11. Januar 2019, 21:26 Uhr

Schuld sind die anderen

11. Januar 2019, 21:26 Uhr
In der Rio Bar wird auch getanzt. (Foto: Friese/Stadttheater)

»Ich trinke in der Rio Bar. Ich schreibe einen Roman, in dem ich mich in der Rio Bar betrinke. Und ich schreibe den Text ›Acht Monologe über den Krieg für acht Schauspielerinnen in Brautkleidern‹. Und ich trinke weiter. Besser wäre es, etwas zu essen.« Am Beginn der Inszenierung ist dieser Text auf die Bühnenrückwand projiziert zu lesen. Jede Stadt hat ihre Rio Bar, sagt Autorin und Regisseurin Ivana Sajko. Ein Ort, in dem man den atmosphärischen Wandel in einer Gesellschaft spüren kann. Doch wird die Bar vom gemütlichen Ort, an dem man sich gern aufhielt, Nachbarn und Gäste sich trafen, plötzlich zum Zentrum des Streits. Dessen Kernsatz lautet: Wir haben nicht angefangen. Schuld sind die anderen. Und einen Schuldigen braucht man offenbar immer.

»Rio Bar« ist der erste Roman von Ivana Sajko, die sonst Theatertexte verfasst und Regie führt. Sie habe etwas Persönliches schreiben wollen, vor allem aus verschiedenen Perspektiven, sagte sie bei der Kostprobe des Stücks vor einer Woche. Die Erfahrung lehre, dass jede Kriegspartei, jeder einzelne Beteiligte sich im Recht fühle. Es gibt demnach viele Wahrheiten, aber nicht jeder schaut über den Rand der eigenen Wahrheit hinaus.

Den Roman schrieb die Kroatin zehn Jahre nach Ende des Jugoslawienkriegs, verarbeitet darin Kriegstraumata. Es gab bislang keine dramatisierte Fassung des Romans, die hat sie in Gießen gemeinsam mit dem Team des Stücks erarbeitet. Herausgefallen sind alle konkreten Kroatien-Bezüge, genommen wurden eher dialogische Szenen, weil diese für die Bühne umsetzbar sind. Es ist Sajkos erste Regiearbeit für ein deutsches Stadttheater und die Uraufführung von »Rio Bar«.

Starke Schauspieler

Das phänomenale Schauspieltrio besteht aus Carolin Weber, David Moorbach und Magnus Pflüger. Sie trägt ein weißes Kleid und rote Tanzschuhe, anfangs auch eine blonde Langhaarperücke, gibt aber weniger die Braut als die Verzweifelte, die ihre Ängste und Sorgen in Alkohol ertränkt. Und sich nicht mehr erinnert. Die beiden Männer wechseln ihre Rollen: sie sind Angreifer mit dem Gewehr, wozu der Mikrofonständer mutiert, sie zeigen Anmache, Machoverhalten, sexuelle Bedürfnisse. Sie werden durch Schmuck und Schminke zur Braut (Ausstattung Sandra Li Maennel Saavedra), die von ihrer Hochzeitsfeier berichtet, in die eine Granate einschlug und die Gäste in Stücke riss.

Alle drei Darsteller haben intensive Soloparts, berührende Zweierszenen, in denen es um Annäherung für den Moment geht. Und es ist erstaunlich, wie so wenige zum Ende hin eine Gruppenschlägerei darstellen können. Videokameras auf der Bühne übertragen die Figuren an die Rückwand, fungieren in der Nähe als Spiegel und auf die Distanz als Raumerweiterung. Die angstbesetzten Szenen werden durch einen entsprechenden Sound aus Alltags- und Straßengeräuschen unterlegt. Der Bühnennebel weckt mal die Assoziation an Pulverdampf, mal an die rauchgeschwängerte Luft einer Bar. (Video und Sounddesign: Pavlica Bajsic Brazzoduro, Dinko Brazzoduro)

Ist es Feigheit, wenn man zu aktuellen Ereignissen schweigt? Ist Selbstschutz verachtenswert? Wer taugt zum Helden, der die Stimme erhebt, der Widerstand leistet? Vielleicht ist doch alles nur ein Traum? Aus dem wir erwachen, wenn der Wecker fiept? Aber aus dem Fiepen wird lautes Sirenengeheul, unterlegt durch das Geräusch von Granateneinschlägen. Es scheint ein immerwährender Kreislauf zu sein, alles beginnt von vorn. Das Unheil, das Kassandra voraussah, ist nicht abzuwenden. Die Angst kommt aus der Zukunft.

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