26. März 2019, 11:00 Uhr

Menschenrecht

Karbener Berufsbildungswerk sorgt für Ausbildung ohne Hindernisse

Heute vor zehn Jahren unterzeichnete Deutschland die Behindertenrechtskonvention der UN. Dieser Tag markiert auch in der Geschichte des Karbener Berufsbildungswerks (BBW) einen Meilenstein.
26. März 2019, 11:00 Uhr
Dominik Rinkart
Ulla Duchardt und Ralf Heiß präsentieren stolz das neue farbliche Leitsystem. Mit diesem sollen auch Teilnehmer mit Lernschwächen oder Verständnisschwierigkeiten zuverlässig im BBW an ihr Ziel kommen. (Foto: Dominik Rinkart)

Eigentlich, so könnte man meinen, war das Berufsbildungswerk Südhessen in Karben (BBW) schon immer ein Vorreiter, wenn es darum ging, Menschen mit besonderem Förderbedarf optimal aufs Berufsleben vorzubereiten. Da erstaunt es, dass selbst Ralf Heiß, Mitglied der Geschäftsleitung, diese euphorische Einschätzung nicht unwidersprochen stehen lassen möchte.

Es ist der Zeitgeist, der sich ändert, und mit ihm auch die Ausrichtung des BBWs. »Vor 35 Jahren sprachen wir auch hier noch von Fürsorge«, blickt Heiß zurück. Ein Begriff, bei dem es ihm heute kalt den Rücken runter läuft. »Das ist sehr von oben herab«, moniert er. Jahre später habe sich eine neue Mentalität entwickelt: »Fordern und fördern« sei bald der Slogan der Zeit geworden. Damit geht es nach Ralf Heiß schon einen Schritt in die richtige Richtung, doch immer noch sehr geprägt von einen hierarchischen Gefälle zwischen einem Betreuer und einem offensichtlich hilfsbedürftigen Menschen.

 

BBW arbeitet Aktionsplan aus

Viele Jahre wirkte es ohne Zweifel sehr engagiert, wie sich das BBW um seine Teilnehmer kümmerte, ob diese später auf dem Arbeitsmarkt aber wirklich für voll genommen wurden, stand auf einem anderen Blatt.

Heiß formuliert die entscheidende Frage: »Was heißt Teilhabe?« Geht es wirklich nur darum, benachteiligten Menschen so zu helfen, dass sie irgendwann unter gewöhnlichen Bedingungen arbeiten können? Oder geht es nicht um mehr? Die UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2009 formuliert es schließlich sinngemäß so: »Jeder Mensch ist anders – alle Menschen sind gleich.« In dieser Konsequenz markierte die Konvention auch für das BBW einen Meilenstein und wurde zum Auftrag: Inklusion ohne Wenn und Aber! Nicht der Mensch muss sich den Arbeitsbedingungen anpassen, sondern der Arbeitsplatz muss zu den Fähigkeiten und Defiziten des Menschen passen.

Um dieses Ziel zu erreichen, begann das BBW vor vier Jahren, einen Aktionsplan auszuarbeiten. Dieser strukturiert sich in vier Handlungsfelder: Individualität und Vielfalt, Partizipation, Bewusstseinsbildung sowie Barrierefreiheit.

 

Farbliches Leitsystem auf dem gesamten Gelände

Das Letztere nicht mit ein paar Rollstuhlrampen getan ist, erklärt Heiß. Personen mit Lernschwierigkeiten bräuchten etwa Orientierungshilfen – ein neues farbliches Leitsystem auf dem gesamten Gelände soll dabei helfen. Auch Formulare und Broschüren in leichter Sprache zählen zur Barrierefreiheit. Hinzukommen optimale Arbeitsbedingungen: »Während wir bei der Arbeit gerne aus dem Fenster schauen, braucht jemand aus dem Autismus-Spektrum vielleicht eine weiße Wand vor sich.«

Generell seien Autisten ein gutes Beispiel für die Entwicklung am BBW. Seien sie früher meist in der Werkstatt eingesetzt worden, sei das BBW heute viel weiter, erkenne gezielter Potenziale, sorge für passende Bedingungen und kann inzwischen Autisten in quasi jedem Arbeitsbereich ausbilden.

