22. März 2016, 19:13 Uhr

Zoff ums Kind: Vorwürfe gegen Wetterauer Jugendamt

Wetteraukreis (jw). Der Vater verdient das Geld, die Mutter ist fürs Emotionale da – das ist ein überholtes Rollenbild. Glaubt man Uwe Sanders (Namen geändert), bestimmt das Bild die Arbeit des Wetterauer Jugendamtes. Sanders kämpft um das Recht auf Umgang mit seiner kleinen Tochter und wurde vom Jugendamt enttäuscht.
22. März 2016, 19:13 Uhr
Väter wie Uwe Sanders kämpfen darum, ihre Vaterrolle auch annehmen zu dürfen. Das ist nicht leicht, wenn man das Jugendamt gegen sich hat. (Symbolfoto: dpa) (Foto: DPA Deutsche Presseagentur)

Als der Prozess um das Sorgerecht verloren war und die Mutter die Umgangstermine des Vaters mit der gemeinsamen Tochter immer wieder torpedierte, rief Uwe Sanders beim Wetterauer Jugendamt an. Er hatte zuvor schon keine guten Erfahrungen mit der Behörde gemacht, doch was er jetzt hört, »übertraf alles«. Väter sollten sich nicht so anstellen, vier Tage Umgang im Monat seien mehr als ausreichend. »Der Mitarbeiter sagte mir – und das ist der O-Ton –, man sei ›nicht dafür da, Vätern zu helfen».« Diese Aussagen habe der Mitarbeiter »so oder ähnlich nie geäußert«, teilt der Wetteraukreis mit. Uwe Sanders bleibt bei seiner Darstellung und wundert sich über die »altbackenen Vorstellungen aus den Fünfzigerjahren«. Sein Ärger entzündet sich auch daran, dass das Wetterauer Jugendamt einen Bericht über das Verhältnis zwischen Vater, Mutter und Tochter nicht dem Amtsgericht vorgelegt hat.

Die Probleme beginnen bereits vor der Geburt der Tochter. Uwe und Tina Sanders, beide Akademiker und Anfang 30, sind einige Jahre verheiratet, wünschen sich ein Kind. Die Beziehung sei »durchwachsen« gewesen, immer mal wieder gab es Konflikte, man raufte sich zusammen. »In der Schwangerschaft lief etwas aus dem Ruder«, sagt Sanders. Als er ein Regal bauen soll, habe ihn seine Frau bespuckt, geohrfeigt und bedroht. »Ich habe das in mich reingefressen.«

Das Paar wohnt damals in einem Dorf in der östlichen Wetterau, er arbeitet als Unternehmensberater, sie ist ohne Job. Im Sommer 2013 kommt die Tochter auf die Welt, alles scheint gut zu werden. Doch dann wird das Kind krank. »Eine Darmgeschichte, es war höchste Eisenbahn.« Im Krankenhaus seien bei der Mutter »die Nerven durchgebrannt«. Sanders: »Sie wurde ausfällig, beschimpfte mich als Schwein, ohne dass ich mir ihr Verhalten erklären konnte.« Trotzdem ist er für Mutter und Kind da, kommt täglich ins Krankenhaus, erledigt Besorgungen – und bekommt die Quittung: Sie drückt auf den Knopf überm Bett und herrscht die herbeigerufene Schwester an: »Bringen Sie diesen Mann raus, er ist gefährlich für mein Kind.«

Acht Monate das Kind versteckt

Mit WhatsApp-Nachrichten, auf denen Drohungen seiner Frau dokumentiert sind, wendet sich Sanders ans Wetterauer Jugendamt. Hilfe habe er keine bekommen, erzählt er. »Aber der Mutter hat man geholfen und ihr eine Unterkunft in einem Frauenhaus vermittelt.« Stimmt nicht, sagt eine Sprecherin des Kreises. »Die Frau hat selbst entschieden, in ein Frauenhaus zu gehen. Das Jugendamt hat hier nichts vermittelt.«

Acht Monate lang sieht Sanders sein Kind nicht. Er wertet dies als Kindesentzug. Erst über Umwege erfährt er den Aufenthaltsort. Sanders spricht konzentriert und ruhig. Er hat viel zu erzählen, viel mehr, als hier nacherzählt werden kann. Es sind Berichte von Demütigungen, von Beschimpfungen ohne ersichtlichen Grund und von Enttäuschungen, die sich regelmäßig einstellen.

