06. Dezember 2010, 19:22 Uhr

Neues TAF-Stück: Geliebt und gehasst zugleich

Bad Nauheim (gk). »Selbstverleugnung ist wie ein Schlafanzug von ›'Prada‹ - einfach zu teuer.« Der schwule Gail (Sebastian Pietsch) schleudert dieses Bekenntnis seinem Freund Flip (Oliver Nam) vor der Toilette in Heights Bar & Grill im New Yorker Stadtteil Harlem entgegen. Die Zuschauer befinden sich in der 3. Szene des 1. Aktes im Erfolgsstück »Schwester Rose« des amerikanischen Autors Stephen A. Guirgis.
06. Dezember 2010, 19:22 Uhr
In Szene gesetzt: Sebastian Pietsch und Oliver Nam.

Der Regisseur und Leiter des Frankfurter RaRa:Theaters, Alexander J. Beck, war davon so begeistert, dass er das Werk ins Deutsche übertrug und in einer Co-Produktion mit dem Theater Alte Feuerwache (TAF) im Badehaus 2 des Sprudelhofs als deutsche Erstaufführung auf die Bühne brachte.

Die über zweistündige Aufführung wurde ein Riesenerfolg - mit minutenlangem begeistertem Applaus feierten die vielen Zuschauer die zwölf Darsteller und den Regisseur, denen mit dem Zweiakter in zehn Szenen ein wirklich großer Wurf gelungen ist.

Ordensschwester Rose (nach ihr ist das Stück benannt) hat sich als »Streetworker« viel Ansehen erworben. Obwohl sie im Stück nicht auftritt, weil sie kurz zuvor verstarb und ihr Leichnam aus dem Ortiz Funeral Home gestohlen wurde, ist sie doch heimliche Hauptperson. Sie ist der Konvergenzpunkt, in dem die von den Akteuren gesponnenen Gesprächsfäden zusammenlaufen. Walter Desmond, genannt »Rooftop« (Glenn M. Arriola), hat es von der Bronx bis nach L. A. geschafft, wo er als erfolgreicher Radiojockey einen Haufen Geld verdient. In der 2. Szene des 1. Akts betritt er nach Jahrzehnten wieder eine katholische Kirche, um bei Pater Lux (Bernd Schumann) zu beichten. Tatsächlich aber überschüttet er den immer hilfloser reagierenden Geistlichen mit einem von Kraftausdrücken strotzenden Wortschwall. Sein Mitteilungsbedürfnis ist grenzenlos. Glenn Ariola verleiht diesem nach außen hin bärenstarken Aufsteiger aus den New Yorker Slums ein prägnantes Gesicht.

Gleiches gelingt Stefan Schmidt als Polizist Balthazar. Seinen Idealismus von einst hat er längst im Alkohol ertränkt. Man sieht einen vom Leben gezeichneten Zyniker, der die Kleinkriminelle Norca (Martina Exeler) verdächtigt, den Leichnam von Rose gestohlen zu haben. Edwin (Alexander Wicker) und Pinky (Alfredo J. Lopez) sind ein ungleiches Brüderpaar. Der schwergewichtige Edwin ist seit dem Tod der Mutter für seinen jüngeren, verhaltensgestörten Bruder Pinky verantwortlich. In einer umwerfend komischen Szene versucht er schreiend und fluchend, diesen zum Kauf von ein paar Donuts zu bewegen. Kurz darauf betritt Marcia (Carolin Wollschläger), Nichte von Schwester Rose, die Bühne. Beim Streit mit Edwin erleidet sie einen hysterischen Anfall - ein glänzender Auftritt.

»Schwester Rose« ist ein szenischer Bilderbogen, in dessen 1. Akt eigentlich nichts passiert, sondern viel geredet, geschrien, mit obszönen Beschimpfungen um sich geworfen wird. Inez (Susanne Fey), Ex-Frau von Rooftop, und ihre ehemals beste Freundin Norca, mit der er sie einst betrogen hat, sitzen in Height’s Bar und überbieten sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Susanne Fey und Martina Exeler stehen sich in diesem Rededuell in nichts nach, laufen hier zu großer Form auf. All diese durchgeknallten Typen haben Schwester Rose zu verdanken, dass sie nicht gänzlich vom Großstadtdschungel verschlungen wurden. Jeder von ihnen hat ein markant-unverwechselbares Gesicht, ist eine komplexe Persönlichkeit.

Im 2. Akt passiert das, was man im Stillen gehofft hatte. Die harte Schale bricht auf, der weiche Kern kommt zum Vorschein. An die Stelle von Geschrei und Geschimpfe treten Nachdenklichkeit und Selbstkritik. All diese Menschen haben sich in ihrer Verletzlichkeit hinter meterdicken Mauern verschanzt. Im Warten auf Schwester Roses Leichnam stürzt dieses scheinbar unzerstörbare Mauerwerk leise-unauffällig in sich zusammen. In fünf eindrucksvollen Szenen nimmt der Zuhörer staunend-ergriffen daran teil: Edwin berichtet unter Tränen, wie viel Herzblut er für seinen schwierigen Bruder Pinky äglich vergießt. Und Balthazar, der miese, kleine Bulle, erzählt von seinem gestorbenen Sohn. Rooftop, der Macho, fleht Inez um Verzeihung für das ihr zugefügte Leid an. Pater Lux, der im Koreakrieg beide Unterschenkel verlor, bekennt: »Die meiste Zeit glaube ich nicht an Gott.« Flip findet den Mut, sich zum Schwulsein zu bekennen.

Was, fragt sich der Zuschauer am Schluss, hat diesen Menschen doch noch die Kraft gegeben, das Packeis auf ihren Seelen zum Schmelzen zu bringen? War es nur die Erinnerung an Schwester Rose und ihr segensreiches Wirken?

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