10. Juni 2008, 16:16 Uhr

Hupkonzerte: Polizei übt sich in Toleranz

Friedberg/Bad Nauheim (jw). Am Sonntagabend gewinnt die deutsche Fußballnationalmannschaft in Klagenfurth 2:0 gegen Polen, und noch um 23.30 Uhr, eine Stunde nach Abpfiff des Europameisterschaftsspiels, fahren in der Kurstadt hupende Autos durch die Straßen. Seit der WM zählt der Autokorso zu den beliebtesten Freizeitvergnügen der Fußballfans.
10. Juni 2008, 16:16 Uhr
Mit einem Autokorso feiern deutsche Fans am Sonntag in Hamburg den Sieg ihrer Mannschaft. Auch in der Wetterau waren nächtliche Hupkonzerte zu hören – zur Freude der Fans und zum Leidwesen all derer, die morgens früh raus müsen. (Foto: dpa)

Die Leidtragenden sind die, die am Morgen früh rausmüssen. Und daran wird sich bis zum Endspiel am 29. Juni aller Vorraussicht nach nichts ändern. Wie Ulrich Römer, Leiter der Polizeistation Friedberg, der WZ sagte, werden die Ordnungshüter nicht gegen die nächtlichen Hupkonzerte vorgehen: »Wir lassen das laufen, sofern keine massiven Straftaten festgestellt werden.« Dies könne Alkohol am Steuer sein oder wenn ein Fahrer andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr bringt. Ein Einschreiten der Ordnungshüter würde sich ohnehin recht schwierig gestalten. »Wie soll man lokalisieren, wer da gehupt hat?«, fragt Römer und vergleicht die Situation der Polizeistreifen mit dem Kampf des Don Quichotte, der vergeblich gegen die Windmühlen ankämpft.

Von den Autokorsi am Sonntag wurde die Wetterauer Polizei überrascht. »Das gab es bei der WM nicht, dass schon nach dem ersten Vorrundenspiel ein längerer Korso entsteht«, so Römer. Selbst in kleineren Orten wie Dorheim oder Wölfersheim seien am Sonntagabend hupende Autos durch die Straßen gefahren. Ein Anwohner der Friedberger Kaiserstraße berichtete von einem »extrem lauten Hupkonzert« und von Beifahrern, die riesige Fahnen aus dem Auto heraus schwenkten. »Selbst nachts gegen 1 Uhr fuhren noch zwei oder drei Autos hupend die Kaiserstraße hoch und runter«, so der Friedberger.

Streng genommen sind Hupkonzerte in Deutschland verboten. In Paragraph 16, Absatz 1 der Straßenverkehrsordnung heißt es, »Schallzeichen« darf innerorts nur gegeben, »wer sich oder andere gefährdet sieht«. Hupkonzerte – wie sie auch bei Hochzeiten oder von feiernden Abiturienten veranstaltet werden – stellen einen Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung dar und können mit einem Bußgeld von 10 Euro geahndet werden.
Auch der Autokorso an sich kann geahndet werden, wenn man ihn als »unnötiges Hin- und Herfahren in geschlossenen Ortschaften« interpretiert. Dann wäre ein Bußgeld von 20 Euro fällig. »In der Jubellaune der WM 2006 hatten die Ordnungshüter freilich schon sämtliche Augen zugedrückt«, schreibt die Deutsche Presse-Agentur, »und auch jetzt bei der EM weiß der ADAC, dass es Anweisungen zur Milde gibt. Nur beim Anbringen von Fahnen ans Auto sollten die Fans bescheiden bleiben. Wer statt stabil verankerter kleiner Fan-Fahnen meterlange Fahnenstangen aus dem Wagen hält, muss damit rechnen, doch angehalten und bestraft zu werden.«
Die Praxis sieht anders aus. Zwar hat die Polizeidirektion den Streifenfahrzeugen Leitlinien an die Hand gegeben, in denen die rechtliche Situation dargestellt wird. Es gilt aber eine »hohe Einschreitschwelle«, die Polizei übt sich in Toleranz, und die Fußballfans können ihrer Freude über den Sieg ihrer Mannschaft lautstark Ausdruck verleihen. »Die Störung der Nachtruhe beschränkt sich auf einen begrenzten Zeitraum«, sagt Römer, der Verständnis dafür hat, wenn sich Bürger von dem Krach belästigt fühlen. »Egal wie wir uns verhalten: Die Polizei hat immer den Schwarzen Peter in der Hand.«
Verstoß in der Praxis schwer nachweisbar
In der Praxis dürfte es zudem schwierig sein, dem einzelnen Verkehrsteilnehmer einen Verstoß gegen das Hupverbot nachzuweisen, wenn ein ganzer Pulk von Autos durch die Straßen fährt. Und was geschieht, wenn eine einzelne Streife einen Autokorso anhält und Bußgelder verhängt? Wie reagieren die Fußballfans? »Wir hoffen, dass sich die nächtlichen Autokorsi in den zumutbaren Grenzen halten«, sagt Römer.
Mit der Stadt Bad Nauheim gab es im Vorfeld Absprachen. Überlegt wurde beispielsweise, den Marktplatz für den Verkehr zu sperren. Dies wurde aber wieder verworfen, da die Fans dann eben auf den anderen Straßen der Stadt unterwegs wären. Keine Toleranz gilt laut Römer bei alkoholisierten Autofahrern oder gefährlichen Situationen, die etwa durch Beifahrer entstehen, die sich während der Fahrt zu weit aus dem Auto lehnen oder gar auf dem Dach sitzen. Ein weiteres Problem: Was beim Sieg der deutschen Mannschaft galt, muss auch bei Spielen der anderen Nationen gelten. Sollte morgen Abend die türkische Mannschaft gegen die Schweiz gewinnen, ist mit dem nächsten nächtlichen Hupkonzert zu rechnen.
Die Bilanz der Wetterauer Polizei nach den ersten Spielen fällt immerhin positiv aus: »Es gab keine Körperverletzungen und keine Alkoholexzesse«, so Römer. Der Leiter der Friedberger Polizeistation hofft, dass dies auch in den nächsten drei Wochen so bleibt.

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