20. Februar 2019, 21:56 Uhr

Zwei Vermummte in der Wohnung

20. Februar 2019, 21:56 Uhr

Noch immer unter den Nachwirkungen eines Überfalls zu leiden hat eine 73-jährige Gießenerin, deren Wohnung in der Gartenstraße am späten Abend des 8. Juni 2017 von zwei jungen Männern heimgesucht wurde (die AZ berichtete). Dabei hatten die Einbrecher allerdings die falsche Wohnung erwischt. Sie waren auf der Suche nach Drogen bzw. Bargeld und glaubten, dies in der von ihnen widerrechtlich aufgesuchten Wohnung zu finden. Die Bewohnerin, eine zur Tatzeit 71-Jährige, hatte damit aber überhaupt nichts zu tun. Sie hatte auch keinen Sohn, wie die Angeklagten gemutmaßt hatten. Dabei herrschten offensichtlich Kommunikationsprobleme zwischen dem Tippgeber und den Einbrechern. Die Täter, die den Sachverhalt eingeräumt hatten, hatten sich bei der Wahl der Wohnung vertan.

Die Vernehmung des Opfers vor der 9. großen Strafkammer des Landgerichts erfolgte »audiovisuell«, das heißt, die Seniorin saß in einem anderen Raum, zu dem eine Bild- und Tonleitung gelegt worden war. Fragen und Antworten wurden in »Echtzeit« auf einen Bildschirm im Gerichtssaal übertragen. Auf diese Weise wurde der herzkranken Frau ein Wiedersehen mit den Tätern erspart. Sie schilderte ihr relativ kurzes Martyrium (»ca. zehn bis zwölf Minuten«), bei dem sie sogar Todesangst ausgestanden hatte.

Im Großen- und Ganzen bestätigte sie die Aussagen der Täter, wobei im Prozess ein 29-jähriger Spanier als Anstifter und ein 23-jähriger Somalier als Täter auf der Anklagebank saßen. Das Verfahren gegen den zweiten Haupttäter war abgetrennt und ans Jugendschöffengericht verwiesen worden.

Die Zeugin berichtete, dass sie an jenem Abend bester Stimmung gewesen war. Sie hatte einen schönen Tag erlebt und sich noch längere Zeit mit einer Bekannten unterhalten, ehe sie in ihre Wohnung zurückkehrte. Beim Fernsehen hörte sie plötzlich ein Fenster im Nebenzimmer ihrer Wohnung im Erdgeschoss schlagen. Sie dachte zunächst an einen Windstoß, wurde aber Sekunden später eines Besseren belehrt, als zwei vermummte Männer vor ihr standen, die durch das geöffnete Fenster in die Wohnung eingestiegen waren. Der eine, sehr wahrscheinlich der Somalier, drückte sie auf die Couch. Sie habe um Hilfe rufen wollen, doch da presste der Mann ihr Gesicht gegen die Lehne.

Beamte mit richtigem Riecher

»Bitte lassen Sie mich gehen«, sagte sie eigenen Angaben zufolge dem Eindringling, dieser habe geantwortet: »Wenn Sie ganz ruhig sind, passiert ihnen nichts.« Die Seniorin berichtete weiter: »Er schrie ständig, ›Wo ist dein Sohn? Wo ist das Geld?‹ Ich habe ihm geantwortet: ›Ich habe keinen Sohn und auch kein Geld.‹ Als das dann klar war, haben sie mich nicht mehr festgehalten.« Später haben die beiden Männer das Haus durch die Vordertür verlassen, wobei einer noch gegen die Tür getreten habe. »Das klang wie eine Bombe«, erklärte die Zeugin, die sich drei Jahre zuvor einer Herzoperation hatte unterziehen müssen. »Mir ging es total schlecht«, teilte sie mit. Trotz entsprechender psychotherapeutischer Behandlung kann sie heute nachts nicht richtig schlafen. »Es geht mir nicht gut«, beschreibt sie ihren Zustand. Die beiden Täter haben es geschafft, die Seniorin ihrer Lebensqualität zu berauben. Zwar entschuldigte sich der Spanier bei dem Opfer (»Das tut mir sehr weh«), doch auch das kann das Geschehene nicht rückgängig machen. Die Wunden werden bleiben.

Vernommen wurden auch die Polizeibeamten, die sich in unterschiedlichen Funktionen mit dem Fall zu befassen hatten. So berichtete einer, dass man über DNA-Abgleich auf die Spur der Täter gekommen sei. Die vernommenen Ordnungshüter berichteten unabhängig voneinander, dass das Opfer stark unter der Tat gelitten hatte. Umso bemerkenswerter war es, dass sich die tapfere Seniorin am Dienstag den Fragen des Vorsitzenden Richters Dr. Klaus Bergmann stellte und dem Gericht half, die Taten entsprechend zu bewerten. Den richtigen Riecher hatten übrigens die ermittelnden Beamten, die nach dem Vorfall in der einen Wohnung auch die Nachbarwohnung unter die Lupe nahmen und Betäubungsmittel finden konnten. Fortgesetzt wird der Prozess am Dienstag.

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