Schließlich wird ihm begleiteter Umgang mit seiner Tochter gestattet. Sanders stimmt zu, am Ende schreibt eine Mitarbeiterin der Evangelischen Familien-Bildungsstätte einen Bericht. »Wie mir telefonisch mitgeteilt wurde, geht daraus hervor, dass ich trotz der langen Trennung eine solide Beziehung zu meiner Tochter aufgebaut habe, die Mutter aber gegen jede normale Vater-Kind-Beziehung ist. Auch wurde dokumentiert, dass sich die Mutter aggressiv gegenüber der Betreuerin verhielt und sie massiv anging, bis an die Grenze zur körperlichen Tätlichkeit.«

»Zehn-Minuten-Gutachten«

Das Jugendamt habe diesen Bericht aber nicht ans Amtsgericht Büdingen – das über das Sorgerecht zu entscheiden hatte – weitergeleitet. Der Wetteraukreis macht hierzu keine Angaben und verweist auf ein Gutachten: »Das Gericht hat ein Gutachten zum Sorgerecht, speziell zum Aufenthaltsbestimmungsrecht, in Auftrag gegeben und nach Erstellung des Gutachtens das Sorgerecht Frau Sanders zugewiesen.« Dies sei auch die Empfehlung des Jugendamtes gewesen, die auf den Ergebnissen des Gutachtens beruhe. Sanders: »Die Gutachterin hatte zwei Termine mit mir, zwei mit der Mutter und zwei beim begleiteten Umgang. Dabei hat sie sich mit der Mutter in einen Nebenraum zurückgezogen. Mir und meiner Tochter hat sie zehn Minuten beim Spielen zugesehen.« Er wundert sich: »Ein Vater verliert also das Sorgerecht, weil die Mutter nicht bereit ist, gemeinsame Gespräche unter Schirmherrschaft des Jugendamtes anzunehmen.«

Uwe Sanders hat trotzdem nicht aufgegeben. »Mein Ziel ist eine gemeinsame Sorge der Tochter.« Als er in Frankfurt eine neue Stelle annimmt, besorgt er in der Nähe seiner eigenen Bleibe eine kleine Wohnung für Mutter und Kind, hilft seiner Frau finanziell, teilt sich seine Arbeit »familienfreundlich« ein – und muss immer wieder erfahren, dass die Mutter den Kontakt abbricht oder vereinbarte Termine kurzfristig absagt. Bei Krankenhausaufenthalten der Mutter höre er von Pflegern, sie kämen mit ihr nicht aus, sie lege sich mit Ärzten und mit Besuchern an, mache ständig Schwierigkeiten. Ein Arzt in Frankfurt habe dem dortigen Jugendamt gemeldet, dass die Mutter aggressiv aufgetreten sei. Sie habe ein Attest verlangt (aber nicht bekommen), wonach der Umgang des Vaters kindeswohlgefährdend sei.

Der Sorgerechtsstreit ist mittlerweile vor dem Oberlandesgericht Frankfurt gelandet. Sanders hofft auf eine gütliche Einigung, auf ein gemeinsames Sorgerecht. Er will sein Kind mehr als nur ein paar Stunden im Monat sehen. Umso überraschter war er, dass sich das Wetterauer Jugendamt, das zwölf Monate lang nicht mit dem Fall betraut gewesen sei, für zuständig erklärte und sich weiterhin gegen eine gemeinsame Sorge ausspricht. Sanders: »Im Jugendamt in Frankfurt ist man verwundert über die Haltung der Wetterauer Kollegen.« Die Zuständigkeit ergebe sich daraus, »dass es sich um die Beschwerde gegen den Beschluss des Amtsgerichts Büdingen handelt«, teilt der Wetteraukreis mit und fügt hinzu: »Das Jugendamt ist auch im Wetteraukreis für beide Elternteile gleichermaßen parteilich und zuständig.« Uwe Sanders würde das gerne glauben.

»Väteraufbruch für Kinder«

»Kinder brauchen beide Eltern« – unter diesem Motto gründete sich 1988 der Verein »Väteraufbruch«. Anlass war die Scheidungsreform, nach der Väter nur noch die Stellung eines »Zahlvaters« zugestanden wurde. Der Verein hat regionale Selbsthilfegruppen aufgebaut, organisiert Beratungen, Seminare, spezielle Väter-Angebote und Eltern-Kind-Freizeiten. Dazu zählen Kanutouren für Väter und Kinder am Vatertagswochenende, die der Bad Nauheimer Kindschaftsrechtler Marcus Gnau, früher Mitglied im Bundesvorstand, organisiert. Infos dazu wie zu allen anderen Fragen auf www.vaeteraufbruch.de. Der Kreisverein Frankfurt von »Väteraufbruch für Kinder« hat seinen Sitz in der Eschersheimer Landstraße 23, Tel. 0 69/94 41 92 86.

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