13. Februar 2009, 14:52 Uhr

»Die Freiheit des deutschen Volkes war ein schöner März-Traum«

Das Jahr 1848 ist das Jahr der Revolution. In zahlreichen europäischen Staaten begehrt die Bevölkerung gegen Fürsten und Könige auf, fordert auf Volksversammlungen demokratische Grundrechte wie Schwurgerichte, Presse- und Versammlungsfreiheit. In Wien und Berlin kommt es zu Barrikadenkämpfen, in der Frankfurter Paulskirche tagt die Nationalversammlung als erstes frei gewähltes deutsches Parlament, um eine Reichsverfassung zu beschließen und die Einigung der bislang getrennten deutschen Länder herbeizuführen. Nachdem die Regierungen Zugeständnisse gemacht und die Pressefreiheit gewährt haben, entsteht eine neue Zeitungslandschaft.
13. Februar 2009, 14:52 Uhr
Probenummer des »Wetterauer Volksblattes« vom 28. Juni 1848. Nach einem Jahr musste die Zeitung eingestellt werden. (Foto: Stadtarchiv Friedberg)
Das Jahr 1848 ist das Jahr der Revolution. In zahlreichen europäischen Staaten begehrt die Bevölkerung gegen Fürsten und Könige auf, fordert auf Volksversammlungen demokratische Grundrechte wie Schwurgerichte, Presse- und Versammlungsfreiheit. In Wien und Berlin kommt es zu Barrikadenkämpfen, in der Frankfurter Paulskirche tagt die Nationalversammlung als erstes frei gewähltes deutsches Parlament, um eine Reichsverfassung zu beschließen und die Einigung der bislang getrennten deutschen Länder herbeizuführen. Nachdem die Regierungen Zugeständnisse gemacht und die Pressefreiheit gewährt haben, entsteht eine neue Zeitungslandschaft. Allein im Großherzogtum Hessen-Darmstadt werden im Revolutionsjahr 38 politische Zeitungen gegründet, eine davon in Friedberg: Am 1. Juli 1848 erscheint das »Wetterauer Volksblatt«. Ein »Probeblatt« verkündet bereits am 28. Juni unter der Überschrift »Was wir wollen« die publizistische Leitlinie: In einer Zeit, in der ein »neuer frischer Hauch der Freiheit durch die Welt geht«, sei es notwendig, »eine bestimmte Partei zu ergreifen«, nämlich die »Partei des Rechts und der Wahrheit«.

Der Redakteur Carl Scriba

Gründer und Redakteur des »Wetterauer Volksblattes« war der Theologe Carl Scriba (1823-1883), der von Kandidaten des Theologischen Seminars unterstützt wurde. Scriba sollte 1852 eine Buchhandlung in Friedberg gründen, später wurde er Gemeinderat, Mitglied des Kreistages und des Landtages, 1879 wurde er zum Friedberger Bürgermeister gewählt. 30 Jahre zuvor zeigte er sich im »Volksblatt« als Kämpfer für die »Freiheit der Gesinnung« und die »Offenheit des Wortes«. Das »Volksblatt« ging in seinen Forderungen weiter als viele Paulskirchenabgeordneten. Alleiniger politischer Grundsatz sei der »Volkswille«, und der steht im Widerspruch zu den ererbten Rechten der Herrschenden: »Die reine Demokratie ist doch unverträglich mit jedem Vorrecht, mit jeder erblichen Bürde, sie erkennt bloß gleiche Berechtigung jedes Staatsbürgers an und darum ist sie in ihrer vollkommnen Durchführung nichts anders als der Freistaat, der da ist die alleine auf Vernunft und Natur gebaute Staatsform.«

Organ der Wetterauer Demokratie

Das »Wetterauer Volksblatt«, das zweimal wöchentlich erscheint, war ein Organ der Wetterauer Demokratie, ein republikanisches Kampfblatt, das die Mitglieder der Volksvereine über die Geschehnisse des revolutionären Jahres informierte. Verleger war C. Chr. Nagel in Friedberg, gedruckt wurde es bei Kohler und Teller in Offenbach, später bei M. Kuhl in Butzbach. Das Aus kam nach ziemlich genau einem Jahr. Der preußische König hatte die ihm von der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone zurückgewiesen, die Revolution war längst Geschichte, die Paulskirchenversammlung gescheitert. Scribas Angriffe auf die Obrigkeit führten dazu, dass er am 18. Juni 1849 verhaftet und im Gießener Provinzialarresthaus festgesetzt wurde; von der Anklage des Hochverrats wurde er später freigesprochen. Gibt sich der Aufmacher der letzten Ausgabe vom 30. Juni 1849 noch kampfesbewusst (»Wir stehen am Anfange der Bewegung«), so muss der provisorische Redakteur Schaub in Vertretung von Scriba (den »kalte Kerkerwände umschlungen halten«), auf Seite 4 die Niederlage der Demokratie einräumen. »Die Freiheit des deutschen Volkes war ein schöner März-Traum«, schreibt Schaub. Und er fügt mit unüberhörbarem Stolz hinzu: »Das Volksblatt hat niemals geheuchelt, und nun es die Wahrheit nicht mehr sagen darf, zieht es einen schnellen Tod einem hinwelkenden Scheinleben vor.«

Publizistische Fehden

In welcher Weise das »Wetterauer Volksblatt« Einfluss auf den Gang der 1848er-Revolution in Oberhessen nahm und welche Wirkung von ihm ausging, kann an dieser Stelle nicht näher erörtert werden. Eine Untersuchung samt einem Vergleich mit dem »Intelligenzblatt« wäre sicher eine lohnenswerte Aufgabe: Hier die politisch unabhängige, aber loyal zur Hessischen Regierung und zum Deutschen Parlament stehende Zeitung aus dem Hause Bindernagel, dort das politisch der demokratischen Linken nahestehende und deren Forderungen offensiv propagierende Blatt Scribas, das mit dem Scheitern der Revolution sein Ende fand. Die publizistischen Fehden der beiden Blätter - oder genauer gesagt ihrer Leser - wurden zuweilen in namentlich gekennzeichneten Artikeln ausgetragen. So antwortet am 8. Juli 1848 der Tierarzt Dr. Ritzel in einer Annonce im »Intelligenzblatt« auf eine Bemerkung im - so Ritzel - »Wetterauer Volks- (soll wohl heißen Pöbel-)Blatte«, ihm könne »keine größere Ehre widerfahren . .. als die, dass mir in einem Schandblatte, wie das ›Wetterauer Volksblatt‹ oder der ›Jüngste Tag‹ (revolutionäre Zeitung aus Gießen, d. Verf.) recht viel Schlechtes nachgelogen würde«. Jürgen Wagner

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