08. Januar 2010, 18:12 Uhr

Eisstadion-Neubau: OFB-Modell zu teuer

Bad Nauheim (bk). »Das OFB-Modell hat einen besonderen Reiz.« Mit diesen Worten zum Thema Eisstadion-Neubau hatte die WZ Bürgermeister Bernd Witzel vor etwa drei Monaten zitiert. Anlass war die Überlegung, eine moderne Sportstätte auf dem Stoll-Gelände von der OFB Projektentwicklung GmbH errichten zu lassen. Anschließend könnte die Stadt das Stadion leasen. Inzwischen hat das Konzept seinen Reiz verloren, wie der Rathauschef auf WZ-Anfrage einräumt.
08. Januar 2010, 18:12 Uhr
Eiszeit: Frösteln werden auch die Eissportfans, wenn die Politiker nicht bald zu einer Lösung der Stadionfrage kommen. (Foto: nic)

Nach Angaben Witzels verlangt OFB eine Jahresmiete von 1,07 Millionen Euro. Nach zwei Jahrzehnten könnte die Stadt das Gebäude für weitere 6,5 Millionen Euro in ihr Eigentum übernehmen. Inklusive Zinsen für Kredite käme man auf Gesamtkosten von rund 30 Millionen Euro. »Das rechnet sich nicht, das Thema ist damit gestorben«, sagt der Bürgermeister. Sollten sich die Politiker für einen Neubau entscheiden, bliebe für die Stadt somit nur die Möglichkeit, die Investition selbst zu finanzieren. Alternative wäre die Sanierung der alten Sportstätte am Großen Teich. Dazu existiert inzwischen ein neues Gutachten, das der WZ vorliegt. Nach den Vorstellungen des Rathauschefs soll die Frage, wie es mit dem Eissport in Bad Nauheim weitergeht, vom Bauausschuss möglichst noch im Januar ausführlich diskutiert und beantwortet werden.

 

Die Debatte pro und kontra neues Eisstadion läuft seit Jahren, hat in den letzten Monate aber an Brisanz gewonnen. Auslöser war ein Gutachten, das nach dem Ende der laufenden Saison eine Instandsetzung des Dachs für dringend erforderlich hält - ansonsten sei eine Nutzung des Colonel-Knight-Stadions aus Sicherheitsgründen nicht mehr vertretbar. Im hauptamtlichen Magistrat schieden sich daraufhin die Geister: Bürgermeister Bernd Witzel (UWG) hielt an seinen Neubau-Plänen fest, die Erster Stadtrat Armin Häuser (CDU) aufgrund der maroden Stadtfinanzen für nicht realisierbar hält. Dieser Dissens führte letztlich auch zum Bruch der CDU/UWG-Kooperation im Stadtparlament. Zuvor hatte Witzel dem Ersten Stadtrat dessen Zuständigkeit für die Bauunterhaltung des Eisstadions entzogen.

An Gutachten zum alten Eisstadion mangelt es nicht, in den vergangenen Jahren wurde mehrere in Auftrag gegeben. Ob diese Papiere den Parlamentariern in den nächsten Wochen ihre schwere Entscheidung wirklich erleichtern, darf bezweifelt werden. Zum einen gibt es die Untersuchung des Berliner Planungsbüros Scheven, über das bereits in einer Ausschusssitzung heftig gestritten wurde (wir berichteten). Offenbar abweichend von seinem eigentlichen Auftrag hatte der Ingenieur analysiert, wie viel Geld bereitgestellt werden muss, um nur die allernotwendigsten Sanierungsarbeiten zu erledigen und die Stadion-Nutzung für weitere zwei Jahre zu ermöglichen. Auch dieses Zahlenwerk liegt der WZ vor: Lediglich 53 000 Euro müsste die Stadt demnach aufbringen. Nach Ansicht der Parlamentsmehrheit hat dieses Gutachten allerdings keinen Wert, weil in zwei Jahren gar kein neues Stadion zu errichten wäre. Und ein anderes Planungsbüro, die Firma Deyle aus Stuttgart, hält die Untersuchungsergebnisse der Konkurrenz für nicht stichhaltig. Setze man die empfohlenen Schritte um, könne damit ein Sicherheitsrisiko für die Besucher der Sportstätte nicht ausgeschlossen werden.

