Noch Anfang des Jahres war für die Friedbergerin ein politisches Amt undenkbar. »Ich war politisch nie aktiv«, sagt die 51-Jährige. Doch auch ohne Parteibuch habe sie sich stets für Politik interessiert. »Es gab aber niemanden, der das ganze Spektrum der Bürgermeinungen vertrat. Keiner war bereit, eine ernst zu nehmende Alternative anzubieten.« CDU-Hardliner Friedrich Merz könnte so einer sein, hat Gleissner mal gedacht – doch dann kam Lucke.

Bernd Lucke gründete im Februar dieses Jahres die Alternative für Deutschland. Die Partei sorgt vor allem mit ihrer eurokritischen Haltung für Aufsehen. Hauptziel: Die Deutsche Mark soll wieder eingeführt werden. Die plakative Forderung zog: Über 1200 Menschen kamen im März zur ersten öffentlichen Versammlung nach Oberursel – unter ihnen auch Gleissners Ehemann. »Als er zurückkam, war er begeistert«, erinnert sich die 51-Jährige.

Die Begeisterung schwappte über: Beim Gründungsparteitag einen Monat später begleitete Gleissner ihren Mann. »Da habe ich mich entschlossen: Im Kreis dieser Menschen möchte ich mich engagieren.« Die Friedbergerin fackelte nicht lange und kandidierte für den Beisitzerposten im Landesvorstand. »Zu meinem Erstaunen bin ich gewählt worden«, erzählt die 51-Jährige.

Eine neue Aufgabe im ohnehin vollen Terminkalender. Gleissner hat sowohl Zahn- als auch Humanmedizin studiert. Seit 2008 praktiziert sie als Zahnärztin in der Gemeinschaftspraxis in Reichelsheim, einmal die Woche unterrichtet sie an der Universität in Mainz. Zudem ist sie Direktorin des ZMF-Instituts der Landeszahnärztekammer Rheinland-Pfalz, Vizepräsidentin des Verbands der Zahnärztinnen und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für geschlechterspezifische Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Obendrein ist sie Mutter von vier Kindern, einer 16-jährigen Tochter und 13-jähriger Drillinge.

Keine Seilschaften

In Friedberg lebt die 51-Jährige seit 1996. »Da haben wir geheiratet und sind von Mainz hierhergezogen.« Ihre Tochter schickten die Gleissners auf die Montessori-Schule, sie selbst engagierten sich im Förderverein.

Im Februar gegründet, im Juni zur Bundestagswahl zugelassen: Die AfD hat eine rasante Entwicklung hinter sich. »Eine unfassbar spannende Zeit«, betont Gleissner. »Alles war neu, durch die hohe Geschwindigkeit habe ich alles im Zeitraffer erlebt.« Die Arbeit als Wissenschaftlerin sei ihr dabei zugute gekommen. »Dadurch konnte ich die Arbeitsweise schnell analysieren. Ich glaube, ich habe die Anforderung gut bewältigt.«

Das sahen ihre Parteikollegen offenbar auch so. Nach ihrer Wahl zur Beisitzerin im Bundesvorstand kandidierte Gleissner im Juni beim Landesparteitag für das Amt des Spitzenkandidaten – und gewann. Keine gemeinsame Vergangenheit, keine Vertrauten, keine Seilschaften: Wie schafft man es, wildfremde Leute von sich zu überzeugen? »Durch meine Rede«, sagt Gleissner. »Ich glaube, ich konnte meine Visionen und Prinzipien gut herausstellen. Die Leute haben erfahren, für welchen Idealismus ich antrete und wofür ich kämpfe.«

Dabei steht nicht unbedingt der Euro im Mittelpunkt. »Bei der AfD ist die Eurokritik ein zentraler Punkt, das stimmt. Ich will mich aber nicht festlegen und fordern, die DM wieder einzuführen«, betont Gleissner. Die aktuelle Währungssituation sei für den europäischen Gedanken aber schädlich. »Die europäische Idee leidet unter den wirtschaftlichen Zwängen«, sagt die Spitzenkandidatin. Neben der Einführung der DM gebe es auch andere Möglichkeiten, die Mängel zu beheben. »Es gibt genügend Optionen, die europäischen Probleme zu lösen. Parallelwährungen in ärmeren europäischen Ländern könnten zum Beispiel helfen.«

Gleissner betont, keine Wirtschaftsexpertin zu sein. Wichtiger seien ihr die Gebiete Bildung und Wissenschaft, Gesundheits- und Familienpolitik. »Ich stehe für den freiheitlichen Ansatz. Bürger sollten Verantwortung übertragen bekommen und ausüben dürfen.« Freiheit ist für Gleissner ein zentraler Begriff. Auch ihre Rede, mit der sie die Parteikollegen beim Landtagswahlkampf überzeugte, ist mit diesem Wort überschrieben. Ein Grund, warum ihr Freiheit so wichtig ist, ist die eigene Familiengeschichte. »Meine Großeltern sind 1953 aus der DDR geflohen.«

Wie die Geschichte der »Alternative für Deutschland« weitergeht, wird sich am 22. September zeigen. Derzeit macht die Partei jedoch eher durch Personalquerelen von sich reden. Vielleicht schafft es Dr. Christiane Gleissner ja, den Haufen zu bändigen. Als Mutter von vier pubertären Jugendlichen dürfte sie Übung darin haben.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Alternative für Deutschland
  • Bernd Lucke
  • Ehegatten
  • Ehemänner
  • Friedrich Merz
  • Landeszahnärztekammern
  • Landtagswahlen
  • Zahnärztinnen und Zahnärzte
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 20 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.