04. August 2015, 10:43 Uhr

Kein Platz für Plastik

Friedberg (chh). Plastik wird im Überfluss produziert, genutzt und weggeworfen. Mit gravierenden Folgen für Gesundheit und Umwelt. Andreas Arnold will da nicht mehr mitmachen. Vor zwei Jahren hat der Friedberger angefangen, Kunststoff aus seinem Leben zu verbannen. Kein leichtes Unterfangen, aber er ist auf einem guten Weg – dank einiger Tricks.
04. August 2015, 10:43 Uhr
Ist das etwa ein Plastikstuhl, auf dem Andreas Arnold sitzt? »Es würde keinen Sinn machen, alle Plastikgegenstände wegzuwerfen. Dadurch produziert man nur neuen Müll«, sagt der 39-Jährige.

Andreas Arnold sitzt im Garten seines Reihenhäuschens und genießt die Sonne. Das selbst angebaute Gemüse gedeiht prächtig: Tomaten, Chilis, Paprika, Zucchinis. Der 39-Jährige ernährt sich gesund – und trotzdem hat er Plastik im Blut. Bisphenol A, Phthalate, Flammschutzmittel. Hochgiftige Stoffe, die Krebs erzeugen, das Nervensystem angreifen, unfruchtbar machen. Wir alle haben diese Stoffe in uns.

Vor 108 Jahren gelang Leo Hendrik Baekeland eine bahnbrechende Erfindung. Der Belgier entwickelte den ersten vollsynthetischen Kunststoff: Bakelit. Es dauerte nicht lange, da hatte Plastik die Welt erobert. Kein Wunder: Es kann härter sein als Stahl, leichter als eine Feder und durchsichtig wie Glas. Plastik ist in jede Form zu bringen – und gleichzeitig spottbillig. Arnold kennt diese Vorteile. Der Friedberger hat vor knapp zwei Jahren trotzdem beschlossen, Kunststoff aus seinem Leben zu verbannen. Denn er kennt auch die Nachteile. Dank Werner Boote.

In der Fernsehdokumentation Plastic Planet zeigt der Regisseur die Folgen der Kunststoffproduktion auf. Er besucht Produktionsstätten, spricht mit Wissenschaftlern und präsentiert Studien, wonach viele Kunststoffe schädlich sind. Boote lässt sich von einem Arzt Blut abnehmen. Die Konzentration von Bisphenol A ist so hoch, dass er gefährdet ist, unfruchtbar zu werden.

Für Arnold ein Schlüsselmoment. Nach der Doku führte ihn sein erster Schritt in die Küche, er sortierte das Plastik aus. »Nehmen Sie angekratzte Schüsseln: Die Plastikteile lösen sich ab und werden mit der Nahrung aufgenommen. Im Körper richten sie dementsprechend Schaden an«, erklärt der 39-Jährige.

Der zweite Schritt: Kein Plastik mehr kaufen. »PET-Flaschen sind das beste Beispiel. Darin befinden sich Stoffe, die sich ablösen, Acetaldehyd zum Beispiel. Man kann das sogar schmecken. Wasser aus billigen Plastikflaschen hat häufig einen süßlichen Geschmack.« Die Hersteller machen daraus kein Geheimnis, sie verweisen auf die Grenzwerte. Arnold reicht das nicht. »Die Werte wurden mehrfach nach oben oder unten korrigiert. Aus Lust und Laune? Was ist die Datenbasis? Mir ist das zu gefährlich.«

Glas- statt Plastikflaschen, schon ist das Problem gelöst. Auch bei Obst und Gemüse sei der Verzicht leicht. »Ich lasse einfach den Einwegbeutel weg. Wenn es nur in Folie eingepackte Gurken gibt, gehe ich eben zum nächsten Supermarkt.« Bei anderen Nahrungsmitteln sei das schwieriger. »Tiefkühlprodukte haben zwar meist Verpackungen aus Pappe, die ist aber oft mit Plastik beschichtet. Süßigkeiten, Trockenobst oder Mandeln gibt es auch nur in Plastik.« Bleibt nur der Verzicht – oder selber machen.

