03. Dezember 2018, 20:00 Uhr

»Müllratten«

Laien zeigen starkes Stück

Mit allen Sinnen wach ist das Publikum bei der Uraufführung des Stücks »Müllratte« im Bürgerzentrum Karben.
03. Dezember 2018, 20:00 Uhr
Beklemmend: Die Schulhof-Gang bedroht Lara, die Angst hat, fällt und sich am Boden krümmt. (Fotos: Anne-Rose Dostalek)

Das Karbener Open-Mind-Ensemble bestehend aus 23 Laienspielern erzählt die Geschichte von Mobbing und Ausgrenzung basierend auf dem Jugendbuch »Graf Müllratte« von Nicola Piesch.

Als die Theaterpädagogen Oliver Becker und Heike Englisch im April den Aufruf für ihr Projekt starteten, hatten sie eine Idee und eine Buchvorlage. Sie suchten Menschen, die sich mit ihnen auf den Weg machen wollten, ein ungewöhnliches Theaterstück auf die Bühne zu bringen.

Ungewöhnlich in der Form und ungewöhnlich in der Zusammensetzung des Ensembles, denn jeder sollte willkommen sein – ohne die Angst, sie hätten nicht das passende Alter, Aussehen, die Fitness oder das Sprachvermögen. Nun stehen 23 Laiendarsteller auf der Bühne mit der der Botschaft »Wir grenzen keinen aus« und »Du bist Du«. Auch Marc Griffith, auf den Rollstuhl angewiesen, gehört zum Ensemble.

In starken Bildern wird in dem Theaterstück erzählt, wie es ist, wenn ein Mensch Mobbing und Gewalt erlebt. Die junge Lara (Anja Döhler) hat scheinbar das große Los gezogen und wird bei einem wohlmeinenden Ehepaar als Pflegekind aufgenommen. Doch die gleichaltrige Tochter (Lisa Brunotte) schaltet auf Protest und will mit der »Gestörten« aus dem Heim nichts zu tun haben.

Lara ist allein auf sich gestellt, als ihr die Mitglieder der Schulhof-Gang auflauern. Musik setzt ein, als sie sich vor Lara aufbauen, breitbeinig, Ellenbogen raus, angsteinflößend, laut und schrill. Spot on, die Szene wird in grelles Licht getaucht.

 

Szenen, die im Gedächtnis bleiben

 

Lara weicht zurück, fällt, krümmt sich. Über ihr stehen wie eingefroren die Gang-Mitglieder, kein Wort ist zu hören, nur das Metronom tickt erbarmungslos die Zeit herunter. Das ist eine Szene, die im Gedächtnis kleben bleibt. Ähnliche folgen.

Ein genialer Kunstgriff ist es, dass nicht nur auf der Bühne gespielt wird, sondern auch auf einem Laufsteg, der mitten hinein in den Saal führt. So rückt das Geschehen noch näher heran an die Zuschauer.

Diese sehen nicht das klassische Rollenspiel eines Theaters, sondern haben Protagonisten vor sich, die sich auf bestimmte Weise verhalten, Reaktionen erzeugen, zum Nachdenken antreiben. Befördert wird das abstrahierende Betrachten durch den Verzicht auf jegliches Bühnenbild. Es sind alleine die Darsteller, die durch ihr überzeugendes Spiel die Geschichte erzählen: von Lara, still, fremd, eingeschüchtert und Anna, integriert, munter, mit vielen Freunden.

Leo (Pierre-Kai Kohlas) gehört noch dazu, der helfen will, das Mädchen Gülli (Annika Hoffmann), das sich in Lara verliebt, und Flo (Kathrin Rohleder), der die Gang anführt. Drumherum gruppieren sich die Mitglieder der »Gesellschaft«, voller Häme über die Gutmenschen in ihrer Mitte, die ein Heimkind aufgenommen haben, und ein Quartett von Kommentatoren in schwarzem Rock und Zylinder.

Die Darsteller tragen vorwiegend Alltagskleidung, aber farblich nuanciert, sodass sie als Typen erkenntlich sind. Brüche sind in dem Stück vorgesehen, und so werden drei Filme eingespielt, die von Menschen erzählen, die Ausgrenzung erlebt haben.

Als die Schauspieler mit ihren Regisseuren Becker und Englisch nach der Schlussszene auf der Bühne stehen und sich atemlos an die Hand fassen, erhebt sich das Publikum zu einem langanhaltenden Schlussapplaus. »Großartig gespielt, einfach toll«, heißt es hinterher unter den Zuschauern. »Es wäre schön, wenn das Ensemble jetzt angefordert wird, das Theaterstück woanders zu spielen«, sagt Cornelia Wenk vom Begleitausschuss »Demokratie leben«. Es waren Projektgelder dieses Ausschusses, angesiedelt beim Wetteraukreis, die die finanzielle Basis des Theaterprojektes »Müllratte« darstellten.

Ein voller Erfolg ist es jetzt schon in Karben. Denn an zwei Spieltagen haben 750 Menschen das Stück »Müllratte« gesehen. Und entsprechend gewürdigt.

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