03. Februar 2019, 06:00 Uhr

Bad Vilbel

Büchner-Schüler erforschen den Erlenbach

Wirkt die Renaturierung? Geht es dem Erlenbach gut? Und was haben Eintagsfliegen mit der ganzen Sache zu tun? Antworten auf diese Fragen kennen zwei Schüler des Bad Vilbeler Georg-Büchner-Gymnasiums. Ihr aufwendiges Forschungsprojekt könnte mittelfristig sogar politisch bedeutend werden.
03. Februar 2019, 06:00 Uhr
AGS

David Mittag (16) ist perfekt vorbereitet. Auf dem Tisch hat er einen Koffer mit Chemikalien drapiert, hat Mikroskop und Fachliteratur herausgekramt und eine Schautafel ins Klassenzimmer des Georg-Büchner-Gymnasiums (GBG) gerollt. Es ist ein kleiner Testlauf. Wenn er und Paul Czaja (15) in knapp zwei Wochen im Frankfurter Senckenberg-Museum antreten, um den Regionalentscheid von »Jugend forscht« (siehe Box) zu gewinnen, muss alles stimmig sein.

»Wir haben gute Chancen«, sagt David selbstbewusst. Und das zurecht: Denn was die beiden GBG-Schüler in den vergangenen zwei Jahren erarbeitet haben, ist beeindruckend. In Pioniermanier haben sie wissenschaftlich belegt, dass die Renaturierung die Wasserqualität des Erlenbachs deutlich verbessert hat. Und dass die Kläranlage in Ober-Erlenbach ein Problem ist.

 

Von Stiftung gefördert

 

Mit Hilfe der BVB-Stiftung, des GBG-Fördervereins und des Umweltfonds der Fraport schafften David und Paul das Testlabor im Kofferformat, Messbecher und Fachbücher an. Im Sommer 2017 machten sie die erste von über 200 Messungen.

Die Wasserproben untersuchten sie anschließend auf chemische, physikalische und biologische Parameter. Per Titrationsverfahren bestimmten sie unter anderem den PH-Wert sowie den Nitrat- und Sauerstoffgehalt des Baches. Mit Zollstock, Thermometer und Treibholz maßen sie Wassertiefe, Temperatur und Fließgeschwindigkeit. Und einmal im Monat sammelten sie 20 Stichproben, etwa Steine und Schlick vom Bachbett, um auf ihnen nach Kleinstlebewesen zu suchen.

Dieser biologische Teil der Forschungen ist der wichtigste, wie Lehrer Grahmann erklärt: »Es ist das Herzstück des Projektes, weil man nur darüber die Gewässergüte bestimmen kann.« Denn: Da jedes Lebewesen andere Ansprüche an seinen Lebensraum stellt, ist das Vorkommen einer bestimmten Spezies ein Indikator für die allgemeine Qualität eines Gewässers. Finden sich dort etwa viele Steinfliegenlarven, ist das ein sehr gutes Zeichen, tummeln sich viele Schlammröhrenwürmer in den Wellen, sollte man sich sorgen.

 

Die Auswertung der Rohdaten ergab laut David: »Die Renaturierung bringt echt was.« Der Erlenbach gelte laut Saprobienindex als »gering belastet«, landet in der zweithöchsten Güteklasse Zwei. Und: Dort wo der Bach renaturiert ist, ist die Artenvielfalt größer, es gibt mehr Bachflohkrebse und Eintagsfliegenlarven als im nicht-renaturierten Teil. Auch chemische Grenzwerte werden nicht überschritten. Das ist gut, denn ist etwa zu viel Nitrat im Gewässer, besteht die Gefahr, dass dieses kippt und die Tiere darin ersticken.

 

Güteklasse gefallen

 

Mit diesem Ergebnis konnten die Bad Vilbeler bei ihrem ersten Anlauf bei »Jugend forscht« immerhin den zweiten Platz im Regionalentscheid holen. Aber sie waren angefixt, wollten mehr. Die nächste große Frage: Welchen Effekt hat eigentlich die Kläranlage in Ober-Erlenbach?

