Ronald Kasten wehrt sich gegen Fluglärm in Bad Vilbel

Bad Vilbel (khn). Die Deutsche Flugsicherung hat für die An- und Abflugrouten zum Frankfurter Flughafen umgestellt. Nun düsen die Maschinen auch über Bad Vilbel. Der 62-jährige Ronald Kasten hat deshalb eine Bürgerinitiative gegründet.
29. August 2011, 10:55 Uhr
Ronald Kasten bereitet in seinem Garten die Präsentation vor, die er vor Vertretern der Stadt zeigen will. (Foto: Al-Khanak)

Ronald Kasten ist Manager bei einem weltweit operierenden amerikanischen Chemiekonzern. Er ist viel mit dem Flugzeug unterwegs. Zusammen mit seiner aus China stammenden Frau Jinghua Kasten-Jiang reist er auch gerne in exotische Länder. »Ich bin kein Technologiegegner«, sagt er, »aber das, was die Fraport macht, vergleiche ich gerne mit dem Konzern Tepco.« Er meint das japanische Unternehmen, das nach Erdbeben und Tsunami für die Folgen des Super-GAUs in einem Reaktor verantwortlich gemacht worden ist. »Die machen Werbung mit Hochglanzbroschüren, versuchen aber nicht alles Mögliche, um es erträglich für die Menschen zu machen.« Kasten blickt in den Himmel. Über ihm donnert und jault es. Eine weiß glänzende Maschine fliegt genau über sein Grundstück.

Kasten ist ein selbstbewusster Mann. Er weiß, was er kann, und er ist selbstkritisch mit dem, was er tut. Sein Händedruck ist freundlich, aber bestimmt – dabei der Blick in die Augen. »Ich lebe seit 20 Jahren in Bad Vilbel und seit 15 Jahren hier im Eichenweg«, erzählt er, während er dem Gast eine Tasse Kaffee gibt. »Ich hoffe, er ist okay so. Ich trinke ihn nämlich sehr stark«, sagt er. Die Energie braucht er auch. Denn neben seiner Arbeit in Hattersheim hat er seit rund sechs Wochen einen weiteren Vollzeitjob: Der 62-Jährige hat zusammen mit seiner Frau eine Bürgerinitiative (BI) gegründet, die sich gegen den zunehmenden Fluglärm über der Quellenstadt zur Wehr setzen will.

Doch warum ausgerechnet jetzt? Im März hatte die Deutsche Flugsicherheit (DFS) die An- und Abflugrouten zum Frankfurter Flughafen umgestellt. Grund ist die für Oktober geplante Eröffnung der umstrittenen neuen Landebahn. Die verschob den Korridor, durch den die an- und abfliegenden Maschinen geleitet werden, Richtung Norden. Genau über Bad Vilbel. Dadurch hat sich der Flugverkehr über der Quellenstadt vervielfacht. »Ich habe vorher nach dem Sankt-Florians-Prinzip gehandelt«, sagt er. Also: Potenzielle Probleme werden nicht gelöst, sondern auf die Seite geschoben und anderen überlassen. Auch der ins Wasser gefallene Sommer habe dazu beigetragen, dass er sich der Tragweite der geänderten Route nicht bewusst gewesen sei. Doch dann fing er an, sich für das Thema zu interessieren. »Ich bin von dem Fluglärm um 4. 45 Uhr wach geworden und habe mich dann im Internet schlau gemacht.« Was er da findet, verärgert ihn. Gewaltig. »Sie haben eine Luftkreuzung über Bad Vilbel geschaffen«, sagt er. »Ist es nötig, direkt über der Stadt zu fliegen? Gäbe es nicht die Möglichkeit, das zu umgehen?«

Warteschleife über Main-Kinzig-Kreis

Kasten ist nun in seinem Element. Er legt Karten auf den Tisch, die die Änderung des Flugbetriebs und die Auswirkungen auf die Region verdeutlichen. Die meisten Maschinen starten und landen bei Westwind. Das macht 75 Prozent im Jahr aus. Sie fliegen aus Richtung Wiesbaden über Bad Vilbel, drehen im Main-Kinzig-Kreis und verbleiben dort in einer Art Warteschleife. Sie werden dann eine nach der anderen im Minutentakt zur Landung aufgerufen. »Für die Menschen im Main-Kinzig-Kreis muss Bad Vilbel ein Paradies sein«, sagt Kasten. »Dort kann man vorerst wohl nicht viel gegen den Lärm machen, genauso wenig wie in der Gegend rund um Start- und Landebahnen.«

