17. Februar 2019, 12:00 Uhr

Trauerrednerin

Sie muss ein Fels in der Brandung sein

Todesfälle in der Familie oder im Freundeskreis gehören zu den größten Belastungsproben im Leben. Wenn einem geliebten Menschen die letzte Ehre zuteil wird, muss deshalb alles stimmig sein. Das gilt auch für die Trauerrede, wie Anette Schmidt aus Bad Vilbel weiß.
17. Februar 2019, 12:00 Uhr
Die Bad Vilbelerin Anette Schmidt ist nicht nur Bestatterin, sondern auch Trauerrednerin. Ihr Handwerk setzt vor allem eines voraus: Einfühlungsvermögen. (Foto: ihm)

Seit knapp zehn Jahren arbeitet die 51-jährige Anette Schmidt aus Bad Vilbel als Trauerrednerin. Ein Angebot, das Familien vor allem deshalb benötigen, da Pfarrer die Trauerfeier für Konfessionslose in der Regel nicht gestalten. Gleichwohl wünschen sich die Angehörigen tröstende Worte. Diese zu finden, war einst gar nicht die Aufgabe der gelernten Bestatterin Schmidt. Sie vermittelte ihre Klienten lediglich weiter an die Trauerredner. Wenn auch mit Bauchschmerzen, denn: Jeder Fremde, mit dem sich die Hinterbliebenen in einer solchen Ausnahmesituation auseinandersetzen müssen, kann eine Belastung sein. »Da sie mich als Bestatterin hingegen kennen und vielleicht auch ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben, dachte ich: Es bietet sich an, auch die Trauerrede zu halten«, sagt Schmidt.

 

An einem Wochenende geschult

 

Eigentlich hatte sie sich nie vorstellen können, vor so vielen Personen zu sprechen. Doch sie dachte um, nachdem sie Reden hörte, die ihr nicht gefielen. Fehler seien menschlich, betont sie, doch für Angehörige eben schlimm. Sobald auch nur ein Detail bei einer Trauerrede nicht stimme, gehe sofort ein Zucken durch die Menge. Sie wollte es besser machen. Daher beschloss sie, einen Lehrgang beim Bundesverband Deutscher Bestatter zu absolvieren. Die Schulung dauerte ein Wochenende; geleitet wurde sie von einem Theologen. Der Tod, die Biografie und die Transzendenz seien die Bausteine einer Trauerrede hat Schmidt gelernt. »Transzendenz bedeutet: ›Wie geht es weiter? Wo ist der Verstorbene jetzt, was passiert nun?‹ Es geht darum, eine Hoffnung mitzugeben.«

Wichtig sei, den Menschen aufzugreifen. »Ich spreche deshalb so lange mit den Angehörigen, bis ich die Persönlichkeit des Verstorbenen begriffen habe. Sein Wesen soll in meiner Rede zum Ausdruck kommen.« Sie wolle ein wahrhaftiges Bild zeichnen. Für Schmidt heißt das: Weder über den grünen Klee loben, noch auf Schwächen herumreiten. Ihr Beruf als Bestatterin sei mitunter belastend, schildert die Bad Vilbelerin. »Es bleibt vieles zurück, was man auch verarbeiten muss.« Und das rund um die Uhr. Denn ihr Bestattungsunternehmen, das sie gemeinsam mit Juniorchef Sven Ulrich führt, ist jederzeit ansprechbar. »Das ist wichtig, denn die Hinterbliebenen sind in einer Ausnahmesituation«, sagt sie. Ihre Kraft ziehe sie daraus, dass ihr nach der Beisetzung gesagt wird: »Sie haben uns gut betreut, wir haben uns gut aufgehoben gefühlt.« Ein schönes Kompliment sei auch, wenn eine Begleitperson, die den Verstorbenen nicht kannte, nach der Trauerfeier sagt: »Jetzt kann ich mir etwas unter dem Menschen vorstellen.« 20 bis 25 Minuten sei die angemessene Länge für eine Rede, inklusive zwei oder drei Liedern. »Die Menschen sind aufgeregt, sie wollen keine Dreiviertelstunde sitzen. Solange ist auch die Aufmerksamkeit nicht da.« Wichtig findet Schmidt, nicht nur den Kummer hervorzuheben, sondern zu feiern, dass es den Menschen gab. »Dafür kann man dankbar sein«, sagt sie. Hie und da darf es sogar eine amüsante Anekdote geben: Nicht bei tragischen Todesfällen, aber beispielsweise bei älteren Verstorbenen, die zu Lebzeiten fröhliche Menschen gewesen waren.

 

Ein Text braucht Stunden

 

Gut kann sich Schmidt an ihre erste Trauerrede erinnern. »Man hat noch keine Routine«, sagt sie. Für das Texten braucht sie zwar auch heute noch mehrere Stunden. Beim ersten Mal habe es aber bestimmt zweimal länger als heute gedauert. »Als ich zum ersten Mal ans Rednerpult gegangen bin, habe ich das Herz bis in den Kopf klopfen gehört. Aber die Leute haben es nicht gemerkt.« Während des Sprechens müsse sie professionell sein und Haltung bewahren, dürfe nicht weinen. Schmidt: »Doch hinterher bin ich schon öfter vom Grab weggegangen und habe geweint. Mir geht auch manches nah.«

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