Stasi-Expertin zog bitteres Fazit

Gießen (dkl). Zu einem Gedenkvortrag zum 23. Jahrestag des Mauerfalls hatte die Junge Union Gießen am Freitag ins Kerkradezimmer der Kongresshalle geladen. Doch über den 9. November 1989, der die beiden Teile Deutschlands wieder zusammenbringen sollte, referierte Birgit Siegmann nicht.
11. November 2012, 21:33 Uhr
Birgit Siegmann ist Mitarbeiterin des Stasi-Museums. (Foto: dkl)

Sie berichtete über den Alltag in der DDR, die Situation in den Schulen und darüber, wie stark das Leben von der Staatssicherheit (Stasi) und der Staatspartei SED durchdrungen war. Auch wenn sie ihren lichtbildgestützten Vortrag in freier Rede hielt und immer wieder durch Anekdoten auflockerte, so lief es einem doch häufiger kalt den Rücken herunter ob der bedrängenden Lebensverhältnisse in 40 Jahren Deutscher Demokratischer Republik.

Birgit Siegmann ist pädagogische Mitarbeiterin des Stasi-Museums in der Berliner Normannenstraße, das im Haus 1 residiert, wo einst das Mielke-Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) saß. In insgesamt 50 000 Räumen arbeiteten 15- bis 18-tausend hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter aus vielen Berufen. Siegmann leitet Führungen durch das Museum und nutzte auch beim Vortrag diverse Innenansichten und Ausstellungsobjekte.

Sie überraschte mit ihrem fränkisch gefärbtem Dialekt, doch wuchs sie auf in einem Sperrgebiet an der Zonengrenze, das von drei Seiten »vom imperialistischen Klassenfeind« umgeben war. Ihre Eltern seien systemkonform gewesen, andere durften dort gar nicht mehr wohnen, die waren zwangsumgesiedelt worden. Da sie weitgehend von ihrer Großmutter erzogen wurde, habe sie zum Glück nicht nur DDR-Erziehung genossen. Sie durfte Abitur machen und studieren, auch ihren Wunschberuf der Lehrerin ergreifen. Doch merkte sie bald, dass dieser Beruf in dem diktatorischen Staat nichts für sie war. Alles war vorgeschrieben, inklusive der Verpflichtung zur Bespitzelung von Schülern und Eltern.

Nach 1989 bekam sie Ärger mit ihren Kollegen, weil diese meinten, dass eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR nicht nötig sei. Das habe sich bis heute nicht geändert, sondern sogar ins Gegenteil verkehrt. »War doch nicht alles schlimm, es gab auch gute Seiten«, das höre sie immer wieder und erinnere doch stark an den Spruch von »Hitlers Autobahnen«. Man hatte auch in der DDR Wahlfreiheit, doch sobald man nicht mehr systemkonform war, musste man mit massiven Strafen und Behinderungen rechnen. Das waren Verweigerung von Studium und Beruf, Gefängnisstrafen und Mord (auch in der BRD), Zerstörung von Karrieren und Familien.

Siegmann berichtete zum Beispiel von Dissertationen bei den Juristen zum Thema wie man Menschen so zermürbt, dass sie Selbstmord begehen oder zumindest in der Psychiatrie landen. »Die sind alle im Amt geblieben nach 1989, denen ist der Doktortitel nicht aberkannt worden«, so ihr bitteres Fazit.

»Wenn es früher schon facebook gegeben hätte, dann hätte die Stasi nicht so viele Mitarbeiter gebraucht.« Ein Grund für sie, junge Menschen zur Vorsicht zu mahnen beim Umgang mit den Internetforen. Die Karteikarten für politisch Unzuverlässige enthielten gut 140 Informationen, bis hin zu privaten Vorlieben und Hobbys. Kilometerlange Aktenbestände habe das Ministerium aufbewahrt, immer noch sei vieles aufzuarbeiten. »Der Alltag war von Misstrauen durchzogen, man wusste nie, wem man trauen kann. Und viele haben sich getäuscht, wie sie nach Einsicht in ihre Akten feststellen mussten. Sogar Ehepartner haben als IM (Inoffizielle Mitarbeiter) ihre Lebensgefährten verraten und sie ins Gefängnis gebracht.«

»Transmissionsriemen der Partei«

Dass die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) über allem stand und die wichtigen Entscheidungen traf, das dürfe nicht vergessen werden, so die Referentin. »Die Erziehung zum neuen Menschen« hatte hohe Priorität und Lehrer galten als »Transmissionsriemen für die Partei«. Siegmann: »40 Jahre DDR, das bedeutet, die Menschen wurden platziert«, will heißen: über sie wurde bestimmt von der Wiege bis zur Bahre«. Die Bürger der DDR hätten nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Und das sei das große Problem in den Jahren nach der Wende gewesen.

Ein nachdenklich stimmender Vortrag, der an vielen Stellen vertieft werden könnte. Ein Abstecher ins Stasi-Museum beim nächsten Berlin-Besuch sollte bedacht werden.

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