27. Oktober 2015, 18:33 Uhr

Eingeschränkte Wahrheiten beim Quer-Denken-Kongress

Friedberg (jw). Michael Vogt sieht sich als Teil der »Wahrheitsbewegung«. Beim Quer-Denken-Kongress, den er an diesem Wochenende in der Stadthalle Friedberg moderiert, sind nur eigene Wahrheiten willkommen. Die Presse ist nicht zugelassen. Wer wissen will, welcherart »Wahrheiten« da verkündet werden, findet Infos im Internet.
27. Oktober 2015, 18:33 Uhr
»Global Scaling« nennt sich eine pseudowissenschaftliche Theorie, mit der man Lottozahlen vorhersagen kann – angeblich. Manche der Theorien beim »Quer-Denken-Kongress« erinnern an Lotteriespiel. (Fotos: dpa)

Im Dezember 2007 wurde Michael Vogt von der Universität Leipzig entlassen, wo er als Honorarprofessor am Institut für Journalistik lehrte. Auf der Homepage der NPD war er zuvor als Teilnehmer eines Treffens von Rechtsextremen genannt worden. Vogt bestritt jegliche Beteiligung, der »Spiegel« zitierte jedoch zwei Teilnehmer, die sich an ihn erinnerten. Auch seine Zusammenarbeit mit dem Rechtsextremisten Olaf Rose wurde bekannt; beide drehten 2004 den Film »Geheimakte Heß«, der als geschichtsrevisionistisch und fehlerhaft eingeschätzt wird.

2012 warf der Verfassungsschutz ein besonderes Auge auf den Dachverband der Deutschen Burschenschaften (DB). Die Bonner Raczeks und die Münchner Danubia wurden beobachtet, es gab Streit um Vorträge von Neonazis in Burschenhäusern und die sogenannten Ariernachweisanträge; nur wer deutsche Wurzeln hat, sollte aufgenommen werden. Im Blickfeld der Verfassungsschützer stand auch Danubia-Mitglied Vogt. In dem Aufsatz »Weg in die Freiheit – Deutschlands Aufbruch 2012«, der in den »Burschenschaftlichen Blättern« erschien, forderte er eine »revolutionäre Neuordnung« Deutschlands und die »Abschaffung des Parteienstaates« zur »Herstellung wirklicher Volksherrschaft«. Die Verfassungsfeinde säßen »an der Spitze von Staat und Regierung«, die Burschenschaften hingegen stünden »in der Tradition konsequenten patriotischen und freiheitlichen Denkens ... im automatischen Widerspruch zum herrschenden System, seinen Parteien und seinen Medien«.

Laut dem Quer-Denken-Sprachrohr Vogt ist es das Ziel des Kongresses, neue Wege für eine »tatsächliche Neugestaltung unserer Kultur zu schaffen«. Dazu zählt auch »die Entwicklung von unerschöpflichen Ressourcen durch freie Energien«: Strom, der nichts kostet, der überall unbegrenzt verfügbar ist. Warum es den nicht längst gibt? Weil schon das Wissen über freie Energie durch die Energiewirtschaft unterdrückt wird, heißt es. Eine klassische Verschwörungstheorie.

Esoterische Heilsversprechen

Nach Ansicht des Friedberger »Bündnisses gegen geistige Brandstiftung« vermischen sich bei dem Kongress rechte Ideologien und Verschwörungstheorien mit der Werbung für esoterische Gesundheitsprodukte. Einige davon haben die Physiker Dr. Holm Gero Hümmler und Sebastian Schmalz in ihrem Vortrag »Quantenquark und Heilsversprechen« kritisch beleuchtet. Sie hatten über die Referenten recherchiert, stießen auf Behauptungen, die sich auf Quantenphysik berufen, diesem Anspruch aber nicht gerecht werden. Hümmler: »Da werden elektronische Therapiegeräte für bis zu 40 000 Euro mit Theorien begründet, die seit 50 Jahren widerlegt sind.« Ein Gerät des gleichen Herstellers soll Unternehmensberatung mit Informationen aus der obskuren »Quantenfeld Cloud« ermöglichen. Mehrfach taucht die Global-Scaling-Theorie auf, die dem Erfinder Hartmut Müller eine Haftstrafe wegen Betrugs einbrachte. Entgiftung und Verjüngung verspricht eine Haube mit Keramikpartikeln für 160 Euro. Hümmler: »Die Funktionsbeschreibung klingt wissenschaftlich, bezeichnet aber genau den Effekt einer gewöhnlichen Mütze«, sagt Hümmler.

Vitamintablette gegen Krebs

Manches klingt absurd, bei einigen Themen wich jedoch das Lachen der Zuhörer der Betroffenheit. Ein Referent des Kongresses empfiehlt laut Hümmler eine von ihm erfundene Vitamintablette gegen Krebs, ein anderer spreche von »Tumoren, die sich nach Liebe sehnen« und behaupte: »Ein Krebs, der geliebt wird, gibt auf.« Wieder andere Referenten verbreiten auf ihren Internetseiten unverblümten Esoterik-Kitsch: »Als Teil der Natur und sogenannte ›Krönung der Schöpfung» ist es die Aufgabe von uns Menschen, neue Wege zu gehen und neues zu erschaffen. Der Gedanke ist der Ursprung von allem. Das gesprochene Wort ist die Umsetzung. Die Tat ist die Materialisierung. So war es! So ist es! So wird es immer sein!«, schreibt André Siegel, der nach eigenen Angaben über ein »enormes Wissen« in »Bereichen wie heiliger Geometrie, Kraftorten, Kristallen und Geomantie« verfügt, nach Ansicht der Esoterik-kritischen Internetseite »psiram« aber »ein Anbieter von Scharlatanerieprodukten« ist.

Ein weiterer Referent ist Dr. Rüdiger Dahlke, der Seminare über Fastenwandern, veganes Kochen und Seelenbewusstsein anbietet und glaubt, man könne »grobstoffliche« (feste oder flüssige) Nahrung durch »Lichtnahrung« ersetzen. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften verlieh ihm 2013 den Negativpreis »Goldenes Brett vorm Kopf« für sein Lebenswerk. Weitere Referenten sind der Verschwörungstheorien nachhängende Journalist Gerhard Wisnewski, die ehemalige Tagesschausprecherin Eva Hermann, der Gründer der Partei Neue Mitte Christoph Hörstel und der Autor Wolfgang Eggert, der an eine Verschwörung durch einen »israelischen Geheimvatikan« glaubt.

Angst vor tätlichen Angriffen

Seine Teilnahme abgesagt hat der Journalist Udo Ulfkotte (»Gekaufte Journalisten«), offenbar aus Angst vor tätlichen Angriffen. Auf seiner Facebookseite schreibt er: »Auf die (nach mehreren Angriffen auf meine Person begründete) mehrfache Frage nach einem angeblich sicheren Zugang für die Referenten zum Tagungsort erhielt ich trotz mehrfacher schriftlicher Nachfrage keine Antwort.« Ulfkotte, einst bei der FAZ beschäftigt, wird heute von seriösen Kollegen nicht mehr ernst genommen.

Wer wissen will, warum, lese den Text »Die Wahrheit über die Lügen der Journalisten« von Stefan Niggemeier. Fazit: »Bei aller berechtigten Kritik am Zustand des deutschen Journalismus: Ulfkotte ist weder ein verlässlicher Zeuge noch ein brauchbarer Chronist.« Der als Referent angekündigte Nigel Farage, rechtsextremer Europaabgeordneter aus England, fehlt mittlerweile auf der Veranstalter-Homepage.

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