13. März 2015, 16:53 Uhr

Jäger erschießt Biberrattenfamilie: Anwohner entsetzt

Friedberg-Bruchenbrücken (chh). Zehn Jahre lebte die Nutria-Dame Nena friedlich an der Wetter in Bruchenbrücken. Viele Anwohner freuten sich, wenn sie das Tier im Wasser schwimmen sahen. Damit ist es jetzt vorbei: Ein Jäger hat die Familie getötet.
13. März 2015, 16:53 Uhr
Nena und ihr Nachwuchs an der Wetter. (Foto: pv)

»Sie kam sogar herübergeschwommen, wenn man sie rief«, erzählt Sandra Meyer, deren Grundstück direkt an die Wetter grenzt. Groß war die Freude, als das Tier im Februar ihren fünfköpfigen Nachwuchs präsentierte. Doch seit Mittwochabend gibt es die Nutria-Familie nicht mehr. Laut Meyer hat der Jagdpächter Nena und zwei Jungtiere erschossen, am folgenden Morgen habe er sich auf die Suche nach den drei überlebenden Kindern gemacht. Die Bruchenbrückenerin kann es immer noch nicht fassen. »Ich zittere vor Zorn.«

Nutria, auch Biberratte oder Sumpfbiber genannt, leben meist in Erdhöhlen an Flussufern. Sie werden bis zu 65 Zentimetern lang und wiegen zwischen acht und zehn Kilogramm. Die Nager stammen aus Südamerika, nach Deutschland kamen sie in den 20er Jahren, wo sie wegen ihres begehrten Fells in Pelzfarmen gehalten wurden. Die hierzulande lebenden Tiere stammen von geflohenen oder freigelassenen Exemplaren ab.

Doch es war nicht das rötlichbraune Fell, das den Jäger interessierte. »Ein Nachbar hat ihn gerufen, weil Nena wohl Früchte aus seinem Garten gefressen hatte«, sagt Meyer. Am Mittwochabend sei der Jäger samt Hund und Flinte angerückt. »Wir haben ihm noch zugerufen, er solle die Tiere in Ruhe lassen.« Doch der Jäger habe nur entgegnet, er besäße eine Genehmigung und beseitige eine Plage. »Dann hat er die doppelläufige Flinte auf die Tiere gerichtet und abgedrückt.«

Als eine Plage will Rolf Becker die Nutria nicht bezeichnen. Der Naturschutzreferent beim hessischen Landesjagdverband mit Sitz in Bad Nauheim betont jedoch, dass die Tiere sowohl für die Landwirtschaft als auch für die Vogelwelt und das Niederwild (Hasen, Kaninchen) ein Problem darstellen. »Deshalb sind sie laut Gesetzgeber auch das ganze Jahr bejagbar. Es gibt keine Schonzeit.« Landesverbandsgeschäftsführer Alexander Michel pflichtet ihm bei, nennt aber eine Ausnahme. »Der Muttertierschutz hat bei der Jagd oberste Priorität. Das gilt für alle Wildtiere, auch für invasive und faunaverfälschende Arten wie die Nutria.«

Erst den Nachwuchs töten

Festgehalten ist das im Bundesjagdgesetz, Paragraf 22 Absatz 4: »In den Setz- und Brutzeiten dürfen bis zum Selbständigwerden der Jungtiere die für die Aufzucht notwendigen Elterntiere, auch die von Wild ohne Schonzeit, nicht bejagt werden.« Doch genau das ist doch an der Wetter geschehen. Hat der Jäger somit gegen geltendes Recht verstoßen? Nein, meint Michel. »Der Paragraf bezieht sich nur auf die Elterntiere, nicht auf die Jungen.« Soll heißen: Elterntiere dürfen nicht erschossen werden, Jungtiere aber schon. Und nachdem die Kinder getötet wurden, sind die Eltern auch keine Eltern mehr – und somit zum Abschuss freigegeben. »Ich verstehe, dass das für den Nichtjuristen merkwürdig klingt, aber das ist nun mal die gesetzliche Folge«, sagt Michel.

Doch laut Meyer hat der Jäger nicht alle Jungtiere erlegt, sondern nur zwei. Was für ihre Beobachtung spricht: Am Folgetag soll er zurückgekehrt sein und eine Lebendfalle aufgestellt haben. Außerdem ist die Anwohnerin der festen Überzeugung, dass der Jäger zuerst das Muttertier erschossen hat.

»Wenn das stimmt, hat der Jäger gegen das Tierschutzgesetz verstoßen«, sagt Michael Schwarz, stellvertretender Leiter der Unteren Naturschutzbehörde. Fraglich sei auch, ob er an besagter Stelle überhaupt hätte schießen dürfen. »Wenn das in der Ortslage war und nicht im Außenbereich, so hat der Jäger wohl im befriedeten Bezirk geschossen.« Ein anderer Aspekt sei ebenfalls fragwürdig. »Ich würde ein Tier nicht erlegen, wenn Zuschauer dabei sind. Das ist eine Frage der Sensibilität.« Schwarz weiß, wovon er spricht, er ist selbst Jäger. Abschließend beurteilen könne er den Vorfall jedoch nicht, schließlich sei er nicht dabei gewesen. Der betroffene Jagdpächter war am Freitag nicht zu erreichen.

Es gibt aber nicht nur Kritik an der Vorgehensweise des Jägers, sondern auch an der Jagd auf Nutrias im Allgemeinen. Frank Uwe Pfuhl, Vorsitzender der NABU-Umweltwerkstatt, kann die vom Jagdverband geschilderten Bedrohungen nicht nachvollziehen. »Ich sehe keinen Grund, diese Tiere zu bekämpfen. Die Schäden an der heimischen Fauna sind nicht wirklich messbar.« Aus umweltpädagogischer Sicht seien die Tiere sogar sehr nützlich. »Wenn Kinder mit ihnen in Kontakt kommen, entwickeln sie eine Sensibilität für die Natur.«

Andernorts scheint das Problem größer zu sein. Laut dem Mönchengladbacher Naturschutzbund fressen Nutrias am Niederrhein Baumstämme kahl, vernichten Maisernten und zerstören Uferbereiche, wodurch sie den Vögeln den Lebensraum wegnehmen. In Sachsen schlagen die Menschen bereits zurück: In einigen Restaurants steht Nutria-Rollbraten auf der Speisekarte.

Soweit ist es hierzulande noch nicht. Somit werden die Nutrias auch weiterhin die Wetterauer Ufer bevölkern. Für Sandra Meyer ein schwacher Trost. Denn Nena und ihren Nachwuchs wird sie an der Wetter nicht mehr begrüßen können. (Fotos: dpa/pv)

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