Arnold zeigt auf einen Mörser vor sich auf dem Gartentisch. »Darin stelle ich meine Zahncreme her. Einfach jodiertes Salz und ein Löffel Salbei zu einem Pulver verreiben, fertig.« Er mache das bereits seit eineinhalb Jahren, seine Zahnärztin habe nichts zu beanstanden. Ein Blick auf Arnolds Gebiss scheint ihr recht zu geben: Der 39-Jährige hat strahlend weiße Zähne. Doch die Zahnpasta ist längst nicht alles. Statt Bodylotion nutzt er Olivenöl, die Haare wäscht er sich ausschließlich mit Wasser, das Deo stellt er selber her. »Zwei Teile Kokosöl, ein Teil normale Speisestärke, ein Teil Backnatreon. Die Masse unterbindet jegliche Geruchsentwicklung, und die Herstellung ist 100 prozentig müllfrei.« Auch Putzmittel hat Arnold aus seinem Haushalt verbannt, er nutzt stattdessen Zitronensäure und Essig. So spart er Geld, das er dann für teurere Lebensmittel ausgeben kann. Denn die billigen Produkte sind meist auch in billigem Plastik verpackt.

Arnold ist die Sache ernst, er wirkt aber nicht verbissen. Er räumt ein, ab und zu noch Plastikprodukte zu kaufen. »Das ist meiner schlechten Eigenorganisation geschuldet.« Arnold ist berufstätig, arbeitet als Kriminalstatistiker bei der Polizei in Frankfurt. Er hat zwei Kinder, spielt Theater, organisiert Poetry Slams, schreibt Gedichte. Wenn er aus Zeitnot zur Fertigpizza greift, macht er sich keinen Kopf. »Ich weiß, dass es eine Ausnahme ist. Letztendlich versuche ich, es so wenig wie möglich zu machen.«

Dabei hilft ihm auch sein Blog. Auf www.plastic-diary.blogspot.de schreibt er regelmäßig über sein plastikfreies Leben. »Das hilft mir, fokussiert zu bleiben.« Er will aber auch andere begeistern. Inspirieren, nicht indoktrinieren. »Verteufeln ist der völlig falsche Weg. Ich habe 38 Jahre gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass an meinem Konsumverhalten etwas falsch ist. Wer bin ich denn, anderen Vorschriften zu machen? Ich bin schon froh, dass ich es für meinen eigenen Bereich einigermaßen schaffe.« Trotzdem freut er sich, wenn andere seinem Beispiel folgen. »Damit wäre der Sache schon ein guter Dienst erweisen.« Doch die »Sache« ist nicht nur die Gesundheit. Arnold geht es auch um die Natur.

Kalkutta, Indien: Werner Boote begleitet Kinder und Mütter, die barfuß über Müllberge laufen. Sie sammeln Plastik, um es zu verkaufen. »Die Recyclingrate von Plastik liegt bei nur 40 bis 60 Prozent. Der Rest wird verbrannt. Dadurch gelangen krebserregend Dioxine in die Luft«, sagt Arnold. Studien hätten gezeigt, dass die Krebsrate rund um Verbrennungsanlagen erhöht sei.

Werner Boote auf einem Schiff im Nordpazifik: Wissenschaftler nehmen Wasserproben. Das Ergebnis: In der Probe ist deutlich mehr Plastik als Plankton. »Fische und Wasservögel verenden reihenweise, weil sie das Plastik fressen«, erzählt Arnold. Das liege auch am Mikroplastik. Das befinde sich unter anderem in Duschgels und Reinigungsprodukten. »Die Kläranlagen können es nicht aufhalten, es gelangt in die Flüsse und Meere.«

Der 39-Jährige sitzt inzwischen auf der Gartenliege – aus Plastik. Beim genaueren Hinschauen fallen noch weitere Plastikgegenstände in Arnolds Garten auf. Alles hohle Phrasen? »Es wäre doch Unsinn, Plastikmüll reduzieren zu wollen und gleichzeitig produziere ich welchen.« Seine Küchenutensilien habe er daher nicht weggeschmissen, sondern umfunktioniert. Die Schüsseln nutzt er zur Aufbewahrung von Schrauben. Es sind diese Tricks, mit denen Arnold die Welt ein kleines bisschen besser machen will. Der 39-Jährige macht sich aber keine Illusionen: »Mit meinem Verhalten werde ich die Müllproblematik nicht mal ankratzen können.« Aber es reicht ja schon mal, wenn er den ein oder anderen Leser seines Blogs inspirieren kann. Und der den nächsten. Plastik hat die Welt auch nicht an einem Tag erobert.

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