02. November 2018, 20:22 Uhr

Als die Feuerwehr nur zusah

Stolpersteine erinnern an vielen Orten in Karben daran, wo früher Juden wohnten. Über 60 sind es schon. Etwa halb so viele Personen aus Groß-Karben wurden 1942 vom Nazi-Regime in die osteuropäischen Vernichtungs- lager deportiert. Anlässlich der Judenpogrome vor 80 Jahren wird jetzt mit einer Ausstellung im Bürgerzentrum an den Tag erinnert, als die Gewalt zum ersten Mal wie ein Flächenbrand über ganz Deutschland hinwegzog.
02. November 2018, 20:22 Uhr
Gemeinsam gegen das Vergessen (v. l.): Veronika Jezovšek, Irma Mattner, Hartmut Polzer, Leah Frey-Rabine und Bürgermeister Guido Rahn. (Fotos: jsl)

I n der sogenannten Reichskristallnacht (Pogromnacht) am 9. November 1938 wurden auch in Groß-Karben die Synagoge niedergebrannt, Geschäfte und Wohnungen geplündert und jüdische Mitbürger misshandelt. Die Initiative »Stolpersteine in Karben« hat eine Ausstellung im Rathaus-Foyer ins Leben gerufen. Seit 1. bis zum 12. November zeigen die Engagierten um Irma Mattner und Hartmut Polzer beispielsweise Vernehmungsprotokolle aus einem Gerichtsverfahren, das 1949 stattfand. Einmal mehr geht es nicht nur ums Gedenken, sondern auch um die Frage nach der Schuld und nach Prävention.

Mit einer Legende konnte Polzer gleich zu Beginn aufräumen: Nein, es sei nicht nur der SA-Sturm aus Okarben an den Exzessen beteiligt gewesen, sondern vor allem die Groß-Kärber selbst. Das hätte eine Rekonstruktion der Polizei- und Prozessprotokolle ergeben. Diese stammten nach seinen Angaben aus den Hessischen Staatsarchiven in Darmstadt und Wiesbaden sowie aus Weimar. »In den gezeigten Dokumenten haben wir die Namen der Täter allerdings geschwärzt, denn uns geht es bei dieser Ausstellung nicht um die Frage, wer hat damals was gemacht«, erklärte er den vielen Menschen, die sich im Foyer versammelt hatten.

»Aus heutiger Sicht einfach unglaublich, ist die Tatsache, dass der damalige Bürgermeister der anwesenden Feuerwehr verbot, die brennenden Gebäude zu löschen«, entrüstete sich Bürgermeister Guido Rahn in seiner Ansprache. Er betonte, wie wichtig Stolpersteine und Dokumentationen als Zeichen gegen das Vergessen seien. Der Begriff »Reichskristallnacht« klinge seiner Meinung nach viel zu harmlos, verglichen mit dem Unrecht, das am 9. November 1938 passiert sei. »Deswegen ist es umso wichtiger, daran zu erinnern«, sagte Rahn weiter. »Es gibt ja kaum noch Zeitzeugen, die es selbst miterlebt haben. Schön ist, dass heute Abend so viele Leute gekommen sind. Das ist ein gutes Zeichen. Wir müssen alles dafür tun, dass sich so etwas nie wieder bei uns wiederholt.«

Herbert Dietz aus Groß-Karben hat die Ereignisse der Pogromnacht von seinen Eltern erzählt bekommen. Natürlich kenne er die Namen der Täter. Die Feuerwehr sei überhaupt nur vor Ort gewesen, um zu verhindern, dass die Brände auf arische Gebäude übergriffen. Niemand habe ernsthaft vorgehabt, die Synagoge zu löschen.

Die Initiatoren freuten sich über den Besuch der jüdischen Kantorin Leah Frey-Rabine. Sie mahnte die Wichtigkeit an, Ausgrenzung und neu aufkommenden Antisemitismus entgegenzutreten. Im persönlichen Gespräch machte sie Mut: »Die Gefahr ist da, aber wir sind stark genug, diesen Tendenzen die Stirn zu bieten«, ist sie sich sicher. »Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit. Jeder hat das Recht, seine Meinung zu vertreten. Aber keiner hat das Recht, seine Meinung anderen mit Gewalt aufzuzwingen.«

Umrahmt wurde die Vernissage vom Ober-und Mittelstufenchor der Kurt-Schumacher-Schule, der unter der Leitung von Veronika Jezovšek zwei hebräische Lieder und ein christliches Lied sang.

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