David und Paul zogen einige Kilometer bachaufwärts. Dort bestimmten sie erneut zwei Messenpunkte, einen vor der Kläranlage und einen hinter deren Einleitung in den Erlenbach. Dann nahmen sie erneut Proben, ein halbes Jahr lang. »Im Sommer hat es an der Kläranlage gestunken, wir hatten immer Handschuhe an, das war schon hart«, erzählt David. Aber es sollte sich lohnen.

Nach einer kurzen Pause wegen des Auslandshalbjahrs lagen ihre Ergebnisse vor. Wieder sind sie eindeutig: Vor der Kläranlage ist vergleichsweise viel Sauerstoff im Erlenbach und es finden sich nur wenige potenziell schädliche Stoffe, an der Messstelle hinter dem Einlauf fehlt der Sauerstoff, dafür gibt’s mehr Nitrat und Ammonium.

 

David schockiert

 

»Auf dem Saprobienindex ist die Güteklasse um zwei Stufen gefallen«, sagt Paul. Im Teilstück hinter der Kläranlage fällt der Erlenbach in Güteklasse Vier zurück: »sehr stark bis übermäßig verschmutzt«. Laut EU müssen alle Gewässer eine Güteklasse von Eins oder Zwei erreichen. Die hat der Erlenbach auch wieder, wenn er in Massenheim angelangt ist.

Bleibt die Frage: Was passiert dazwischen? Das wollen David und Paul im dritten Teil ihres Forschungsprojekts herausfinden. Vorher steht für die beiden Jungs, aber der Regionalentscheid an. Zu dem fahren sie mit einer klaren These: »Eine Renaturierung reicht nicht aus, um die Wasserqualität zu sichern. Wir brauchen eine Verbesserung der Kläranlagen.« In Bad Vilbel wird der Ausbau selbiger und die Einführung der sogenannten vierten Reinigungsstufe schon länger diskutiert.

Am GBG hat das Forschungsprojekt jedenfalls schon Wirkung gezeigt. Die dabei entwickelten Materialien werden im Unterricht eingesetzt. »Ich bin stolz auf David und Paul«, sagt Lehrer Grahmann. »Sie haben viel Eigeninitiative bewiesen und können tolle Ergebnisse vorweisen.« Auch eine Kooperation zwischen GBG und Kläranlage könnte zukünftig entstehen

Und David? Der nimmt zweierlei aus dem Projekt mit. Zum einen, wie wichtig es ist, eine Balance zwischen Umwelt und Menschen zu finden. »Ich war schockiert, wie viel Plastikmüll wir bei unseren Messungen gefunden haben«, sagt er. Er achte nun mehr darauf, was er wo wegwirft. Und zum anderen hat er erkannt: Ein Job in der Wissenschaft – das könnte was sein. Ein Gewinner ist er also schon jetzt.

 

Erlenbach-Projekt

Vortrag und Film

Wer die jungen Forscher kennenlernen möchte, hat jetzt die Chance: Die Naturschutzgesellschaft Bad Vilbel lädt für Montag, 4. Februar, 19 Uhr ins Haus der Begegnung, Marktplatz 2, ein. David Mittag und Paul Czaja (15), Jungforscher am Georg Büchner Gymnasium, stellen die aktuellen Ergebnisse ihres bei »Jugend forscht« eingereichten Projekts »Erlenbach-Check: Was bringt uns die Renaturierung?« vor. Der Eintritt zu diesem Vortrag mit Kurzfilm ist frei. »Jugend forscht« ist der bekannteste bundesweite Schülerwettbewerb im Bereich Naturwissenschaften und Technik. Es gibt ihn seit mehr als 50 Jahren. Die Teilnehmer dürfen nicht älter als 21 Jahre sein. Im Rekordjahr 2014 gab es mehr als 12 000 Anmeldungen. Aus den eingereichten Forschungsprojekten wählt eine Fachjury die Besten aus. Die Gewinner des Regionalentscheids ziehen zum Landesentscheid und dessen Gewinner zum deutschlandweiten Vergleich weiter. Der Preis für den Sieg sind Preisträger Geldbeträge, Sachpreise, Praktika oder Exkursionsreisen. (ags)

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