Der Erfolg gibt ihm recht: »Früher wurden wir belächelt, heute fragen zum Beispiel Blumenläden gezielt nach unseren Teilnehmern«, erklärt Ulla Duchardt aus dem Arbeitsbereich Grüne Berufe. Sie ist Teil der Arbeitsgruppe, die den Aktionsplan entworfen hat. »Der Fachkräftemangel hilft uns«, gibt Heiß zu. Unternehmen könnten es sich längst nicht mehr leisten, Menschengruppen bei der Mitarbeitersuche auszuschließen.

 

Genderfragen im Blick

Das bietet für das BBW einen weiteren Vorteil. Als inzwischen gefragte Ausbildungsstätte sind sie mit ihren Teilnehmern automatisch näher am Arbeitsmarkt und sorgen so für Inklusion weit über die Grenzen des BBW-Geländes hinaus. Wie etwa im Tegut-Dorfladen in Okarben, der vom BBW betrieben wird. Dort arbeiten BBW-Teilnehmer und leben den Okärbern Inklusion einfach vor: »Das zählt auch zur Bewusstseinsbildung, die wir auch nach außen tragen.«

Auch wenn der Aktionsplan nun in einer 15-seitigen Broschüre niedergeschrieben ist, soll es damit nicht getan sein: »Während die Gruppe das erarbeitet hat, haben wir gemerkt, dass so ein Aktionsplan nie zu Ende sein kann. Das ist immer ein Prozess«, erklärt Duchardt.

 

Teilnehmern Selbstvertrauen geben

So werde der Begriff »Behinderung«, wie er auch im Titel der UN-Konvention vorkommt, den Menschen nicht mehr gerecht. Inzwischen sprechen die BBW-Mitarbeiter eher von Förderbedarf oder Einschränkungen. Wenn überhaupt. Denn häufig sind es auch Identitäten, die mit der Gesellschaft harmonisieren. Genderfragen etwa haben Duchardt und Heiß längst mit ihrem Aktionsplan im Blick. Was an vielen anderen Orten Grund für langwierige Debatten ist, wird im BBW einfach angegangen. So gibt es dort mit Selbstverständlichkeit geschlechtsunspezifische Umkleideräume. So schnell das entsprechende Türschild montiert ist, so herausfordernd sei bisweilen der Umgang damit: »Viele unserer Lehrkräfte sind zunächst irritiert, ob sie die entsprechende Person männlich oder weiblich anreden sollen«, berichtet Duchardt. Doch auch das falle unter den Punkt »Bewusstseinsbildung«: Wir versuchen, den Teilnehmern das Selbstvertrauen zu geben, ihre Identität zu vertreten, müssen aber auch das Umfeld darauf vorbereiten«, erklärt Heiß.

Sensibilität und Verständnis, egal worum es geht, diese Mentalität fordern Heiß und Duchardt von jedem im BBW: »In einigen Jahren werden wir hier Themen haben, an die wir heute noch nicht denken«, überlegt Heiß, doch Duchardt und ihre Arbeitsgruppe werden immer hellhörig bleiben. Natürlich im Sinne der UN-Konvention.

 

Info

Für 650 Millionen Menschen

Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen trat 2008 in Kraft und wurde am 26. März 2009 auch von Deutschland unterzeichnet. Sie betrifft weltweit rund 650 Millionen Menschen, die mit einer Behinderung leben. Die Konvention betrachtet sie nicht mehr als Kranke, sondern als gleichberechtigte Menschen, und setzt sich vom Diskriminierungsverbot über die Informations- und Meinungsfreiheit bis zum Recht auf Bildung für sie ein. Während diese grundsätzliche Mentalität der Gleichberechtigung schon vorher im BBW verankert war, trug die Konvention dazu bei, dass in vielen Unternehmen ein Umdenken stattfand, was auch die Arbeit des BBW förderte. (rin)

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