12. Oktober 2011, 18:08 Uhr

Stadt sieht Nachbesserungsbedarf bei der Bahn

Bad Vilbel (khn). Heinz Müller steht in seinem Garten an der Königsberger Straße in Dortelweil. Von einem Strauch pflückt er Beeren und schiebt sie eine nach der anderen in seinen Mund. Plötzlich rattert und donnert es: Ein Zug fährt direkt an seinem Grundstück vorbei.
12. Oktober 2011, 18:08 Uhr
Für das »Stockheimer Lieschen« will die Bahn einen neuen Damm bauen. Die Stadt hält das für überflüssig.

Müller dreht sich nicht um, sondern isst weiter. Seit Mitte der 70er-Jahre lebt er hier – direkt an den Gleisen. Den Lärm hat er hingenommen. Doch den viergleisigen Ausbau der Main-Weser-Bahn akzeptiert er nicht. »Ich habe Einspruch eingelegt«, betont er und lächelt. Es ist kein Siegerlächeln. Aber: »Am Ende kann ich sagen: ›Ich habe mich gewehrt».«

Heinz Müller heißt nicht wirklich so. Er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen – auch wenn er die gleiche Meinung vertrete wie seine Nachbarn, erzählt er. »Hier haben alle Einspruch eingelegt«, sagt er und zeigt zu den einzelnen benachbarten Häusern – alle mit Garten. »Einige machen sogar jetzt bei ›Ba(h)nane» mit«, sagt Müller und grinst. Dann muss er leicht kichern. Man merkt: Der Name des Aktionsbündnisses gegen den Ausbau der Strecke zwischen Frankfurt Süd und Friedberg amüsiert ihn.

Ob das Galgenhumor ist oder einfach buddhistische Gelassenheit? Denn so witzig ist die Angelegenheit nicht: Am Montag endete die Einwendungsfrist gegen das Projekt der Deutschen Bahn. Am Dienstag hatte »Ba(h)nane« mehr als 1200 Einsprüche im Karbener Rathaus übergeben (wir berichteten ). Die Themen reichen von »mangelhafter Ankündigung« über »fehlerhafte Schall- und Erschütterungsgutachten« bis zu »Gefahrentransporte«.

Auch die Stadt Bad Vilbel sieht Nachbesserungsbedarf. Erster Stadtrat Jörg Frank betont zwar, der viergleisige Ausbau sei nötig, »um die S-Bahn getrennt von den übrigen Verkehren, insbesondere Fernverkehr, zu führen«. Aber nicht alles, was die Bahn geplant hat, findet seinen Segen.

So soll der Abzweig der Niddatalbahn in Höhe der ehemaligen Astra-Quelle neu gestaltet werden. Dazu müsse das Unternehmen jedoch den Kurvenradius ändern; das wäre nur durch einen neuen Bahndamm zwischen dem Abzweig unter der Friedberger Straße bis zur Nidda möglich. Einher ginge der Bau einer neuen Unterführung für den Niddauferweg sowie einer neuen Brücke über der Nidda. Die Stadt schlägt vor, die Bahn solle stattdessen die Brücke der Friedberger Straße sanieren, damit der Kurvenradius des »Stockheimer Lieschens« dort eingehalten werde. Somit wären Damm, Brücke und Unterführung »entbehrlich«. Außerdem wehrt sich die Stadt dagegen, die Geschwindigkeit der Linie von derzeit Tempo 80 auf 60 zu senken.« Mit »Millionenaufwand« sei die Strecke dafür erst vor wenigen Jahren saniert worden, sagt Frank.

Abriss und Neubau

Die Brücke an der Königsberger Straße – in direkter Nachbarschaft zum Anwesen von Müller – soll abgerissen und neu gebaut werden. Statt zwei sollen in Zukunft vier Gleise hier Platz haben. Der Durchgang soll drei Meter hoch und vier Meter breit sein. Die Verwaltung schlägt vor, die Brücke so zu bauen, dass in der Unterführung zwei Autos Platz haben. Denn der Verkehr im Dreieck Astra Quelle, Main-Weser-Bahnlinie und Nidda könne nur durch diese Brücke sichergestellt werden, da der Bahnübergang am ehemaligen Mineralwasserunternehmen durch eine Fuß- und Radwegunterführung ersetzt werden soll. In Sachen Schallschutz schlägt Frank außerdem vor, die neue Brücke mit Unterschottenmatten zu versehen. Die könnten verhindern, dass sich der Schall ausbreite.

Vergleichsweise klein ist der Wunsch der Stadt bei den Umbauarbeiten am S-Bahn-Halt Dortelweil . Bisher besteht der aus zwei Außenbahnsteigen. Weil statt zwei in Zukunft vier Gleise vorbeiführen, entsteht ein sogenannter Inselbahnsteig. Deshalb muss die existierende Unterführung verlängert und ausgebaut werden. Entlang des künftigen Außenbahnsteigs am Weitzesweg will die Bahn Lärmschutzwände aufstellen. Resultat: Die Fahrradstellplätze fallen weg. Frank: »Die Stadt fordert selbstverständlich Ersatz.«

»Dortelweil profitiert«

Umgebaut werden muss auch die Brücke Theodor-Heuss-Straße . Laut Bahn-Plan soll sie um elf Meter breiter werden. Zwischen den Gleisen für den Fernverkehr und der S-Bahn sollen Lärmschutzwände aufgestellt werden. Auch hier fordert die Stadt zusätzliche Unterschottermatten wie bei der Brücke Königsberger Straße.

Vor allem Dortelweil werde von vorgesehenen Lärmschutzwänden profitieren, glaubt der Erste Stadtrat. Die Schallbarrieren sollen an der West- oder Ostseite des Schienenstrangs oder auch zwischen Fernverkehr und S-Bahn aufgestellt werden und zwischen 1,50 und fünf Meter hoch sein. Zusätzlich werde die Ortsdurchfahrt als »besonders überwachtes Gleis« behandelt. Das heißt: Die Gleise werden regelmäßig überprüft und geglättet, damit die Waggons leiser abrollen.

Ohne diesen Schutz würden bei derzeit 1268 Häusern und Wohnungen die Lärmgrenzwerte überschritten. Nach den Arbeiten seien es noch 105, »wobei in den meisten Fällen Ansprüche auf passiven Lärmschutz bestehen dürfte«, sagt Frank. Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? Nein, betont der Erste Stadtrat. »Leider möchte die Bahn die Lärmschutzwände nur in den Innenseiten hoch absorbierend gestalten.« Die Bauverwaltung ist jedoch der Meinung, dass dies auch für die Außenwände geschehen müsse. »Das gilt insbesondere dort, wo parallel zum Schienenstrang Straßen verlaufen.« Die Stadt befürchtet, dass der Schall des Straßenverkehrs an den geplanten Wänden reflektiert werde. »Die Anwohner wären zwar vom Schienenlärm befreit, hätten aber mehr Straßenlärm zu dulden«, sagt Frank.

Er werde sicherlich nicht zu den Profiteuren gehören, sagt Heinz Müller. Eher im Gegenteil: Es werde ungemütlicher und lauter. Und wenn der Schallschutz komme, werde ihm die Sicht genommen. Er lächelt leicht resigniert, als er sagt: »Am Ende werden wir doch eh nicht gefragt.«

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