22. März 2013, 15:58 Uhr

Neuer Verein plant Rekonstruktion der Windmühle

Bad Nauheim . Windmühlen und Wasserräder in Bad Nauheim: Warum sollten sie sich heute noch drehen? Seit Jahren beschäftigen sich Bürger mit Sanierung und Rekonstruktion zum technischen Freilichtdenkmal, das bundesweit einmalig wäre. In der Bevölkerung wird das Projekt kontrovers diskutiert. Jetzt hat sich der Verein Wind- und Wasserkunst gegründet, der vor allem die Windmühle an der Langen Wand« rekonstruieren möchte.
22. März 2013, 15:58 Uhr
Hauptziel von »Wind- und Wasserkunst« ist die funktionsfähige Rekonstruktion der Windmühle zwischen den Gradierbauten IV und V. (Foto: hau)

Die Gründung eines neuen Fördervereins unter dem Namen »Wind- und Wasserkunst Bad Nauheim« könnte ein Meilenstein sein. Hinter dem womöglich irreführenden Namen verbergen sich historische Begriffe: Wasserkunst steht für ein »System zur Förderung, Hebung und Führung von Wasser«, analog dazu ist Windkunst die Bezeichnung für ein technisches Bauwerk zur Nutzung von Windenergie. Der Verein kümmert sich um Information, Planung, Verwirklichung, nachhaltige Pflege auf ehrenamtlicher Basis und Finanzierung des anspruchsvollen Projektes.

Sole und Salz bestimmten schon immer den Puls der Stadt. Das gilt bis heute, wenn auch unter veränderten Vorzeichen. Dass trotz Kriegen und Umrüstung von Salzproduktion auf die Heilwirkung der Sole im weltberühmten Herzheilbad (die erste Soolbadanstalt wurde 1835 eröffnet) so viele Elemente der alten Saline erhalten sind wie in keiner anderen deutschen Stadt und weitgehend funktionieren, ist auch dem ehrenamtlichen Engagement vieler Bad Nauheimer zu verdanken. Die fünf verbliebenen Gradierbauten beispielsweise hätten ohne den Förderverein der Kurstadt um Klaus Neuhöfer vielleicht längst das Zeitliche gesegnet. Er war es auch, der vor neun Jahren den Fokus auf weitere wichtige Bestandteile des denkmalgeschützten »Industrieparks« lenkte: Windmühlen und Wasserräder, die einst als Hebewerke die Sole pumpten, damit sie über Gradierbauten rieseln konnte.

Mühlenbauer entwickelt Plan

Anlässlich des Deutschen Mühlentags 2004 mit zentraler Eröffnungsveranstaltung in Bad Nauheim wurde erstmals ernsthaft darüber diskutiert, die 1747 erbaute Windmühle an der »Langen Wand« (zwischen Gradierbau IV und V) zu rekonstruieren und ihr Flügel und Pumpen zurückzugeben. Der Förderverein und Bad Nauheims damaliger Bürgermeister Bernd Witzel nahmen die Anregung auf und ließen 2008 ein Bestandsgutachten anfertigen. Sie beauftragten den renommierten Mühlenbauer Rüdiger Hagen mit einem Sanierungs- und Rekonstruktionsvorschlag. Namhafte Windmühlentechniker, Historiker und Denkmalpfleger sprechen sich seither für eine funktionsfähige Rekonstruktion der Mühle aus.

Nach einem Unfall im November 2010 fiel Neuhöfer lange Zeit aus, seine Unterlagen übergab er Dr. Thomas Schwab. Eine Projektgruppe aus Mitgliedern der Bürgerstiftung, des Museenvereins, des Fördervereins der Kurstadt und der AG Geschichte recherchierte intensiv, informierte, kontaktierte Behörden und stieß unter anderem beim Landesamt für Denkmalpflege auf Zustimmung. Schüler der Ernst-Ludwig-Schule fertigten Windmühlenmodelle für eine Ausstellung an, es gab Tage der offenen Tür am Turm und bei Wikipedia kann sich die ganze Welt über die Bad Nauheimer Windmühlentürme und das Schwalheimer Rad informieren.

Auf dieser Basis gründete sich jetzt aus der Projektgruppe der Förderverein Wind- und Wasserkunst Bad Nauheim. Zwölf Gründungsmitglieder unterzeichneten kürzlich die Urkunde, beschlossen die Satzung und wählten den Vorstand. Der Vereinszweck soll vor allem durch die Förderung der Wind- und Wasserkünste erreicht werden. Mit der Stadt als Eigentümerin der Schutzobjekte soll eine vertragliche Übereinkunft über den öffentlichen Zugang getroffen werden.

