20. Juli 2009, 17:54 Uhr

Sie kamen nachts und sind bis heute flüchtig

Wetteraukreis/Rosbach v. d. H. (ihm). Es ist die Nacht zum Donnerstag, 9. Februar 1984: Die Lebensgefährtin von Klaus Peter Lorenz (37) macht die Augen auf. Sie hat Schritte gehört. Sind Einbrecher in der Wohnung?
20. Juli 2009, 17:54 Uhr
Kaltblütig von Einbrechern erschossen: Klaus Peter Lorenz.

Neben ihr schläft ihr Freund. Die 22-Jährige zieht ein Gewehr unterm Bett hervor, das Lorenz gehört. Ihr Herz klopft, während sie die Waffe laden will. Doch weil es dunkel ist, kommt sie damit nicht zurecht. Sie knipst die Lampe an. Plötzlich fliegt die Schlafzimmertür auf, sie wurde eingetreten. Zwei maskierte Männer stehen im Eingang, auch sie sind bewaffnet. Offenbar haben sie den hellen Schein durchs Oberlicht gesehen. Die junge Frau schießt, trifft aber nur den Rahmen. Lorenz erwacht, springt auf, reißt seiner Freundin den nunmehr ungeladenen Karabiner aus der Hand. Er stürzt damit auf die Eindringlinge zu, die jetzt das Feuer eröffnen. Von zwei Schüssen getroffen, die aus einem oder zwei Schrotgewehren abgegeben wurden, bricht der 37-Jährige tot zusammen.

Die zwei Verbrecher wenden sich der Frau zu. Ihre Gesichter sind weitgehend mit Masken verdeckt. Die Männer fordern Geld. Völlig verängstigt händigt sie die gesamte Barschaft aus, die sich im Haus befindet: 400 Mark. Die Täter flüchten, unmittelbar darauf setzt die 22-Jährige einen Notruf ab.

Die Polizei beginnt sofort zu ermitteln. Doch erst, als es hell wird, kann die Umgebung abgesucht werden. Die Täter sind anscheinend über ein Feld geflohen: Dort, 50 Meter entfernt, haben sie eine braune Mütze hinterlassen. Es ist eine Kappe der Art, wie sie Motorradfahrer zum Unterziehen benutzen. Der Wortführer trug sie als Maske, sein Komplize hatte sich ähnlich unkenntlich gemacht. Ein Stück blauer T-Shirt-Stoff war unfachmännisch in die Mütze eingenäht, um das Gesichtsfeld zu verkleinern. Auch der Schaft von Lorenz’ Gewehr wird gefunden, die Einbrecher nahmen ihn aus unerklärlichen Gründen mit. Er war abgebrochen, vermutlich, als das Opfer zu Boden fiel. Ein weiterer Gegenstand findet sich im Haus: Eine grüne Taschenlampe, ein französisches Fabrikat des Herstellers Wonder, sieben mal zehn Zentimeter groß. Im Freien kommen Spürhunde zum Einsatz, doch der Regen hat alle Spuren weggewaschen.

Die Personenbeschreibungen weisen keine besonderen Merkmale auf: Der Wortführer war etwa 34 Jahre alt, er sprach ohne erkennbaren Dialekt. Er war 1,75 Meter groß, schlank und hatte einen dunkelblonden Haaransatz. Er trug eine rotbraune oder bordeauxrote Lederjacke und dunkle Jeans. Sein Gewehr hatte vermutlich einen abgesägten Lauf. Der andere Mann war zwischen 30 und 35 Jahren alt, etwa 1,83 Meter groß, schlank bis kräftig. Seine Kleidung war dunkel, er hatte ebenfalls ein Gewehr.

Die Polizei forscht auch im Umfeld des Schreinermeisters. Offenbar hatte Lorenz gern gezeigt, dass er finanziell gut gestellt war. »Geld spielt keine Rolle«, soll er schon mal in der Kneipe geäußert haben. Doch die Ermittler finden keinerlei Anhaltspunkte im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis. Zwei Holzfäller aus Südtirol hatten abends mit Lorenz zusammengesessen, aber auch daraus ergibt sich kein Verdachtsmoment.

Zehn Wochen später meldet sich ein Lkw-Fahrer. In der Nacht zum 9. Februar stand er im Rosbacher Industriegebiet, wo er auf seine Abfertigung am nächsten Morgen wartete. Unmittelbar nach den Schüssen sah er einen unbeleuchteten älteren BMW der Serien 1502 bis 2002, der vom Tatort weg- und in Richtung Autobahn raste. Im Wagen hatten drei oder vier Männer gesessen. Vermutung der Kriminalpolizei: Es handelte sich um Komplizen, die in Panik gerieten und das Weite suchten, als sie das Schießen hörten. Die Haupttäter mussten daraufhin zu Fuß fliehen.

Die Wohnung, in der Lorenz lebte, liegt am Rand des Gewerbegebiets von Nieder-Rosbach. Das Haus ist mit der Schreinerei verbunden, im Erdgeschoss liegen Büroräume. Wie sich herausstellt, hebelten die Täter die Tür mit einem Brecheisen auf. Nachdem sie das Büro durchsucht hatten, wandten sie sich der Wohnung im ersten Stock zu. Die Tatumstände erscheinen den Kriminalbeamten sonderbar: Eine solche Maskierung ist für Einbrecher nicht unbedingt üblich. Hatten es die Männer auf Lorenz’ Mercedes abgesehen, um ihn für eine andere Tat zu benutzen, vielleicht einen Banküberfall? Suchten sie den Autoschlüssel? Was wollten sie? Diese Fragen sind auch nach 25 Jahren nicht beantwortet - die Akte Lorenz bleibt offen.

Hohe Aufklärungsquote

Wetteraukreis. Für Ermittlungen in Sachen Mord, Totschlag und fahrlässiger Tötung ist bei der Friedberger Kriminalpolizei das Kommissariat K 10 für Kapitaldelikte zuständig. Im letzten Jahr beispielsweise wies die Statistik der Wetterauer Ordnungshüter zwölf Straftaten gegen das Leben aus, die Hälfte davon war versucht. Die Fahndungserfolge waren auch 2008 sehr groß: Außer einer fahrlässigen Tötung wurden alle Fälle geklärt.

Die WZ-Serie »Ermittlungsakte Wetterau« befasst sich mit verschiedenen Verbrechen, die sich seit den achtziger Jahren zutrugen und die für großes Aufsehen sorgten. Neben gelösten Fällen stellen wir auch einige der rund zehn ungeklärten Fälle vor - mit ihnen machen wir den Anfang. Grundlage der Serie sind alte Zeitungsartikel und Gespräche mit Erstem Kriminalhauptkommissar Karl-Heinz Leß. Teil 1 dreht sich um den 37-jährigen Klaus Peter Lorenz aus Rosbach, den Einbrecher 1984 erschossen. Die Täter wurden nie gefasst. (ihm)

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