Für die Quellenstadt hat der 62-Jährige drei Ideen, den Zustand kurzfristig zu ändern. So fordert er, dass die Mindestflughöhe über Bad Vilbel von 6500 Fuß (2000 Meter) eingehalten werden muss. »Das ist die absolute Schmerzgrenze«, sagt er. Daran hielten sich viele Gesellschaften nicht. »Flugspuren zeigen Höhen von 3000 bis 4000 Fuß, also teilweise bis unter 1000 Metern.« Weil die neue Nordwest-Landebahn mehr Flüge bedeutet, soll die Flughöhe noch mal um 300 Meter gesenkt werden. Es sei außerdem »völlig unverständlich«, warum der Abflug nach Norden und Nordosten exakt über die Kernstadt verlaufe. »Eine geringe Verlagerung nach Osten mit Verbreiterung der Spur würde ohne jeden Aufwand für eine Entzerrung und Halbierung des Lärms sorgen.« Denn dort, wo dann die Maschinen unterwegs seien, gebe es nur Äcker und Streuobstwiesen. Der dritte Punkt: Die von der DFS vorgegebene Soll-Linie beim Abflug Richtung Norden liege außerhalb der Kernstadt. Was die Piloten stattdessen machten: »Sie fliegen eine schärfere Kurve und krachen dann über den Ostteil der Kernstadt. Ohne Not und nicht nach Vorschrift.«

Neben diesen kurzfristigen gebe es auch langfristige Ziele, die die BI verfolgen könne. Das Landeverfahren der Fraport zwinge Piloten dazu, bis zu 50 Kilometer auf konstanter Höhe mit permanentem Turbinenschub und Kerosinverbrauch zu fliegen. »Das ist so, als ob ein Autofahrer gleichzeitig Gas gibt und auf die Bremse tritt«, erklärt er. In London werde das CDA-Verfahren genutzt. Dort sammelt die Flugsicherung die Maschinen in Gebieten auf 10 000 Fuß, erst bei der Landeerlaubnis gehen sie in den Gleitflug über zur Landung. Der Lärm hält sich in Grenzen. »Das würde mehr Fluglotsenpersonal zur Folge haben, aber das wird eingespart.«

Das Problem: Ein normaler Bürger habe kaum Einflussmöglichkeit, betont Kasten. »Beschwerden bei Fraport werden abgetippt und weitergegeben. Als Antwort gibt’s dann einen Brief, in dem steht, Fraport könne daran nichts ändern.« Die Pläne seien genehmigt worden. Von der DFS komme gar keine Rückmeldung. Nun will sich Kasten mit Menschen zusammentun, die das gleiche Problem haben. »Wir werden jetzt viele Leute mobilisieren, die sich dagegen wehren«, sagt er. 30 Leute haben sich schon bei ihm gemeldet und wollen mitmachen. »Es gibt zahlreiche Gemeinden, die gegen den Flughafen klagen. Das können Bürgerproteste unterstützen.« Die Stadt sei bereit, sich seine Präsentation anzusehen, Politiker aus allen Fraktionen hätten Bereitschaft signalisiert, zu helfen. »Die haben das Recht, mit der Flugsicherheit zu sprechen«, sagt er, lehnt sich zurück und grinst. »Ich komme auch gerne mit, denn als Techniker kann ich denen auf Augenhöhe begegnen.«

Kasten will kämpfen

Kasten könnte wegziehen. Doch das will er nicht. Er will um einen Platz kämpfen, an dem er nach seiner Pensionierung leben kann. Außerdem habe er viel in die Renovierung des Hauses gesteckt. »Ich bin kein Illusionist«, sagt er, »das wird Jahre dauern, bis sich etwas bewegt.« Aber es ärgere ihn, dass ein Unternehmen »egoistischen, wirtschaftlichen Interessen über das Wohl einer ganzen Region gestellt wird«. Der Ehrgeiz Fraports, das größte Flugdrehkreuz Europas zu werden, werde nicht kritiklos hingenommen werden. »Die neue Landebahn ist noch nicht eröffnet, aber schon jetzt gibt es eine Welle von Protest«, betont Kasten. Wegen Stuttgart 21 sei »nur« eine Stadt plus die nahe Umgebung auf den Beinen gewesen. »Hier ist es eine ganze Region.« Und er ist ein Teil davon.

Wer mehr über die BI wissen will, kann sich per E-Mail an Ronald Kasten unter kontakt@badvilbel-fluglaerm.de wenden. Weitere Infos unter badvilbel-fluglaerm.de/.

Flugzeuge sollen höher über Bad Vilbel fliegen

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