Konkret prägen je zwei Kraftmaschinen zur Nutzung erneuerbarer Energien das heutige Stadtbild: das Wasserrad am Ludwigsbrunnen und das Schwalheimer Rad, der Waitz’sche (Windmühlen-) Turm am Sprudelhof und der Windmühlenturm zwischen den Gradierbauten IV und V. Sie zu erhalten, nachhaltig zu pflegen und funktionsfähig wiederherzustellen, hat sich der neue Verein auf die Fahne oder besser Flügel geschrieben. Außerdem soll die Geschichte der herausragenden Industriedenkmäler erforscht und dokumentiert werden.

Vordringlichste Aufgaben sind nach Einschätzung des Vereins die Sanierung des Schwalheimer Rads und des Windmühlenturms an der Langen Wand. Beides will die Stadt finanzieren (die WZ berichtete). Derweil das Wasserrad am Ludwigsbrunnen weitgehend in Schuss ist und der Waitz’sche Turm erst mal eine Art Ruine bleibt, steht als nächste große Herausforderung die originalgetreue Rekonstruktion der Windmühle an. »Wir wollen kein Disneyland«, betonen die Vereinsgründer. Vielmehr soll die Mühle richtig funktionieren und ein technisches Denkmal werden, das in Deutschland seinesgleichen sucht.

Wasser im Turmfundament

Das Ansinnen ist realistischer, als es auf den ersten Blick anmutet. Denn obgleich ein Orkan 1824 die Turmkappen an beiden Nauheimer Windmühlen zerstörte, die Zahn-Meter-Flügel im Sturm zerbarsten und nie wieder installiert wurden, sind bei der Windmühle an der Langen Wand viele Originalteile erhalten. Dazu gehört der Kranz, auf dem die Mühlenkappe mit den Flügeln gegen den Wind gedreht wurde. Ein nach dem Orkan installierter Fachwerkaufbau mit Schieferdach bot über all die Jahre Schutz vor Wind und Wetter.

Ein Wasserproblem im Turmfundament gebe es erst seit der Sanierung von Gradierbau V. Unbegreiflich ist es den Vereinsgründern, dass der Gradierbau seit zwei Jahren Sole verliere und, solange der Rechtsstreit um die Ursache läuft, nichts dagegen unternommen werde. Zu beachten sei bei der dringend anstehenden Turmsanierung die Abstimmung mit der schrittweise geplanten Rekonstruktion. Sie sieht eine neue Turmkappe vor, Flügel aus Segeltuch-bespannten Holzgittern mit einer Spannweite von 21 Metern und eine Galerie, um die Flügel von außen bedienen zu können.

Um Lärm oder Schattenwurf brauche man sich keine Sorgen zu machen, unterstreichen die Vereinsmitglieder. Trotz historischer Rekonstruktion könne durch Anwendung moderner Techniken eine Lärmbelästigung ausgeschlossen werden. Da die Windmühle nicht im Dauerbetrieb gefahren werden, sondern sich nur zu Demonstrationszwecken drehen soll, könne man sie zu »schattengefährdeten« Zeiten ruhen lassen. Eine Verbindung mit dem Schwalheimer Rad über das historische Feldgestänge ist nicht vorgesehen.

Auf die Stadt sollen keine Folgekosten zukommen. Ehrenamtliche wollen sich um Bedienung, Wartung und Pflege kümmern. Mit möglichen Sponsoren habe man schon erfolgreiche Gespräche geführt, auf die Unterstützung aus Wirtschaft und Industrie hoffe man. Auch in diesem Zusammenhang sei die Wiederherstellung der funktionierenden Technik von essenzieller Bedeutung.

»Wenn diese weithin sichtbaren und charakteristischen Wahrzeichen unserer Stadt verloren gingen, verliert sie den Ursprung ihrer Identität«, betont der Verein. »Die besondere Bedeutung der technischen Anlagen legitimiert die funktionsfähige Wiederherstellung der Windmühle als Zeugnis menschlicher Geschichte und Entwicklung bei der Bewältigung komplexer technischer Aufgaben der Salzgewinnung im 18./19. Jahrhundert«.

Wenn die Stadt das notwendige Geld für den Erhalt der Kulturdenkmäler nicht aufbringen könne, seien Bürgerinitiative und Sponsoren gefragt, betont der Verein. Beispiele unterstrichen die Notwendigkeit: »Salinen-Rentamt und Bethaus wurden privatisiert, die Saline am Goldstein wird womöglich ein privates Wohnobjekt, der Waitz’sche Turm fristet ein unwürdiges Dasein, nur mit Mühe gelang es dem Förderverein der Kurstadt, radierbauten vor dem Abriss zu bewahren, und die Sanierung des Schwalheimer Rads als europaweit einzigartiges Industriedenkmal drohte aus finanziellen Gründen fast zu scheitern.«

Tag der offenen Tür im Windmühlenturm an der »Langen Wand«: Pfingstmontag, 20. Mai (Deutscher Mühlentag). In Vorbereitung: Vortrag »2500 Jahre Sole Bad Nauheim« von Dr. Thomas Schwab. Annette Hausmanns

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