10. Januar 2019, 21:20 Uhr

Arbeit

Im Einsatz für gute Arbeitsbedingungen – DGB-Vorsitzender Matthias Körner im Interview

Die Gewerkschaften sind Experten im Einsatz für gute Arbeitsbedingungen. Welche Rolle spielt das Einkommen für Zufriedenheit? Gibt es die ideale Wochenstundenzahl? Und was hat der Widerstand gegen Einkaufs-Sonntage damit zu tun? Das erklärt der heimische DGB-Vorsitzende Matthias Körner.
10. Januar 2019, 21:20 Uhr

Arbeit

In unserer Serie »Arbeit - Zwischen Last und Lust« fragen wir Gießener nach ihren Erfahrungen unter verschiedenen Blickwinkeln.

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Herr Körner, hinter dieser Serie steht der Gedanke: In altmodischen englischen Krimis würde es keinem Wohlhabenden im Traum einfallen, berufstätig zu sein. Andererseits gibt es heute Extra-Werkstätten, um Menschen mit Behinderung die Chance zur Beschäftigung zu bieten. Was ist Arbeit denn nun: Last oder Lust?

Matthias Körner: In unserer gegenwärtigen Gesellschaftsordnung verschafft Arbeit dem Einzelnen das Gefühl, etwas für die Gemeinschaft beizutragen. Die Fixierung auf Lohnarbeit steht zum Teil in der Kritik, es gibt ja die Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ich bin gar nicht so sicher, ob das eine Befreiung wäre. Man kann Befriedigung aus dem Gefühl schöpfen: Ich habe etwas, nämlich meine Arbeitskraft, und jemand anders ist bereit, dafür zu bezahlen. Karl Marx sprach vom »selbstbewussten Produzentenstolz«. Die Frage ist: Trägt dieses Gefühl über 30, 40 Jahre?

Welche Rolle spielt das Gehalt dabei?

Körner: Grundsätzlich muss für Zufriedenheit das, was man bei einem Vollzeitjob verdient, zum Leben reichen. Wenigstens ein Urlaub am Edersee muss drin sein. Trotz der guten Arbeitsmarktlage sinkt die Zahl der Aufstocker – die neben dem Arbeitslohn Sozialleistungen beziehen müssen – kaum.

Im Augenblick ist viel im Fluss. Dinge oder Dienstleistungen werden plötzlich kostenlos oder teurer. Solche Aufwertungs- und Abwertungsprozesse gab es schon immer, aber nicht in diesem Ausmaß. Ein Beispiel: Webseiten gestalten. Vor 20 Jahren haben das noch begeisterte Hobby-ITler nebenbei gemacht, oft haben sie nur einen Hunderter dafür bekommen. Oder: Es ist noch nicht so lange her, dass ein Paketbote bei der Bundespost von seinem Beruf eine Familie ernähren konnte.

Folgen solche Prozesse sozusagen naturgegebenen Marktgesetzen?

Körner: Genau diese Frage müssen wir uns immer stellen. Welche Entwicklungen entspringen gesellschaftlicher Logik, zum Beispiel in Ihrer Branche, weil die Leute mehr auf dem Bildschirm lesen und weniger auf Papier – und hinter welchen steckt politischer Wille, der veränderbar ist? Bei Kurierdiensten, in der Fleischverpackung, in der Lebensmittelindustrie sehen wir eine absichtlich herbeigeführte Abwertung. Oder bei den Busfahrern, wenn es heißt: Wir schaffen die vermeintlichen Pfründe der Altgedienten ab, dafür können mehr Busse fahren.

Die Arbeitsbedingungen sind heute oft so intransparent wie nie zuvor

Matthias Körner, DGB-Vorsitzender

Bei der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage könnten Arbeitnehmer eigentlich wieder aufmüpfig für ihre Interessen eintreten. Ist das Bewusstsein dafür – und damit für den Sinn von Gewerkschaften – geschwunden?

