Ausdrucksstark, sexy, stimmgewaltig

Bad Vilbel. Es hätte besser sein können. Natürlich nur rein wettermäßig gesehen. Denn das, was am Premierentag des Musicals »Cabaret« geboten wurde, war alles andere als frühlingsmäßig. Die Zuschauer aber, die in die Wasserburg gekommen waren, um das Ensemble um Regisseur Egon Baumgarten spielen zu sehen, wurden mit einer Spitzenleistung belohnt. Eine ganze Reihe von hervorragenden Darstellern, gute musikalische Arrangements und ein raffiniertes Bühnenbild mit mehreren Ebenen und Drehelementen bildeten einen erfolgreichen Mix, der beim Publikum bestens ankam. Wer bereits Karten für eine der zahlreichen »Cabaret«-Aufführungen während der Burgfestspiele zu Hause hat, kann sich schon jetzt auf eine gelungene Inszenierung freuen.
12. Juni 2009, 11:46 Uhr
Energiegeladen steht Britta Balzer auf der Bühne. Sie spielt die Sally Bowles.

Bad Vilbel. Es hätte besser sein können. Natürlich nur rein wettermäßig gesehen. Denn das, was am Premierentag des Musicals »Cabaret« geboten wurde, war alles andere als frühlingsmäßig. Die Zuschauer aber, die in die Wasserburg gekommen waren, um das Ensemble um Regisseur Egon Baumgarten spielen zu sehen, wurden mit einer Spitzenleistung belohnt. Eine ganze Reihe von hervorragenden Darstellern, gute musikalische Arrangements und ein raffiniertes Bühnenbild mit mehreren Ebenen und Drehelementen bildeten einen erfolgreichen Mix, der beim Publikum bestens ankam. Wer bereits Karten für eine der zahlreichen »Cabaret«-Aufführungen während der Burgfestspiele zu Hause hat, kann sich schon jetzt auf eine gelungene Inszenierung freuen.

Einen wahren Glücksgriff haben Intendant Claus-Günther Kunzmann, der musikalische Leiter Thomas Lorey und Regisseur Baumgarten bei der Besetzung der Musicalrollen getan. Britta Balzer spielte als Sängerin Sally Bowles ausdrucksstark, sexy, energiegeladen und stimmgewaltig und ließ - nicht nur aufgrund ihrer Frisur - Erinnerungen an Liza Minnelli und deren Paraderolle im 1972 gedrehten und mit acht Oscars prämierten »Cabaret«-Film aufkommen. Als amerikanischer Schriftsteller Cliff Bradshaw, der auf der Suche nach Erfolg zum Jahreswechsel 1933 in die deutsche Hauptstadt kommt, agierte Alen Hodzovic. Bei der Ankunft in Berlin noch unerfahren, in vielen Szenen kindlich und einen sympathischen Tick schüchtern, zeigte er sich später überlegt, zielstrebig und verantwortungsvoll. Hodzovic gelang es problemlos, diese Entwicklung auf der Bühne zu zeigen und das Publikum zu beeindrucken.

Auch das zweite Liebespaar faszinierte durch überzeugendes Schauspiel und guten Gesang. Marina Edelhagen, die die biedere Pensionsbesitzerin Fräulein Schneider verkörperte, und Michael Hiller, der als jüdischer Obstverkäufer Schultz zu sehen war, brachten eine ganz neue Stimmung auf die Bühne. Sie spielten zwei, die vom Leben enttäuscht sind und die besten Jahre hinter sich haben, als plötzlich die Liebe noch einmal die Gefühle durcheinanderwirbelt. Nicht stürmisch und unüberlegt wie bei Sally und Cliff, sondern langsam und leise, vorsichtig und zurückhaltend. Herrlich das »Ananas-Lied«, das Edelhagen und Hiller herzzerreißend vortrugen. Beide Darsteller schafften es, das Publikum erst mitlachen, dann aber auch mitleiden zu lassen, als am Ende des Stückes die zarte Liebesbande aufgrund der politischen Umstände wieder zerriss.

Eine Klasse für sich war Matthias Pagani, der auf der Vilbeler Bühne kein Unbekannter ist. Als Ché im Musical »Evita« hatte man ihn schon gesehen, als Harry in »Harry and Sally« bewundert und als Jesus im Musical »Jesus Christ Superstar« über ihn gestaunt. In »Cabaret« nun führte er das Publikum als Conférencier in den Kit-Kat-Club und begleitete es in die Pension von Fräulein Schneider. Eine Paraderolle für den dunkelhaarigen Mann, der mal mit stechendem Blick das Publikum warnte, dann wieder humpelnd mit den Showgirls des Clubs über die Bühne tanzte oder in Liedern wie »Money« und »Seht Ihr sie mit meinen Augen« stimmlich begeisterte. Als echter Deutscher und Anhänger Hitlers konnte Thomas Schweins mit ausdrucksstarkem Spiel überzeugen, als leidenschaftliche Liebhaberin ohne moralische Skrupel, dafür aber mit erotischen Reizen begeisterte Sissy Staudinger, die als Fräulein Kost zu sehen war.

Die schwierige Gratwanderung im Musical »Cabaret«, einerseits zu amüsieren, andererseits aber auch nachdenklich zu machen, ist Baumgartner mit seiner Inszenierung gelungen. Denn John Kander (Musik), Fred Ebb (Liedtexte) und Joe Masteroff (Buch), die 1966 das Broadway-Stück erdachten, erzählen nicht nur die Geschichte der Nachtclubsängerin Sally Bowles, die sich Hals über Kopf in den Amerikaner Cliff Bradshaw verliebt und schon bald von ihm ein Kind erwartet. Nein, es ist auch die Geschichte der Menschen Berlins im Jahr 1933, einer Zeit, in der Hitler und die Nationalsozialisten erstarkten und die Verfolgung der Juden begann. Es ist die Geschichte von Herrn Schultz, der erfolgreich um Fräulein Schneider wirbt, Verlobung feiert, dann aber seine Verlobte wieder verliert, weil er Jude ist. Aus Angst um ihre Zukunft und davor, dem Druck nicht standhalten zu können, beendet sie die Beziehung.

So unbeschwert und leicht, wie das Stück im Amüsierclub von Berlin beginnt und so romantisch, wie die Beziehungen von Cliff und Sally, Fräulein Schneider und Herrn Schultz sich anlassen, so gedrückt ist die Stimmung am Ende. Sind es erst nur immer wieder Anspielungen, die auf die »Braunen« und Hitler hindeuten, eskaliert am Ende die Situation. Nachdenklich bleiben die Zuschauer zurück, wenn Cliff seine Koffer packt und Berlin verlässt. Aber auch voller Freude darüber, eine äußerst gelungene Premiere miterlebt zu haben. Janine Stavenow

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