Das Planungsbüro Deyle hat verschiedene Varianten begutachtet. Eine mittelfristige Sanierung - sie würde einen Weiterbetrieb für vier Jahre bis zum Bau eines neuen Stadions erlauben - wäre demnach mit rund 950 000 Euro zu verwirklichen. In erster Linie ist die Komplettsanierung des Dachs vorgesehen. Für eine Instandsetzung mit langfristiger Wirkung, worunter laut Witzel 10 bis 15 Jahre zu verstehen sind, müssen Deyle zufolge etwa 1,9 Millionen Euro investiert werden. Zudem haben die Stuttgarter Ingenieure Kosten für Sanierung plus Umbau zu einer geschlossenen Halle ermittelt. Sie liegen bei rund 4,3 Millionen Euro. Der Gutachter empfiehlt, die mittelfristige Variante aus Sicherheitsgründen sofort umzusetzen, weil die Sportstätte ansonsten nach dieser Saison geschlossen werden müsste. Bezüglich eines Umbaus gibt Deyle zu bedenken, dass in diesem Fall die Energiekosten nicht etwa sinken, sondern deutlich steigen würden. »Zumindest die Lüftungsanlage muss in der geschlossenen Halle dauerhaft in Betrieb sein. Eine Amortisation des Umbaus durch eine Reduzierung der Energiekosten ist somit ausgeschlossen«, heißt es in dem Gutachten.

Witzel kritisiert Deyle-Gutachten

Nach Ansicht von Witzel enthält das Deyle-Papier fragwürdige Aussagen. Mit 1,9 Millionen Euro sei ein Erhalt des Stadions für weitere 10 bis 15 Jahre kaum zu bewerkstelligen. Wie der Rathauschef gegenüber der WZ anmerkt, seien lediglich Ansätze für die Dachsanierung, neue Fenster sowie die Fassadensanierung enthalten - und teilweise zu niedrig angesetzt. »Wärmedämmung, neue Technik oder eine Modernisierung der Zuschauerplätze sind gar nicht berücksichtigt«, kritisiert Witzel. 2003 habe Deyle bereits ein Gutachten zu diesem Thema vorgelegt. Damals seien die Kosten niedriger gewesen, und das für einen deutlich höheren Leistungsumfang. Witzel hatte die langfristigen Erhaltungskosten, die quasi einem Neubau am Großen Teich gleichkämen, Ende September auf 6 Millionen Euro beziffert.

Der Bürgermeister wird sich in der anstehenden Debatte für einen von der Stadt finanzierten Neubau stark machen. Die Kosten für eine Sportstätte auf dem Stoll-Gelände gibt er mit 11,7 Millionen Euro an. Entstehen würde eine 90 Meter lange, 60 Meter breite und 12 Meter hohe Stahlkonstruktion mit zwei Eisflächen. 3400 Besucher hätten Platz. Als entscheidenden Beitrag zur Finanzierung nennt Witzel den Erlös aus dem Verkauf städtischer Flächen auf dem Stoll-Gelände für den Bau von zwei Märkten (Ansatz: etwa 2 Millionen Euro) und aus der Veräußerung des Areals am Großen Teich für Wohnbauzwecke. Das dortige Gelände ist nach Angaben von Witzel etwa 12 000 Quadratmeter groß und könnte - in Baugrundstücke parzelliert - nach groben Schätzungen 6 Millionen Euro bringen. Eine vollständige Finanzierung des neuen Stadions aus den Verkaufserlösen wäre somit nicht möglich.

Folgt die Parlamentsmehrheit den Neubau-Plänen nicht, sieht der Rathauschef ein weiteres Problem. Erst nach zähen und kontroversen Diskussionen war der Planungsverband Rhein-Main in Sachen Stoll-Gelände dem Vorschlag Bad Nauheims gefolgt und hatte Friedberger Bedenken gegen den Bau von zwei Märkten zurückgewiesen. Kommt es nicht zum Stadionbau auf dem Stoll-Areal, ändert sich die Lage entscheidend, der Entwurf des regionalen Flächennutzungsplans müsste erneut geändert werden. Witzel: »Denkbar wären dann drei statt zwei Märkte, was sehr wahrscheinlich zum erneuten Widerspruch von Nachbarstädten führen würde - mit ungewissem Ausgang.«

Grüne: Kann sich Stadt noch ein Eisstadion leisten?

Schlagworte in diesem Artikel

  • Armin Häuser
  • CDU
  • Energiekosten
  • Euro
  • Gutachten
  • Sportstadien
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 3 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.