12. Juli 2018, 20:08 Uhr

Keine Muße, wenig Geld

12. Juli 2018, 20:08 Uhr
RIN
Mit welchen Problemen Hebammen konfrontiert sind diskutieren (v. l.) Hebamme Susanne Otte-Seybold und die SPD-Frauen Miriam Fuhrmann und Daniela Sommer. (Foto: rin)

Der Beruf der Hebamme könnte einer der Schönsten sein. Doch die Realität sieht anders aus: Arbeitstage in Überlänge, kombiniert mit schwacher Bezahlung. Dieses Problem wollte die Bad Vilbeler SPD diskutieren und lud dafür Daniela Sommer, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD im Landtag, ins Haus der Begegnung (HdB) ein.

Es sollte einer der schönsten Momente im Leben sein: die Geburt des eigenen Kindes. Doch für immer mehr Eltern ist dieses Ereignis mit Stress und Ungewissheiten verbunden. Der Grund: Wer sich eine professionelle Versorgung für Mutter und Kind rund um die Geburt wünscht, muss etliche Hebammen anfragen, um mit Glück eine Entbindungspflegerin für sich zu finden. Dabei ist deren Anwesenheit obligatorisch, denn es ist nicht etwa der Arzt, der zwingend bei einer Geburt anwesend sein muss: »Ohne eine Hebamme kann und darf keine Geburt stattfinden«, betont die Bad Vilbeler Hebamme Susanne Otte-Seybold.

Verlässliche Zahlen zum Hebammenmangel gibt es nicht. Doch die Erzählungen der Eltern und Hebammen, die an der Diskussionsrunde der Sozialdemokraten im Haus der Begegnung teilnehmen, klingen alarmierend. Denn die Sorge, keine Hebamme zu finden, könnte ab September noch größer werden. Dann muss auch Susanne Otte-Seybold ihre Praxis aufgeben (wir berichteten). Um 550 Euro habe ihr neuer Vermieter die Miete erhöht. Das war das Ende ihrer Arbeit.

Otte-Seybolds Beispiel zeigt, wie knapp Hebammen kalkulieren müssen, um von ihrer Berufung leben zu können. Der Kostendruck für freiberufliche Hebammen ist enorm, der Lohn gering. 38 Euro berechnet die Kasse für einen Betreuungsbesuch. 20 Minuten sieht sie dafür vor: »Die Realität sieht aber anders aus«, betont Otte-Seybold, die sich als 2. Vorsitzende im Landesverband hessischer Hebammen für deren Belange einsetzt. Eine werdende Mutter zu begleiten, erfordere Zeit und Muße, erklärt sie. Und nennt ein drastisches Beispiel: »Es gibt auch Hebammen, die ziehen nicht einmal mehr ihre Jacke aus.« Wer voll von den Kassensätzen zehren will, der müsse wohl so arbeiten. Geld braucht eine freiberufliche Hebamme dringend, schließlich muss sie eine enorme Berufshaftpflichtversicherung zahlen: Bei 8174 Euro jährlich liegt deren Satz. Zum Vergleich: 1981 waren es noch 30,68 Euro. »Wir arbeiten für Mindestlohn«, zieht Otte-Seybold Bilanz. Das weiß auch der Hebammennachwuchs. Die harte Realität sorgt jedoch dafür, dass sich viele mit der Zeit anders orientieren.

So sind auch zwei angehende Hebammen aus Gießen zur Diskussionsrunde erschienen und berichten von ihren Eindrücken. Sie haben die Wahl zwischen enormem Kostendruck in der Freiberuflichkeit oder Schichtlängen weit über der Schmerzgrenze in einer Klinik. Niedrig ist die Bezahlung in beiden Fällen. »Wir brauchen eine satte Gebührenerhöhung«, betont Otte-Seybold.

Sommer notiert sich die Sorgen und Forderungen der Gäste. Sie berichtet, das Thema schon länger auf dem Schirm zu haben, jedoch würden alle SPD-Anträge dazu von der Landesregierung abgeschmettert. Erschwerend komme hinzu, dass die Regierung nach wie vor davon ausgehe, dass es keinen Hebammenmangel gebe.

Der Landesverband der Hebammen lässt in diesem Sommer eine landesweite Hebammenbefragung durchführen. Mit diesen Ergebnissen will der Verband die Politiker in die Pflicht nehmen, endlich für bessere Berufsbedingungen zu sorgen.

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