18. März 2015, 18:53 Uhr

Aus Mangel an Beweisen: Freispruch im Tabbo-Prozess

Altenstadt/Hanau (jwn/lk). »Das Blut Ihrer Schwiegermutter bleibt an Ihren Händen kleben«, sagte Staatsanwalt Matthias Pleuser zum Angeklagten Bashar G. Dennoch plädierte er für Freispruch. Richter Dr. Peter Graßmück folgte der Staatsanwaltschaft. »Im Zweifel für den Angeklagten«, sagte er.
18. März 2015, 18:53 Uhr
Die Verhandlung am Mittwoch scheint der Angeklagte Bashar G., hier neben Verteidiger Oliver Wallasch, gelassen zu nehmen. (Foto: Jürgen W. Niehoff)

Für Staatsanwaltschaft und Gericht ist dies ein äußerst unbefriedigendes Ende des Prozesses, der Anfang November begonnen hatte. Angeklagt war der Syrer Bashar G. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm vorgeworfen, seine Schwiegermutter in spe, die Altenstädterin Vebronia Tabbo, am 23. Mai 2013 erschlagen zu haben. Zehn Monate saß G. in Untersuchungshaft, vor knapp zwei Wochen wurde der Haftbefehl gegen den 29-Jährigen überraschend aufgehoben. Und auch der jüngere Bruder des Angeklagten, der 21-jährige Gabi G., wurde aus der Untersuchungshaft entlassen.

Am Mittwoch, dem 18. Verhandlungstag, erläuterte Richter Graßmück, warum die Große Strafkammer des Landgerichts die Haftbefehle aufgehoben hatte. Grund seien nicht nur die Erkenntnisse der Beweisaufnahme gewesen, sondern vor allem das gerichtsmedizinische Gutachten zur Ursache des Todes von Vebronia Tabbo. Im Gutachten war nicht ausgeschlossen worden, dass die 47-jährige Mutter dreier Kinder bereits durch Strangulieren tödlich verletzt worden war, und für diese Tat war Bashar G. nicht angeklagt. Laut Richter Graßmück sei mit dem Gutachten klar gewesen, dass G. die Tat nicht mit zumindest 95-prozentiger Sicherheit nachgewiesen werde könne.

»Lügengebilde aufgebaut«

Die Gerichtsmedizinerin, die das Gutachten verfasst hatte, berichtete am Mittwoch vom Ergebnis ihrer Untersuchung. Der Tod eines Menschen könne nach dem Strangulieren in Etappen zum Tode führen und sich bis zu einer Stunde hinziehen. Es sei möglich, dass der Körper in dieser Zeit noch immer Reflexe zeige, etwa Schnappatmung oder Gliederzittern. »Doch trotz derartiger Zeichen ist das Leben dann nicht mehr rückholbar«, sagte die Sachverständige.

Es wurden keine weiteren Anträge gestellt, Richter Graßmück schloss die Beweisaufnahme, Staatsanwalt Matthias Pleuser plädierte. Ausführlich ging er auf die Beweisaufnahme ein, erinnerte an Details, die im Laufe der 18 Verhandlungstage bekannt geworden waren. Seiner Ansicht nach liegt ein Tatgeschehen in mehreren Akten vor. Zuerst sei Vebronia Tabbo wahrscheinlich von ihrem Ehemann bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt worden. Danach sei sie von den Brüdern Bashar und Gabi G. in ein Waldstück zwischen dem Limeshainer Ortsteil Rommelhausen und dem Nidderauer Stadtteil Ostheim geschafft worden und dort, weil ihr Körper möglicherweise noch einmal reflexhaft gezuckt habe, mit einem Ast erschlagen worden. Unklar sei, ob Vebronia Tabbo zu diesem Zeitpunkt schon tot gewesen sei oder sich noch im Todeskampf befunden habe. Unklar sei auch, wer von den Brüdern die Schläge gegen den Kopf der Syrerin ausgeführt habe. An blutigen Ästen waren keine DNA-Spuren gefunden worden. Am Leichnam waren später nur Hautschuppen von Gabi und Bashar G. gefunden worden. Pleuser sagte, für ihn sei dennoch eindeutig bewiesen, dass Familienangehörige von Vebronia Tabbo deren Tod herbeigeführt hätten. Dafür spreche das Lügengebilde, das die Familie nach dem Tod der Mutter aufgebaut habe: In den Zeitabläufen seien erhebliche Differenzen aufgetreten, was darauf hindeute, dass versucht worden sei, den Kreis der Verdächtigen nach außen, außerhalb der Familie, zu verlagern. Der Familie habe sich die Frage gestellt, wem die Solidarität gelten solle – dem Opfer, Vebronia Tabbo, oder den Tätern – laut Pleuser sind das die Brüder und der Ehemann der Getöteten. Man habe sich für letztere entschieden. Am Tattag habe man versucht – nachdem man die damals angeblich vermisste Mutter gesucht hatte –, gleich wieder vermeintlichen Alltag einkehren zu lassen. Man habe gemütlich gefrühstückt, Flyer verteilt, sei zum Einkaufen gegangen. Dennoch, nachzuweisen sei die Tat nicht. Pleuser sagte zum Angeklagten: »Juristisch sind Sie nicht zu belangen, moralisch aber bleibt Ihr Handeln verwerflich.« Der geforderte Freispruch sei weder erster noch zweiter Klasse, sondern »ein Freispruch ganz tief unten in der Rangliste«.

»Wie Abfall in den Wald gelegt«

Das Gericht schloss sich in seiner Urteilsbegründung weitgehend den Ausführungen Pleusers an. Die Familie der Getöteten sowie der Angeklagte und sein Bruder hätten alles unternommen, um den Verdacht auf unschuldige Dritte zu lenken, etwa die Besitzer eines Restaurants in Altenstadt. Dort hatte Vebronia Tabbo am 23. Mai 2013 noch geputzt. Die Familie habe viele Nebelkerzen gezündet, die Medien missbraucht und Zeugen beeinflusst. Auch hätten viele glückliche Umstände dem Angeklagten in die Karten gespielt – etwa habe Dauerregen am Tattag fast alle Spuren am Tatort weggeschwemmt. Im Verfahren habe es zudem viele Ungereimtheiten gegeben.

Dennoch müsse das Gericht nach dem rechtsstaatlichen Grundsatz »in dubio pro reo« vorgehen. »Fest steht aber, dass Sie und Ihr Bruder die halbtote und bewusstlose Frau wie Abfall im Wald abgelegt haben. Fest steht auch, dass einer von Ihnen noch mit dem Ast auf Sie eingeschlagen hat. Doch wer das war und ob das Opfer zu dem Zeitpunkt schon tot war, kann nicht mehr bewiesen werden«, sagte Richter Graßmück zum Angeklagten. Weil der Täter nach Erkenntnissen des Gericht in irgendeiner Weise aus dem Familienkreis stammt, sei der Angeklagte deshalb auch kein Justizopfer, sondern in irgendeiner Form Tatbeteiligter.

Zu Folgeverfahren wird es laut Pleuser nicht kommen. Weder für die Brüder, noch für den Witwer. Grund: Die Beweislage bleibt unverändert. Wegen des Freispruchs erhält Bashar G., der die Tat abstreitet, für seine zehnmonatige Untersuchungshaft eine Entschädigung.

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