09. Juni 2015, 14:23 Uhr

Geschichtsverein vor dem Aus

Bad Nauheim–Nieder-Mörlen (hau). »Der Nieder-Mörler Geschichtsverein musste sich in seiner Versammlung mit dem unangenehmen Thema der Fortsetzung oder Auflösung des Vereins befassen.« So beginnt eine Meldung des Vereins um den Vorsitzenden Dr. Joachim Hönack. Nach langer Debatte beschloss man die Auflösung.
09. Juni 2015, 14:23 Uhr
Fast 20 Jahre ist Dr. Joachim Hönack Vorsitzender des Nieder-Mörler Geschichtsvereins. (Foto: Annette Hausmanns)

Die Weiterführung der erfolgreichen Arbeit sei nicht mehr gewährleistet, erklärt Hönack im Gespräch mit der WZ. Vor allem, weil es immer schwieriger werde, Mitglieder zu finden, die sich auf die Erforschung und Dokumentation der Ortsgeschichte einlassen. Statt jahrelang dahinzuvegetieren, wolle man lieber jetzt einen klaren Schnitt wagen. Der Zeitpunkt sei günstig: Die Finanzen seien wohlgeordnet, das 20. Heft »Beiträge zur Ortsgeschichte« stehe kurz vor seinem Stapellauf.

Von einem vagen Funken Hoffnung mag Hönack kaum reden. Für die Vereinsauflösung brauche es laut Satzung ein zweites gleichlautendes Votum der Mitgliederversammlung, erklärt der Jurist. Sie sei für Anfang Oktober anberaumt. Mit Überraschungen sei nicht zu rechnen, er selbst stehe nicht mehr zur Verfügung. »Mit 76 Jahren bin ich fast der Jüngste im Vorstand«, gibt der Vorsitzende zu bedenken. Viele Gründer seien um oder über 80 Jahre alt, niemand wolle gerne weitermachen. Die Suche nach Nachfolgern sei vergeblich gewesen, deshalb ihrer aller Bitte: »Lasst uns den Verein mit Heft 20 unserer Geschichtsblätter erhobenen Hauptes schließen.«

Für jüngere, historisch interessierte Menschen dürfte es kein Problem sein, auf der Basis des gut bestellten Vereinsackers einen neuen Geschichtsverein zu gründen, wenn die Zeit dafür reif sei, ist sich Hönack sicher. »Alles, was wir erforscht haben, wurde sauber dokumentiert, schriftlich niedergelegt, gesichert und großflächig verbreitet«, blickt der Vereinsvorsitzende zurück. Gerne denkt er an die Zeit, da sich der Verein vor 27 Jahren im Vorfeld der 1200-Jahr-Feier des Dorfes gegründet hatte. »Mentor und Antreiber war Georg Emanuel Möbs.« Dem verstorbenen Vereinsgründer und allen treuen Weggefährten gebühre der ganz besondere Dank.

Er selbst sei in die Materie hineingewachsen, erinnert sich Hönack. Vor knapp 20 Jahren habe er den Vorsitz übernommen. Obschon er kein gebürtiger Nieder-Mörlener ist, hat man dem Rechtsanwalt und Notar Vertrauen geschenkt. Das erste Werk, die Festschrift zum Dorfjubiläum 1990, habe viel Lob geerntet. »Danach wurden die Ideen schneller geboren als Hefte gemacht«, schmunzelt der passionierte Geschichtsforscher. Dank EDV und Digitalfotografie seien die Hefte auch optisch immer besser geworden. »Wann kommt denn das nächste Heft?«, habe es allenthalben im Dorf geheißen. Das Interesse der Bürger sei die Quelle des Ansporns für die Vereinsarbeit gewesen. So gründlich wie die Geschichte im Stadtteil dürfte wohl kaum ein zweites Dorf erforscht sein.

Besonders nachgefragt wurde Hönack zufolge natürlich die Festschrift zum 1200-Jährigen, außerdem die beiden »Kirchenhefte«. Während die »Zwangsarbeit« eher ein Ladenhüter blieb, erfreute sich das am Hempler ausgegrabene Steinzeitdorf besonderer Beliebtheit. Überhaupt sei dessen Entdeckung ein besonderer Glücksfall gewesen, denkt Hönack an die sensationellen archäologischen Funde zurück, die in mehreren Heften zur Ortsgeschichte ihren Niederschlag fanden.

»Abschiedsheft« bald fertig

Auch die jüngste, besonders voluminöse Nummer 19 sei binnen vier Wochen vergriffen gewesen und eine zweite Auflage beauftragt, erzählt Redakteur und Layouter Hönack. In schöner Tradition kommen Zeitzeugen zu Wort, ein großer Pressespiegel beleuchtet das Ortsgeschehen, zahlreiche historische Themen sind aufgearbeitet, unter anderem die Ortsschmieden, Hochwasserschutz, Landwirtschaft und Entwicklung der Baugebiete. Die ausführlichen Sach- und Ortsregister greifen alle bislang erschienenen Hefte auf und reichen von Auswanderer oder Altenstadt bis Zahnfabrik oder Ziegenberg.

Noch nicht gedruckt, aber in der Vorlage fertig ist das 20. und vermutlich letzte Jahresheft des Nieder-Mörler Geschichtsvereins. Auf 60 Seiten (ohne Register) versammeln sich wesentliche Mosaiksteine der Ortsgeschichte. Die Urkunde aus dem Lorscher Kodex von 790 ist ebenso enthalten wie Streifzüge durch die Geschichte Nieder-Mörlens, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und eine Zeittafel zur Dorfgeschichte.

Abgedruckt ist im »Abschiedsheft« nicht zuletzt das Informationsblatt mit einer detaillierten Übersicht über alle bislang erschienen Geschichtsbroschüren. Übrig gebliebene Exemplare der früheren Bände sollen übrigens kostenlos abgegeben werden, hat die Mitgliederversammlung beschlossen. Im Nachwort zur Nr. 20 schreibt Dr. Joachim Hönack: »Die Entscheidung, den Geschichtsverein zu schließen, ist der Mitgliederversammlung und insbesondere dem Vorstand nicht leicht gefallen. Nur die dokumentierte Arbeit und die Meinung, ein neuer Verein lasse sich leicht gründen, hat sie erleichtert. Hoffen wir, dass es dazu kommt.«

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