Körner: Es ist erstaunlich, wie viel die Leute sich gefallen lassen. Nehmen wir den Mindestlohn: Bis zu drei Jahre kann man ihn nachfordern. Dazu sind viele nicht bereit, nicht einmal dann, wenn sie den Arbeitgeber längst verlassen haben. Dabei geht es da schnell mal um einen Tausender.

Woran liegt das?

Körner: Die Arbeitsbedingungen sind heute oft so intransparent wie nie zuvor. Ganze Geschäftsmodelle basieren darauf, dass keiner genau weiß, wie viel der Kollege verdient. Wenn sich heute zwei Stadtbusse in Gießen begegnen, winken sich manchmal dreistellige Gehaltsunterschiede zu. Und: Gute Arbeitsbedingungen, zum Beispiel die Humanisierung in der Industrie, werden nicht mehr wahrgenommen als Ergebnis von Auseinandersetzungsbereitschaft.

Können Gewerkschaften in der globalisierten Arbeitswelt überhaupt noch viel erreichen?

Körner: Nach wie vor gilt der Grundsatz: Gewerkschaftlich gut organisierte Belegschaften haben gute Tarifverträge. Bei Konflikten muss sich keiner individuell wehren, selbst bei Entlassungen ist die Fallhöhe geringer. In einer Gewerkschaft zu sein, ist die beste Methode gegen kapitalistische Abzocke im harten Globalisierungswind.

Zurück zum Thema: Wie kann ich 30 oder mehr Jahre im Beruf zufrieden und gesund bleiben? Ist das heute schwerer als früher?

Körner: Teils teils. Was sich stark verbreitet, ist die »Interaktionsarbeit«. Wenn ich mein Pensum nicht schaffe, steht nicht irgendein anonymes Unternehmen ohne die nötigen Teile da, sondern der Herr Schmidt in Ingolstadt. Diesem Druck – »ich habe es versprochen, ich möchte den nicht enttäuschen« – können wir als soziale Wesen uns nur schwer entziehen. Das Gefühl, nie fertig zu werden, nimmt zu. Solche Stressfaktoren können zu psychischen Problemen bis zur Arbeitsunfähigkeit führen.

Gibt es in Ihren Augen das ideale Maß an Wochenarbeitszeit?

Körner: Ich glaube, dass sich das im Laufe des Lebens ändert – etwa je nachdem, ob man kleine Kinder, pflegebedürftige Eltern oder viele Ehrenämter hat. Ein wesentlicher Punkt für das Wohlbefinden ist Souveränität. Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Arbeitszeit zu Ihren Bedürfnissen passt, stimmt das Wesentliche. Die Arbeitsschutzgesetze geben dabei die Leitplanken vor, zum Beispiel: Man sollte maximal zehn Stunden an einem Tag arbeiten, und das auch nur in Ausnahmesituationen.

Viele arbeiten mehr.

Körner: Diese Gesetze sind ja das Ergebnis von Diskursen und Erfahrungen. Es gibt Belastungen, die halte ich mit 30 wunderbar aus. Aber wenn die Standards für alle aufgeweicht werden, ist das nicht gut. Deshalb sind wir auch so bärbeißig beim Thema Sonntagsöffnung. Die individuellen Interessen der Gießener Geschäftsleute können wir verstehen. Aber in einer Gesellschaft, die ständig über Entgrenzung und Beschleunigung klagt, sollten wir diese Leitplanken nicht verschieben. Warum freuen wir uns denn jedes Jahr so auf Weihnachten? Weil diese Pause über mehrere Tage gesellschaftlich akzeptiert ist. An Weihnachten erwartet wirklich niemand, dass ich eine dienstliche Mail beantworte. Es wird Gas rausgenommen, das entspricht einer allgemeinen Sehnsucht.

Und wie viel arbeiten Sie selbst?

Körner (lacht ein wenig schuldbewusst): Ein Kollege sagt immer: Am Fuß des Leuchtturms ist es am dunkelsten. Wenn ich zu viel arbeite, dann nicht, weil ich von meinem Arbeitgeber Druck bekomme. Eigentlich kriege ich es hin. Wenn man Kinder hat, ist es sowieso ein ständiger Kampf, alles unter einen Hut zu kriegen.

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