08. Februar 2019, 20:11 Uhr

Der Mann für die Mittwochsandacht

Immer mittwochs um 8.15 Uhr wird im hessischen Landtag gebetet. Der CDU-Abgeordnete Tobias Utter organisiert die Andachten bereits seit 2009. Seine theologische Heimat liegt jedoch nicht in Wiesbaden, sondern in Bad Vilbel.
08. Februar 2019, 20:11 Uhr
Tobias Utter vor der Bad Vilbeler Christuskirche am Grünen Weg: Die Innenstadt-Gemeinde hat den gläubigen Politiker geprägt. (Foto: dpa)

Das Evangelium von Jesus Christus weiterzuverbreiten, sei nicht nur die Aufgabe von Pfarrern. Es sei die Sache eines jeden Christen, sagt Tobias Utter. Der Vorsitzende der CDU Bad Vilbel, der bei der Landtagswahl im Wahlkreis Wetterau I 30,4 Prozent der Erststimmen erhielt und damit im südlichen Wetterauer Wahlkreis zum vierten Mal in Folge das Direktmandat holte, nimmt diesen Grundsatz ernst. Er lebt ihn – wohl wie kein zweiter hessischer Landtagsabgeordneter. Utter will den Menschen den evangelischen Glauben näherbringen und dafür sorgen, dass wieder mehr von ihnen in die Kirche gehen, nicht nur in seiner Heimat Bad Vilbel und der Wetterau, sondern auch im Landtag in Wiesbaden.

Dort organisiert der CDU-Politiker Andachten. Seit April 2009 lädt Utter, der in seiner Fraktion den Arbeitskreis Kirchen leitet und stellvertretender Landesvorsitzender des evangelischen Arbeitskreises der CDU Hessen ist, dafür Pfarrer und andere Geistliche ein. Schon vorher gab es zu Beginn der Legislaturperiode einen Gottesdienst. »Aber warum nur alle fünf Jahre«, fragte sich Utter.

Abgeordnete bei den Andachten

Zu den Andachten treffen sich Abgeordnete und Bedienstete des Landtags in den Plenarwochen mittwochs von 8.15 bis 8.45 Uhr, um unter Anleitung der Geistlichen nachzudenken und gemeinsam innezuhalten. »Da begegnen sich Abgeordnete in einem anderen Kontext«, sagt der Christdemokrat. »Das kann auch Verhärtungen aufweichen.« Gut 20 Teilnehmer habe eine Andacht im Schnitt. Die meisten kämen von CDU und SPD. Unterstützt wurde Utter in den knapp zehn Jahren insbesondere von Ernst-Ewald Roth (SPD), dem ehemaligen katholischen Stadtdekan von Wiesbaden, der vor allem die Kontakte in die katholische Kirche gepflegt hat.

Seine christliche Prägung erfuhr der Sohn des früheren Lufthansa-Piloten und -Vorstandsmitglieds Werner Utter in Bad Vilbel. Die Christuskirchengemeinde in der Innenstadt war von Anfang an Utters kirchliche Heimat. Heute ist er im Kirchenvorstand. Bereits seine Mutter war in der Gemeinde sehr aktiv, bot dort unter anderem Schwangerschaftskurse an. »Ich war in der Gemeinde schon vor meiner Geburt«, scherzt Utter. Er wurde dort getauft, ist in den Kindergarten der Gemeinde gegangen und wurde dort konfirmiert.

Von 1978 bis Ende der 90er Jahre gestaltete Utter Gottesdienste für Jugendliche und Konfirmanden mit. Von sich reden machte Utter unter den Gläubigen aber vor allem als Mitinitiator der speziellen Gottesdienstreihe »Kirche anders«, die es in Bad Vilbel seit 1996 gibt und mit ihren Themen und Titeln schon einige Male provozierte. Zuletzt schaffte das »Kirche anders« vergangenen November, als sie mit dem Titel »Allah unser« einen Shitstorm im Internet auslöste.

Einmal im Jahr hält Utter einen dieser besonderen Gottesdienste selbst, wobei er das Wort »Gottesdienst« in diesem Zusammenhang vermeidet. Ziel sei es nämlich, Menschen zu erreichen, die sonst nicht in die Kirche gingen. Bei »Kirche anders« herrscht Bistro-Atmosphäre, es gibt Musik, Humor und Selbstironie, manchmal Theater.

Entscheider im Dekanat

In den anderen Gemeinden im Wetteraukreis kennt man den Bad Vilbeler als Präses des evangelischen Dekanats Wetterau. Als solcher leitet er ehrenamtlich die Sitzungen der Dekanatssynode, des regionalen Kirchenparlaments. Man könne die Aufgabe mit der des Landtagspräsidenten oder Kreistagsvorsitzenden vergleichen, so Utter. Zudem steht er an der Spitze des sogenannten Dekanatssynodalvorstandes, der die laufenden Geschäfte des Dekanats führt. Das Gremium berät und beschließt Pfarrdienstordnungen, Anschaffungen, Personalfragen und konzeptionelle Dinge.

Gedanken, evangelische Theologie zu studieren und selbst Pfarrer zu werden, habe er als junger Mann gehabt, erzählt der Landtagsabgeordnete. Er habe sie aber wieder verworfen, weil ihm das Aufgabenspektrum eines Gemeindepfarrers damals zu weit vorgekommen sei. Auch die Aussicht, Menschen in den letzten Wochen vor ihrem Tod zu betreuen, habe ihn damals noch »irritiert«. Utter entschied sich stattdessen für ein Studium der Geschichte und Politikwissenschaft, schloss es jedoch nicht ab und wurde früh Mitarbeiter der CDU-Landtagsfraktion, später in der Landtagsverwaltung.

Trotzdem nimmt der Vilbeler seit vielen Jahren Aufgaben von evangelischen Pfarrern wahr. Mitte der 80er Jahre ließ er sich zum Prädikanten ausbilden. Ehrenamtliche Prädikanten dürfen nach einer Ausbildung mit anschließender Prüfung predigen, Sakramente spenden sowie Trauungen und Beerdigungen vornehmen. Schätzungsweise 30 Kinder habe er bereits getauft, sagt Utter. Hinzu kämen fünf Beerdigungen. »Getraut habe ich noch niemanden.« Was ihm als Prädikanten anvertraut wird, unterliegt dem Beichtgeheimnis.

Im Landtag will Utter weiter Mittwochsandachten organisieren. Da sein einstiger SPD-Kollege Roth nicht mehr kandidiert hat, hofft er auf andere Unterstützer. »Ich werde unter den neuen Abgeordneten sicherlich Mitstreiter finden.«

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