19. Dezember 2008, 18:34 Uhr

Wetterauer Mundart und rheinländischer Humor

Friedberg (jw/gk). »Wie kann nor e Mensch net von Frankfurt sei?«, hat der Mundartdichter Friedrich Stolze einmal gefragt. Der gute Mann kannte Friedberg vermutlich nicht oder nicht gut genug, gab und gibt es in der Wetterauer Kreisstadt doch gleichfalls Menschen, die ihre Mundart pflegen und ihre Heimatstadt über alles lieben. Christian Herrmann zählt dazu, und weil die 1834 gegründete Buchhandlung Bindernagel, in der Herrmann als Seniorchef fungiert, im nächsten Jahr 175 Jahre alt wird, hat der Buchhändler und Schauspieler sich selbst (und seinen Kunden) ein Geburtstagsgeschenk gemacht: Zwei CD-Hörbücher wurden aufgenommen, eines mit Mundarttexten, eines mit Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel.
19. Dezember 2008, 18:34 Uhr
Gleich zwei Hörbücher präsentiert Christian Herrmann zum 175-jährigen Bestehen der Buchhandlung Bindernagel im kommenden Jahr. (Foto: nic)

Friedberg (jw/gk). »Wie kann nor e Mensch net von Frankfurt sei?«, hat der Mundartdichter Friedrich Stolze einmal gefragt. Der gute Mann kannte Friedberg vermutlich nicht oder nicht gut genug, gab und gibt es in der Wetterauer Kreisstadt doch gleichfalls Menschen, die ihre Mundart pflegen und ihre Heimatstadt über alles lieben. Christian Herrmann zählt dazu, und weil die 1834 gegründete Buchhandlung Bindernagel, in der Herrmann als Seniorchef fungiert, im nächsten Jahr 175 Jahre alt wird, hat der Buchhändler und Schauspieler sich selbst (und seinen Kunden) ein Geburtstagsgeschenk gemacht: Zwei CD-Hörbücher wurden aufgenommen, eines mit Mundarttexten, eines mit Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel. Die Mundart-CD »Wie kann mer net von Fribberch sei!« ist der Mitschnitt einer Lesung Herrmanns im Oktober im Klosterbau, bei der Hebel-Aufnahme wird er unterstützt von seinem Sohn Mathias Herrmann, bekannt von der Bühne und aus dem Fernsehen (»Ein Fall für Zwei«) sowie dessen Frau Nicole Averkamp, die nach Engagements an den Theatern Dortmund, Basel und Darmstadt derzeit am Landestheater Osnabrück auf der Bühne steht.

Die Wetterauer Mundart hat ihre Eigenarten: Die Frau heißt »Fraa«, die Steine »Staa«, viel wird »väil« ausgesprochen und nirgends »nerjends«, uns heißt »uus«, hinten ist »heanne«, und wenn ein Wetterauer Hochdeutsch hört, findet er das meist »ferschderlich«. Die Wetterauer Mundart zeichnet sich durch ihren Vokalreichtum und durch ein rollendes R aus. In dem Gedicht »Der geschaite Peter« kommen beide Merkmale zusammen: »Was uus die Rouh duht raabe, / des eas: des Kean’ is’ zu gescheit«, lässt der Mundartdichter Franz Scriba die Großmutter zum Doktor sagen. Man sollte diese Zeilen nicht bloß lesen, man muss das hören, die scheppernden Konsonanten und die gurgelnden Vokale, welche die Wetterauer Mundart zum Klingen bringen.

»Babba Hesselbach«

Fünf Friedberger Autoren und ihre Mundart werden vorgestellt, neben Scriba sind dies Henry Benrath, Wilhelm Konrad Philipps, Erich Stümpfig und Wolf Schmidt. Alle haben sie die Friedberger Mundart auf ihre ganz eigene Weise verwendet, in Lyrik, Prosa und Drama. Das Ergebnis kann sich hören lassen, und es darf viel gelacht werden. Im Kontrast zu den meist humorvollen Mundartgedichten stehen drei Kostproben aus dem Roman »Die Mutter der Weisheit«, in dem der Dichter Albert H. Rausch alias Henry Benrath die Mentalität seiner Figuren durch deren Sprache wiedergibt. Hörenswert sind auch drei Monologe von Wolf Schmidt, der mit seinen »Hesselbachs« das Hessische weit über seine Grenzen hinaus bekannt gemacht hat.

Humorvoll und anrührend

»So weit kann’s kommen, wenn man es allen Leuten will recht machen.« Mit dieser Moral von der Geschicht’ endet die wohl bekannteste Kalendergeschichte des badischen Schulmannes und Schriftstellers Johann Peter Hebel der »Seltsame Spazierritt« von Vater und Sohn, die am Ende ihren Esel tragen, statt sich von ihm tragen zu lassen. Hebel hat zwischen 1803 und 1811 rund 200 meist kurze Texte in dem Kalender »Der Rheinländische Hausfreund« veröffentlicht. Auf der CD »Kalendergeschichten« rezitiert Herrmann den kuriosen Text. Besser gesagt: Er und seine beiden Mitleser bringen den hintersinnigen Humor dieser und knapp ein Dutzend weiterer Geschichten zum Klingen. Das Trio beweist dabei sicheres Spürvermögen. Einfühlsames Lesen, für jeden Text die angemessene Tonlage treffen - diese Fähigkeit eignet allen drei Rezitatoren in hohem Maße. Eine zu Herzen gehende Geschichte ist das »Unverhoffte Wiedersehen«. Wenige Tage vor seiner Verlobung kehrt ein Bergmann nicht von der Schicht zurück. Man findet ihn über 50 Jahre später körperlich unversehrt in einer Vitriollache. Seine Braut, nun alt und grau geworden, war ihm all die Jahre treu geblieben. Die Beerdigung des Mannes wird ihr zur nachgeholten Hochzeit. »Ich komme bald!« - so lauten ihre letzten Worte am offenen Grab. Nicole Averkamp liest dieses Kleinod völlig unsentimental, nahezu lakonisch-nüchtern - und lässt es gerade dadurch in stillem Glanz erstrahlen.

Hebel, obwohl gläubiger Christ und Kirchenmann, war stets aufgeschlossen für andere Religionen wie den Islam. Mathias Herrmann liest mit seiner sonoren, wandlungsfähigen Stimme die im Morgenland spielende Geschichte vom klugen, menschenfreundlichen Sultan, der einen vorlauten Untertanen nicht bestraft, sondern mit dessen eigenen »Waffen« schlägt. Ein köstliches Stück, wie auch andere Texte als kleine Perle aufleuchten und zum Hörvergnügen werden.

Die CD »Wie kann mer net von Fribberch sei! Fünf Friedberger Autoren und ihre Mundart« kostet 13 Euro (ISBN 978-3-87076-104-2), die CD »Johann Peter Hebel - Kalendergeschichten« (ISBN 978-3-87076-105-9) ist zum Preis von 15 Euro erhältlich.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Johann Peter Hebel
  • Mundart
  • Mundartdichter
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 20 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.